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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No.50 ÖIESqKELT. 19 schiefen Bändern auf Strahlentreppen vom Himmel zur Erde nieder, übergießen mit ihrem reichen Glanz die Bänke und den „Omud", küssen die Thoralade, gleiten an den „Schamesch" heran, spielen mit dem Leuchter, den er in seinen Händen zum Putzen hält, verirren sich in seinen langen grauen Bart, schielen schalkhaft in die schweren Folianten des Talmuds, sehwirren und schweben um die große Wanduhr, hängen sieh an die langen und schweren Uhrgewichte, schwingen sich auf den-Kachelofen, betten sich über die schwarze Staubschicht, die sie ganz durchleuchten, steigen bis zur Decke, die. sie hellweiß" übertünchen und lachen aus dem Spinngewebe an den Winkeln heraus. Alles strahlt, lacht, spricht und singt! Hier tanzen, die Engelchen, Gottes Scharen; sie steigen fröhlich auf und ab an den Strahlentreppen, und" das stille Säuseln verborgener Stimmen gießt sich mit den Judenstimmen in der Synagoge zusammen, und mit dem schweren gewichtigen Ticktack der "Wanduhr, und mit den fernen, hierher verirrten Lauten der stillen^ vereinsamten Gasse — und all das zusammen erbraust wie in einen großen Hymnus für den Schöpfer ' . Heilig, heilig, heilig! Heilig ist dieser Ort, voll von Gott, voll Größe und Gnade! Die Juden versenken sich immer tiefer in die Lehre; ihre Stimmen werden immer süßer. Und siehe, da trat ein Mädchen in die Synagoge. Es ist die Tochter Pinchas, des Schusters. Ihr ganzes Gesicht war mit einem Tuch verhüllt, nur die schönen, großen, wehmutsvollen Augen waren zu sehen. Unend^ liches Leid sprach aus diesen Augen, trotzdem sie von Tränen überströmten: der Sohn Naftölis, des reichen „Manufaktüristen", liegt im Sterben, und sie liebten ja einander so sehr! - Sie schaute sich ängstlich um; ist sie ja ein Mädchen und will.für ihren Geliebten Gott anflehen, — das ist doch etwas Unerhörtes! Mit unsicheren Schritten nähert sie sich der Thoralade an der östlichen Wand. - Sie kann sich kaum auf den Beinen halten, ihrer Brust entringt sich ein gedämpftes, stilles Wimmern; sie fällt an die Thorarolle, preßt ihren Kopf an das Mäntelchen und ihre Lippen lispeln leise: — Du mein Gott, rette ihn! Rette ihn! Du kannst es doch! Du kannst doch alles! Mehr konnte sie nicht sprechen. Tränen großen Schmerzes, Tränen äußerster" Verzweiflung hatten ihre Stimme erstickt. Sie drückte sich fest an die Thorarolle, aber ihr ganzer Leib bebte von Gram und Jammer. Die Männer blickten sie an. Nicht zum erstenmal hören .sie bittere Wehrufe der Frauen, die an den Thoraschrein heranstürzen, „um die Himmel durch ihre Gebete zu stürmen". Aber das stille Klagen und das gedämpfte hysterische Weinen waren für sie etwas Neues. Sie empfanden das ungeheure Unglück, den unendlichen Schmerz. Sie vergruben ihre Gesichter in die Folianten, ihre Stimmen wurden ernster und die Gesichter trauriger ... " Nur der alte. Lejbe erhob sich, ruhig von seinem Platz und wandte sich dem Thoraschrein zu, um die Weinende zu sehen und nötigenfalls für die Ehre der Thora einzutreten. Das. Mädchen fuhr fort zu weinen und mit seinem Schmerz zu ringen. Sie möchte noch manches sagen, aber ihre Lippen lispeln kaum: : — Du kannst jaJ; Du kannst ja! Du! Sie wird vom Gefühl übermächtigt, daß sie vor Gott steht und daß sie, die Sünderin; sich an seine Thora preßt. Sie, — ein Mädchen, die für ihren Geliebten betet. Aber sie faßt neuen Mut und lispelt: — Siehst Du ja.mein Herz! Wir lieben ja einander so sehr! Und sie beginnt wieder in fürchterlicher Verzweiflung zu jammern: — Rette ihn! Nimm ihn mir nicht! Ach Gott, er ist ja so gut, so schön! Schöpfer der Welt, nimm ihn nicht, nimm lieber mich! Mich nimm lieber! Und sie preßt sich noch fester mit herzzerreißendem Weinen an die Thorarolle ... . . : Verschiedene Gedanken steigen in ihr auf, nur weiß sie nicht, wie sie sie ausdrücken soll; sie ist nicht imstande, all das auszusprechen. Aber Gott kennt ja auch die Gedanken. Sie verstummt. Ihre Seele spricht. Sie möchte für ihn ihr Leben hingeben, daß er nur lebe und gesund bleibe. Für sich bittet sie nur um ein kurzes Leben, um einige Stunden, damit sie noch in den einigen Stunden sich an seiner Gesundheit laben könne. Daß er noch zu ihr komme gesund und munter, und daß sie ihn noch einmal umarme. Dann wird ihr der Tod süß sein. Gewiß, Gott kann alles. Wenn Gott nur wollen wird, so wird er am Leben bleiben und sie wird am Leben bleiben, und Gott kann ja auch die Herzen seiner Eltern ihr zuwenden, damit sie sich nicht ihrer Armut und Abstammung schämen: Ihr Weinen wird bitterer. Hat sie ihn ja während seiner ganzen Krankheit kein einziges Mal gesehen! Sie weiß ja nur von den Dienstboten und von der Nachbarschaft, wie es ihm ergeht. Ach Gott, Gott, Gott! Das Atmen wird ihr schwer. Sie richtet sich mit tiefem Seufzer auf, lehnt sich an das Türchen der Thoralade und wirft ihren Kopf nach rückwärts. Sie wird von einer großen Müdigkeit überwältigt, sie hält sich kaum noch auf den Beinen und bemerkt nicht, daß sie vor der Thoralade mit entschleiertem Gesicht steht, auf das einige ihrer wirren Haarlocken herabrollen. Aber der alte Lejbe bemerkte dies und schrie mit seiner heiseren Stimme: — He, deck die Haare zu! Sie hörte nicht. Sie stand wie versteinert. Ihr Herz war angsterfüllt und sprach mit Gott. Lejbe. ging an sie näher heran. Er richtete auf das Mädchen einen bösen Blick aus seinen triefenden Augen und erkannte sie. Anfangs sah er sie erstaunt an: für wen verrichtete sie das Gebet an der Thoralade? Ist doch niemand bei Pinchas, dem Schuster, krank? Aber er besinnt sich gleich, um was es sich handelt. In der Gasse verlautete schon längst von einem „Roman" zwischen einem reichen Jüngling und einem armen Mädchen. Zornentbrannt spuckte er vor Ekel und Entsetzen aus und brüllte; — Weg von der Lade, Nichtswürdige! •Sie hörte die Worte nicht, nur der Schrei drang an sie heran. Weit öffnete sie ihre Augen und sah den Schreienden an, als ob sie soeben vom Schlaf erwacht wäre. Aber der „Vater der Gemeinde" brüllte immer lauter. Er trieb sie aus der Synagoge mit schweren, beleidigenden, schimpfenden Worten:

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