Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316347--51369-3379144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auch im weitem. Verlauf der Versammlung Gelegenheit, Anfragen aus der Mitte des Publikums unter dessen Beifall zu beantworten. Im Anschluß an das Referat erbat sich Advokat Herr Dr. Carl Löwy das Wort und bekannte sich in längern Ausführungen zur zionistischen Idee, indem er erklärte, daß es für den Juden heute nur zwei Wege gebe, den der vollständigen Assimilation unter Hinwegsetzung über alle Bedenken und Ziehung der letzten Konsequenzen, oder das offene stolze Bekenntnis zu seinem Volke und die Pflichterfüllung gegen dieses. Dieses aus tiefer innerer erkämpfter Oberzeugung abgelegte programmnationale Bekenntnis, in vornehmer Schlichtheit vorgebracht, übte auf die Versammlung einen tiefen Eindruck, und auf die Aufforderung des Referenten und des Vorsitzenden meldete der größere Teil der Versammlung sofort seinen Beitritt. Jüdischer Frauenbund In Frankfurt a. M. hat sich unter dem Vorsitz von Frau Martha Schlesinger eine Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes gebildet. Die neue Vereinigung hat außer der allgemeinen Propaganda für die Ideen des Bundes als nächstliegende Arbeitsgebiete: die Bekämpfung des Mädchenhandels und die Anregung für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in einigen Nachbarstädten in Angriff genommen.' Ober die Ergebnisse der Tätigkeit hoffen wir unsern Lesern in einiger Zeit berichten zu können. Brief aus Konstantinopel .(Von unserm Berichterstatter) Der jüdische Deputierte von Konstantinopel Noch bis zum letzten Augenblicke, einen Tag vor den Schlußwahlen, war keine Voraussage über das Ergebnis möglich.. Es waren und . blieben. drei jüdische Kandidaten, deren jeder seine Vorzüge und Anhänger hatte. Das mußte schließlich gar zu einer Katastrophe führen, wenn keine Änderung eintrat Wenn die jüdischen Wahlmänner, — zu denen u. a. unser Gesinnungsgenosse und Vertreter des Hilfsveteins, Advokat Dr. Leo Schönmann, zählte, — uneinig blieben und ihre türkischen Parteigänger mit ihnen ihre Stimmen auf die drei jüdischen Kandidaten zersplitterten, so konnte, ja mußte fast die Wahl eines Juden überhaupt in Frage gestellt sein. In den letzten zwei Tagen klärte sich jedoch die Lage zum Besten einer Einheitskandidatur. Das jüdische Wahl- , komitee, an dessen Spitze der Colone! Moise bey dal Medico stand, hatte das jungtürkische Komitee endlich dazu gebracht, ..die Kandidatur Faraggis gutzuheißen. Auf der Kandidatenliste des Jungtürkenkomitees erschien sodann in den Tagesblättern der Name Faraggis unter den zehn für Konstantinopel Designierten, und ein Aufruf des jüdischen Wahlkomitees in der jüdischen und türkischen Presse forderte die Wahlmänner unter Hinweis auf die Verdienste Faraggis auf, diesem einmütig ihre Stimme zu geben. Damit waren die übrigen beiden, Russo und Asseo, ausgeschaltet, und die Gefahr einer Wahlniederlage der Juden in Konstantinopel ausgeschlossen. Am Freitag, den 11. d. M., versammelten sich die 477 Wahlmänner der Hauptstadt, und wie vorauszusehen, ging Vitali. Faraggi Effendi als jüdischer Abgeordneter aus der Abstimmung hervor. Faraggi, dessen Bild wir unsern Lesern vorführen, ist im Jahre 1852 in Serres geboren. Seine Kenntnisse hat er sich auf autodidaktischem Wege erworben. Mit zwanzig Jahren kam er ■ nach Salonik, und lebte zwanzig Jahre in dieser Stadt, die seine zweite Heimat wurde. Sehr jung begann , er sich mit der Frage der Erziehung und des Unterrichts zu befassen und zugleich^n die jüdischen Gemeindeangelegenheiten einzugreifen. Er wurde Mitglied des Studienkomitees für die Allianceschulen und später Mitglied des ADTiancekomitees. in Salonik selbst. Sodann wurde er in den jüdischea Gemeinderat der Stadt gewählt, wo er insbesondere sich Verdienste um die Bildung einer großen einheitlich-ottomanischen (sehr viele Säioniker Juden waren damals noch ausländische Untertanen) Judengemeinde erwarb. Seine Hauptwirksamkeit bestand in der Herstellung einer gesunden Finanzpolitik der Saloniker Gemeinde, und seinem Finanztalent ist es zuzuschreiben, daß das Defizit von 20 000 türkischen Pfund, das er vorfand, sich nach und nach in ein gleichgroßes Plus umwandelte. Auch der Staat wurde auf seine Fähigkeiten aufmerksam, und so wurde er zum Mitglied des öffentlichen Erziehungsrats in Salonik ernannt Seit 1892 lebt Faraggi in der Hauptstadt, wo er als Advokat und Legist der Kaiserlich-ottomanischen -Tabakregie einen angesehenen Namen erwarb. Auch hier'nahm er eifrig Anteil, an.'den Angelegenheiten der Gemeinde und war einer der wenigen,, die nach Verkündigung der Konstitution. den türkischen: Juden die ersten Schritte zu ihrer Geltendmachung und.Vertretung.wiesen.'",; '.. Türken und Griechen Die Kämpfe, die sich gegenwärtig zwischen den Nationalitäten des ottomanischen Reiches abspielen, sind symptomatisch für uns von höchster Bedeutung. Und von der Entwicklung und dem Ausgang dieser Kämpfe — wenn", überhaupt von einem solchen Ausgang je zu sprechen sein wird, — wird das Schicksal des zionistischen Gedankens wesentlich beeinflußt werden. Die Griechen, als die stärkste der nichtmohammedanischen Nationen, trat in der neuen Ära der Freiheit, nach dem ersten Taumel der ottomanischen Verbrüderung, als erste und energischste mit ihren Sonderansprüchen hervor. Sie lanzierte ihr Programm, das die Forderungen einer kulturellen Autonomie und der Selbstverwaltung in den vorherrschend griechischen Zentren enthielt, als erste in die Öffentlichkeit und trat am eifrigsten in die Wahlkampagne ein. Nachdem schon dieses dezentralistische Programm die Freundschaft der Jungtürkenetwas abgekühlt hatte, die durch den Besuch mehrerer Tausend hellenischer Untertanen nicht völlig mehr wiederhergestellt werden konnte, trat plötzlich, mit der Unabhängigkeitserklärung der griechischen Kreter, ein unüberbrückbar VITALI FARAGGI EFFENDI klaffender Zwiespalt ein. Dieser hat sich nun während der ganzen Dauer der Wahlbewegung noch verschärft Die Griechen hatten es ihrer provozierenden Haltung selbst zuzuschreiben, wenn ihren zum Teil gerechten Forderungen immer weniger nachgegeben wurde. Ihr erster Fehler war, daß sie ihre eigene numerische Stärke sehr überschätzten. Sie. sprachen von 6 Millionen Hellenen, die im ottomanischen Reiche ihr Vaterland haben sollten. Sie schrieben sich die relative Majorität in der Hauptstadt zu oder stellten wenigstens die des türkischen Elements in Frage. Diesen übertriebenen Selbsteinschätzungen entsprechend waren die Forderungen, die sie betreffs der Ziffer ihrer Deputierten stellten. Fünfzig Abgeordnete zumindest mochten sie erwartet haben. Und als sie dann in einem und dem andern Wahlkreis bittere Enttäuschungen erlebten, erhoben sie ihre Stimme zum lärmenden Protest gegen angebliche Wahlfälschungen, Beeinflussungen und Vergewaltigungen, die von jungtürkischer Seite gegen sie begangen sein sollten. Wenn nun auch nicht behauptet werden soll, daß absolut keinerlei Unregelmäßigkeiten bei der Handhabung der Wahlen von seiten der Staats- und Kommunalbehörden geschehen seien, — soll doch, dergleichen auch in Staaten von alter Zivilisation und Konstitution* nicht unmöglich, sein, — so ist doch nachgewiesenermaßen im wesentlichen die Mindestzahl des griechischen Elements die Ursache der Niederlage gewesen. Man war ihnen entgegengekommen; sie selbst hatten in ihren Gemeinden ihre Wählerlisten aufstellen dürfen; aber lange nicht die angegebene Wählerzahl stimmte. Da zweifellos kaum ein stimmberechtigter Grieche sich der Stimme enthielt, so waren es offenbar die Wählerlisten selber, die den tatsächlich vorhandenen Stimmenden nicht entsprachen.