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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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18 =DIE% „Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh." (Heine, Heimkehr 40.) singt der Dichter in einem Augenblick, -da in die Bitternis seines Lebens eine tiefe Sehnsucht nach den glücklichen Kinderjahren eindringt. Er ist bereit, auf alles Lob und allen Ruhm und alle jene Schatten des Glückes, die ihm das Leben geschenkt, zu verzichten, und in heimlicher Traurigkeit gedenkt er der Kinderjahre, einer Zeit, da sein ganzes Innenleben sich auf die drei Gefühle erstreckte: Glaube, Liebe und Treue. In einer solchen geistigen Verfassung befindet sich jedermann, der, von der schweren Last im Kampfe des Lebens niedergedrückt, seine Seele erschöpft fühlt von tausend Zweifeln, die ihn von außerhalb und in seinem Innern beherrschen. Er sehnt sich nach irgendeinem festen Punkte, nach dem Glauben an irgendeine höhere und gerechte Kraft, die ihn beschirmen und leiten würde mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er wünscht für eine kurze Spanne Zeit wieder ein Kind zu werden, ein Kind, das keine Pflichten, sondern nur Wünsche hat, keine Zweifel, sondern nur Vertrauen kennt, ein Kind, welches empfindet, daß es geliebt und nicht allein geduldet sei, und mit dem Finger nach den lebendigen und göttlichen Kräften zeigen kann, die es leiten und führen zu seinem Frommen und Glück. Und wenn unsere Vorstellungskunst zu schwach ist, um sich für eine geringe Zeit in das Engelgewand der Kinderseele zu hüllen, — dann greifen wir nach dem wundervollen Buche, in dem sich die Kinderseele offenbarte in der Poesie eines alten Midrasch, eines arabischen Märchendichters, des Homer, der Moabiterin Ruth und dergleichen. So sind wir imstande, uns für einen Augenblick auf den Fittichen unserer Phantasie in die Kinderwelt zu begeben, nach der unsere längst gealterte ZELT . . :........ . : No. 50 und befleckte Seele so große Sehnsucht empfindet. Wunderbar befruchtend wirken diese Märchen auf unsere }. müden Seelen. Wir fühlen uns wie von einem Bade f.. erfrischt, besser, reiner und fähiger, die schwere Last,.; des Lebens wieder aufzunehmen. , Auch Abraham Mapu; der sein Leben lang ein großes Kind blieb, hinterließ . uns in seinem. „Ahawath Zion" das Echo seiner Kinderseele. Ich kenne kein einziges. Buch in der jüdischen und der allgemeinen Weltliteratur, in welchem die Weltanschauung des Kindes in so klarer und einfacher Weise sich ausprägt wie in diesem Buche. Vom Anfang bis zum Ende ist es von den reinen Kindergefühlen,-von. Glauben, Liebe und Treue erfüllt. Aus den dichtesten Wolken, die den Himmel der geliebten und von zauberhafter Schönheit umgebenen Kinder Ammm und Thamar bedecken, guckt stets das freundliche Lächeln eines liebevollen Geschickes hervor, das die Zarten und Edlen vor Leid und Unglück, bewahrt, das alle Dornen wegräumt, an denen der kleine zarte Fuß eines Mädchens wie Penina oder Thamar sich verwunden könnte, und das sie zeitweilig neckt, indem es ihnen kleine Hindernisse in den Weg legt, um ihnen das glückliche friedliche Leben desto angenehmer zu gestalten. Das Unglück bei Mapus jugendlichen Gestalten kommt imme,r zufällig. .Der Mensch ist zur Glückseligkeit und nur zur Glückseligkeit geschaffen. Und findet er sie nicht im realen Leben, schafft er sie in seiner Phantasie. Wenn "er sie in Slabodka vermißt, läßt er mit Hilfe des Niemeri und . der Bibel das Land Zion erstehen und versetzt in dieses die Amnons und Thamars, die Peninas und Themans; er schließt sich ihnen an mit der ganzen Wärme seiner liebenden Seele und erlebt ihr Glück wie sein eignes. □□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□ )io -JJ o DAS MÄDCHEN AN DER THORALADE Erzählung Aus dem Jüdischen von D. Pinski Obersetzt von H. H. In der Synagoge befinden sich nur wenige Menschen. Das Morgengebet ist zu Ende und die Gemeinde hat sich zerstreut, um ihren alltäglichen Sorgen und Arbeiten nachzugehen. Nur der alte, kinderlose „Gabbai" sitzt, über den „Ständer" sich schaukelnd, im Talmudlesen vertieft. Auch der synagogale Schatzmeister beschäftigt sich mit der Thora, ganz in die Tiefen des Maimonides versenkt. Er hat ein Geschäft, das nur Freitags im Betrieb ist: er verkauft nämlich Rosinenwein für „Kiddusch" und „Hawdalah". Beim langen Tisch an der nördlichen Wand sitzen noch vier Juden und lesen die Mischnah. Es sind Männer verschiedenen Alters, Zufallsmenschen, die von „Wundern" leben. Ihr Geschäft besteht im „Schnüffeln"; sie erkundigen sich hier und dort, fahnden und wittern, vielleicht gelingt es ihnen, einen Rubel zu ergattern... Auch sie beschäftigen sich mit der Mischnah im Namen Gottes und in ihrem eigenen Namen; sie geben sich dem Studium ganz hin und vergessen alle Eitelkeiten der Welt. Neben dem großen „Omud", gegenüber der Eingangstür, betet noch Lejbe-Batlon, der „Vater der Gemeinde", wie man ihn scherzhaft nennt. Er hatte sein Gebet zusammen mit dem ersten „Minjan" begonnen, aber er hält es für seine heilige Pflicht, die Gemeinde genau zu beobachten, ob sie betet und ob nicht zufällig jemand schwatzt. Deshalb überdauert sein Gebet all die „Minjanim". 'Jetzt beendet er es, indem er mit seiner zwitschernden Stimme die Worte, die er mit seinen alten, ^euchteri Augen aus dem zerrissenen und vergilbten Gebetbuch liest, sachte vor sich hersagt. Nur wenige Menschen sind in der Synagoge, aber der große Raum, reichlich mit Licht übergössen, bietet einen verklärten, majestätischen, feierlichen' Anblick. Nach einigen Regentagen drang heute die Sonne am Ende doch für kurze Zeit1 durch die dichten Wolken, um die Herzen der Menschen mit ihrem Licht zu erfreuen. Und durch die hohen breiten Fenster dringen ganze Strahlengarben in die Synagoge, verstreuen, sich und spielen im großen-Raum: Sielassen sich, in breiten

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