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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 20

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 20)
Language
German
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einen Pakt zwischen den galizischen Jüdischnationalen und dem Polenklub verhindert. Bei. den Kultuswahlen konnte man keine. Mäßigung üben, nachdem 12000 Wähler um ihr Wahlrecht gebracht wurden. Die Kandidatur Frank war nicht aufrecht zu erhalten. Man muß alltägliche Arbeit verrichten. Herr Dr. Zuckermann lehnt die Wahl in das provisorische Dreier-Komitee ab. Es sprachen noch die Herren Reich, Schönhof, Schmitz, Stein, Weiner. Dem abtretenden. Distriktskomitee wird das Absolutorium erteilt und für seine Tätigkeit bei den Kultuswahlen Dank vetiert. Ein Amendement Dr. Zuckermann, daß „unter den gegebenen Umständen der eingeschlagene Weg der einzig mögliche war", wird abgelehnt. In das provisorische Komitee wurden gewählt die Herren Adolf Brecher, Dr. Josef Jerusalem und S. Beer. Der Distrikstag vertagte sich hierauf. Die nächste Sitzung findet voraussichtlich in vier Wochen statt. Theodor Herzl-Abend (Schluß der Rede Felix Saltens*) Wie er begonnen hat. das wissen Sie alle, ich brauche es Ihnen nicht zu sagen. „Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen," sagt er selbst voll Ahnung. „Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein." Wie er aufgenommen wurde, muß ich Ihnen auch nicht erzählen. Er selbst sagt: „Die Welt würde erstaunen, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, und wer die Feinde meines Planes waren." Wir kennen diese Feinde. Es sind die Großstadtjuden, die Oberschicht, die noch im Mißverständnis der Emanzipation leben, die sich für dieses Geschenk der Emanzipation stets bedanken. Wir sind befreit worden gegen den Willen unserer Befreier. Sie konnten nicht anders, sie glaubten es ihrer Humanität zu schulden. Die schmutzige Kloake des Ghettos konnte in die neue Zeit nicht mitgeschleppt werden (Zustimmung). Wie vieles halten wir für „jüdisch", was nur eine Folge dieses Mißverständnisses war! Für uns hat Herzl dieses Mißverständnis beseitigt. Wir haben die Klarheit und die Ruhe wiedergewonnen. Wir sind nicht mehr verwirrt. Sie lieben uns nicht, — wir wissen warum. Nun, wir lieben die andern auch nicht, — wir wissen auch warum! (Heiterkeit und Beifall.) Seitdem wir den Judenstaat wollen, erinnerten wir uns des Landes, für das wir noch lange werden arbeiten müssen. Denn wir wollen das Wort „Gastrecht" tilgen. Redner wendet sich gegen die Behauptung, die Juden seien Fremde in ihren Wohnländern. Jüdische Arbeit und jüdische Leistungen sind von der Geschichte dieses Landes nicht zu trennen. Redner verweist auf die Vorgänge an der Wiener Universität, die jüdischen Männern der Wissenschaft so viel zu verdanken hat. Halten wir Abrechnung. Was schulden wir?. Was macht unsere Zeche aus? Wir haben sie bezahlt und überzahlt. Herzl ist von der Londoner Ffemdenkommission gefragt worden, ob man Patriot seines Landes und zugleich Zionist sein könne. Herzl scheint die richtige Formel nicht gleich gefunden zu haben. Er hätte sich selbst als Beispiel anführen können. Sie werden noch heute hören, was er als Schriftsteller gewesen, was er als Journalist für die Presse dieses Landes geleistet, wie er aus der Geschichte dieser Presse nicht zu tilgen ist. So hat Herzl für das gewährte „Gastrecht" gezahlt. Als Gegenwert erhielt er erlebte Enttäuschungen und erloschene Illusionen. Der heutigen Jugend ist der schmerzliche Herzl-Weg erspart. Wir haben durch ihn den Weg zü uns selbst gefunden. Er war uns ein Vorkämpfer und Voranschreiter. Deshalb feiern wir sein Andenken, wenn die Makkabäertage herannahen. Der Führer ist nicht ersetzt. Uns fehlt ein Mann. Bis er erscheint, wollen wir arbeiten, den Boden bereiten, uns geben, damit der Führer ein starkes Heer finde. Herzl hat das Judentum erweckt und istselbei schlafen gegangen. Die Leuchte, die er entzündet, war er selbst. Und wie eine Fackel ist er für uns verbrannt. Aber das erwachte Judentum wird nicht mehr einschlummern. Es wird sich vom Huma-. nitätsschwindel nicht mehr betäuben lassen. Wir sind jetzt erregt, und es ist möglich, daß in uns ein Gefühl des Hasses gegen unsere Verfolger aufflammt. Denn noch leben wir im Krieg. Wer heute Milde predig}, Versöhnung und Liebe, der istentweder ein Heuchler oder ein Trottel. Ich möchte weder das eine noch das andere sein. Sonst wäre ich nicht' mehr würdig, über *) Der nachstehende Teil der Gedenkrede Felix Saltens ist nicht dem Wortlaut nach wiedergegeben. Theodor Herzl zu sprechen. (Stürmischer, anhaltender, wiederholter Beifall. Redner wird beglückwünscht) Erinnerungen an Theodor Herzl war der Titel des Vortrages, den Herr Hermann Bahr hielt. Stürmisch begrüßt führte der gefeierte Schriftsteller etwa folgendes, aus: Es war schon lange her. Vor 30 Jahren. Wir waren^beide deutsch-nationale Couleurstudenten in derselben Burschenschaft. Ich war um einige Jahre jünger. Herzl mußte wegen seines 'Judentums austreten. In der Verbindung aber spricht man mit großer Verehrung von ihm. Eines Tages stieß ich in Begleitung eines Kollegen auf der Wollzeile mit Herzl zusammen. Der Kollege nannte mir seinen Namen. Schon damals fiel mir seine ungewöhnliche- Höflichkeit, Liebenswürdigkeit und stolze Sicherheit auf. Er war wie ein verstoßener Königssohn, der sich auf der Flucht befindet. Nach langer Zeit begegneten wir uns wieder, in Berlin. Man hatte damals auch in Berlin das Bedürfnis nach heiteren und blumigen Feuilletons und berief Herzl dazu. Den Eindruck, den er zu jener Zeit auf mich machte, habe ich nicht anders wiedergeben können als durch ein Zirkuserlebnis, das ich Herzl erzählte. Er hat mich nicht mißverstanden. Ich will es auch Ihnen erzählen. Ich habe in einem Zirkus einen verarmten Armenier aus vornehmer Familie gesehen, der sich als Jockei produzieren mußte. Er - saß jeden Abend stolz auf seinem Roß. Ich aber hatte immer die Empfindung, daß hinter dem sichern Kunstreiter der Schmerz sitzt. ... In allen geistvollen und heitern Schriften Herzls fühlte man diesen Zorn, Traurigkeit und Schmerz. Das ist es auch, was mir am meisten an ihm gefallen hat * Von Berlin ging Herzl nach Paris, wo er Korrespondent der „Neuen Freien Presse* wurde. Ich kam gerade nach Paris und suchte ihn in der Kammer auf. Es war die Zeit des Panamaskandals. In der Kammer zitterte, wütete, tobte der Kampf. Jeden Tag mußte dem Lande ein Opfer hingeworfen werden. Diesmal war es Ribot oder Deroulede. In der Journalistenloge, die in der französischen Kammer einem Pferdestall gleicht, drängten sich erregt französische und fremde Berichterstatter. Herzl stand vorne, ruhig und vornehm. Wir begrüßten uns und verließen nach geschlossener Sitzung das Parlament. „Es muß doch eine Freude sein", sagte ich zu ihm,, „diesen Kampf, diese Aufregungen und Emotionen mitzumachen:" „Ja," versetzte bitter Herzl, „nur daß man Emotionen miterleben muß, die einen nichts angehen." An dieses bezeichnende Wort Herzls mußte ich nach einigen Jahren denken, als wir in Wien zusammenkamen. Herzl wohnte damals im IX. Bezirk, und ich sah ihn oft durchs Fenster am Arbeitstisch, als ich auf dem Wege zu meiner Redaktionsstube war. Er winkte mir, und wir gingen dann zusammen. Es waren jene schönen Spaziergänge, als man nur noch einmal um die Votivkirche ging. (Heiterkeit) Es war die Schicksalszeit Herzls, eine Klarlegung der psychologischen Motive seiner Rückkehr zum Judentum. Er erinnerte mich an die Vorgänge in der Kammer. „Sehen Sie, das ist unser Schicksal, — wir machen Kämpfe1 und Emotionen mit, die uns nichts angehen. Unsere Wurzeln sind zerrissen, das ist das schlimmste. Wir sehnen uns nach eignem Erdreich, eigne« Empfindungen, eignem Schwergewicht" Herzl sprach mit Abscheu von den jüdischen Reichen, die ihr Volk im Stich lassen. Er meinte, wenn er kein Jude wäre, er würde an der Spitze derjenigen sein, die sie bekämpfen. „Nachdem ich aber ein Jude bin, bin ich erst recht an der Spitze, um für unsere Volksehre und Freiheit zu kämpfen." Es ist uns schon damals klar geworden, daß der Zionismus vor allem eine menschliche Angelegenheit ist und keine politische. Es ist eine Sache der persönlichen Anständigkeit, der menschlichen Ehre und Würde! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Zum letztenmal sah ich Herzl in Edlach. Als ich ihn dort aufsuchte, war er im Garten. Derselbe wunderschöne stolze Kopf, nur kn Bart drei weiße Fäden . . . Ich wußte, daß er sehr krank war, wir sprachen über alles mögliche, nur nicht von seiner Krankheit. Er mußte dann das Zimmer hüten. Dort lag er hochaufgerichtet, auf weißen Polstern ruhte der wunderschöne stolze schwarze Kopf mit den drei Silberfäden im Bart. Wir schwiegen. Dann streckte er mir die Hand entgegen und sagte: „Dank' schön!.. Wir brauchen ja deshalb nicht sentimentaler zu werden ... Es war vieles sehr schön . . ." Nach zeh- Tagen war er tot So sehe ich ihn riäch jetzt vor mir, die stolze Gestalt voll Vornehmheit Schönheit und Ruhe. (Stürmischer, wiederholter, anhaltender Beifall. Redner wird beglückwünscht) _ Hohenelbe: Der Zionistische Volksverein „Theodor Herzl" in Trautenau veranstaltete am 13. Dezember 1. J. in Hohenelbe in der dortigen Betstube eine erste Wanderversammlung. Den Vorsitz führten die Herren Dr. Carl Löwy und Carl Nettl. Herr Dr. Emil Margulies erstattete das Referat über das zionistische Programm und hatte

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