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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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zerfallen, da zerrissen sie ihre Kleider und hatten eine große Klage, streuten Asche auf ihre Häupter, fielen auf ihr Angesicht und schrien gen Himmel. Und Juda ordnete einen Haufen, dem Feinde in der Burg zu wehren, dieweil er das Heiligtum reinigen ließ." Also nicht mit Klagen und Trauer ließen sie sich's genügen, die in jener Zeit um die Verwüstung der heiligen Stätte Herzeleid trugen; nein, nachdem sie sich den Jammer von der Seele geweint, erhoben sie sich zu frischer Tat und legten selbst Hand an. „Und hielten Rat über den Altar des Brandopfers, wie sie es damit halten sollten, und fanden einen guten Rat, nämlich, daß man ihn ganz einreißen sollte, dieweil ihn die Heiden verunreinigt hatten. Sie nahmen aber andere, unbehauene Steine und bauten einen neuen Altar." Auch wir, wollen wir das Heiligtum der jüdischen Ideen- und Empfindungswelt reinigen und erneuern, werden den Altar, auf dem die heilige Flamme der Vaterlandsliebe gewaltsam erstickt und fremden Göttern geopfert wurde, ganz, einreißen, und unbehauene Steine, die heraufwachsende Jugend, deren Seele noch nicht geformt ist, noch nicht verunreinigt von dem Schmutz des Alltags und des Materialismus, die Jugend nehmen wir zum Aufbau einer reinen, unverdorbenen nationalen Opferstätte. Als man endlich zum innern Heiligtum vordrang, da fand sich nur ein kleiner Rest geweihten Öls, das der Unterhaltung des ewigen Lichtes diente. Aber o Wunder, das Restchen reichte volle acht Tage, so lange, bis frisches Öl bereitet war. Wie tief bedeutungsvoll ist diese Überlieferung; Kann sie doch als Symbol für die Rolle des Zionsgedankens im Judentum dienen. Durch die Jahrhunderte vergeblichen Harrens war die sorgsam gehütete Sehnsucht nach dem heiligen Lande immer . mehr verblaßt und als die Emanzipation hereinbrach, da hatte, es wirklich den Anschein, als ob nur für eine kurze Spanne noch das alte Heimatempfinden vorhalten sollte. Eben war das Lämpchen, das solange für unverlöschbargegolten, dem Verglimmen nahe, da erschien der Zionismus auf der Bildfläche, und mit Aufbietung aller Kraft*'gewann er, ehe es zu spät war, neues öl für das ewige Licht, für das Nationalempfinden und Zionssehnen. Und immer mehr Hände regen sich, dem alten Licht frische Säfte zuzuführen, bis daß es wie einst hell aufflammen wird, der ganzen Judenheit ein Leuchtfeuer, ein Signal, daß das Land der Väter in eine neue herrliche Epoche seiner Geschichte eingetreten ist. Aber mehr noch als an den Ereignissen können wir an den Persönlichkeiten der Makkabäerzeiten lernen. Worum handelte es sich denn damals? Der äußern Unterjochung der Juden durch das mächtige syrische Reich sollte unter Antiochus Epiphanes nun auch die gewaltsame innere Assimilation folgen. „Und Antiochus ließ ein Gesetz ausgehen durch sein ganzes Reich, daß alles nur ein Volk sein sollte, und sollte ein jegliches seine Gesetze verlassen. Zu dieser Zeit entstanden in Israel böse Leute, die beredeten viele und sprachen: „Laßt uns hingehen und Gemeinschaft machen mit den Heiden umher, denn es hat uns viel Übles getroffen, solange wir uns von ihnen abgesondert haben." Waschechte Assimilanten scheuten auch damals vor keiner Selbsterniedrigung zurück, verzerrten Leib und Seele, um den geborenen Griechen möglichst ähnlich zu werden und in nichtjüdische Gesellschaft, Sport- und Spielzirkeln Eingang zu finden. Also gegen äußere Übermacht und innern Abfall zugleich nahm Mattisjahu mit seinen Söhnen den heiligen Kampf auf. „Wer um das Gesetz eifert und den Bund festhalten will, der ziehe mit mir hinaus," — lautete sein erster, kurzer Schlachtenruf, als er den altarschützenden Juden" und einen dabei kommandierenden syrischen Hauptmahn niedergestoßen hatte. In diesem Moment erscheint Mattisjahu so übermenschlich groß wie Moses, als er, des Gottes voll vom Berg steigend, mit Entsetzen den Abfall des Volkes gewahr wurde, sich am Lagertor postierte und unter der Parole: „Wer dem Herrn gehört, zu mir her!" seine Getreuen um sich sammelte. So verwandelte Mattisjahu mit einem Schlage seine Stammesbrüder aus waffenscheuen Flüchtlingen-, die sich in Höhlen geborgen hielten, zu todesverachtenden Kämpfern und flößte seinem Volk Selbstvertrauen und Zuversicht in seine Zukunft ein. Als der greise Vater des Vaterlandes sein. Ende nahe fühlte, rief er seine Söhne, um sie in feierlicher Ansprache zu-seinen Nachfolgern im Kampf für Volkes Ehr* und Wehrzu jwreihen. „ Gedenket welche Taten unsere Väter zu ihren Zeiten getan haben,1 so werdet ihr rechte Ehre und einen ewigen Namen erlangen. Trotzet aller Gewalt und allem Zwang, selbst zum Tode bereit,, dann wird euch Gott eure verlorene Selbständigkeit und Freiheit wieder verleihen, damit ihr in Sicherheit nach eureneignen Gebräuchen leben könnt!" Klingt das nicht-wie das kurze Bekenntnis des modernen Zionskämpfers? Und wie rührend knüpfen sich, in der Seele dieses nationalen Helden ungebändigter Mannesmut mit gottergebenem Vertrauen. „Hilf dir selbst so wird dir. Gott helfen," — tönt es aus seinem Vermächtnis* und zum Beweise läßt er vor den andächtig lauschenden Söhnen die-ganze schöne. Reihe der Heroen unseres Volkes Revue passieren. Nicht umsonst hatte Mattisjahu seinen Söhnen ein Leben der Hingabe an das Vaterland vorgelebt Sie waren Erben nicht nur seines rümlichen Namens, vor allem seines Wesens und Strebens. Beneidenswertes Heldengeschlecht von dem Simon selbst mit gerechtem und doch so demütigem Stolze sagen konnte: „Ihr selbst wisset, was ich und meine Brüder und meines Vaters ganzes Hausfür das Gesetz und Heilgtum getan, wie wir gefochten und welche. Not.wir ausgestanden haben; dadurch um Israel alle meine Brüder umgekommen sind,-und ist keiner übrig denn ich. Nun begehre ich meines Lebens nicht zu schonen in ewiger Trübsal, denn ich bin nicht besser als meine Brüder, sondern willgleich ihnen mein Volk, das Heiligtum und unsere Weiber und unsere Kinder rächen." Beneidenswertes Heldengeschlecht,: dessen- Ringen einem ganzen Volk die innere und äußere Freiheit, Friede und Behagen, wiedergewann: „Jedermann baute sein Feld in Frieden, das Land gab sein Gewächs und die Bäume des Waldes ihrelFrucht-, Die Ältesten saßen auf den Gassen und besprachen sich vom. gemeinen Wohl, und die Jünglinge bedeckten sich mit Waffen und Ehren. Und ein jeder saß unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und war niemand, der sie schreckte." In der Tat unerhört war der Erfolg des Makkabäerkampfes: Das Land von einheimischen Verrätern und fremdem Gesindel gesäubert und friedlicher Kulturarbeit wiedergegeben, das Volk geeinigt, überallhin versprengte Volksteile in die stark erweiterten Landesgrenzen zurückgeführt; der kleine, aber mächtige Stamm von allen syrischen Prätendenten umworben, durch Freundschaft mit Rom und Sparta verbunden, der nationale Ruhm des salomonischen Zeitalters wiederhergestellt. Die nachhaltigste Wirkung dieser glorreichen Befreiungskriege aber war der Zuwachs an innerer Kraft die innere Stärkung des Volkse ganzen, die es zu Wege brachte, daß das allmächtige römische Reich dann Jahrhunderte lang mit diesem Volk nicht fertig, werdenkonnte und seine größten Heere und tüchtigsten Feldherren zu ihrer Überwindung aufbieten mußte. Alles, alles das verdanken 'wir Mattisjahu und seinen fünf Söhnen. Heroen allzumal, aber der größte, von ihnen: Juda Makkabi!• Kühn und freudig wie ein junger Leu, stark und ein Held von Jugend auf, führte er zum erstenmal wieder die Juden in offener Feldschlacht vor den Feind. Fast ebenso denkwürdig wie- .diese Tat selbst sind die Worte, mit denen er seine, Mannen zuvor anfeuerte: „Bedenket nun, daß ihr auch ohne. Kampf dem Untergang geweiht seid, und habt ihr die Überzeugung, daß' euch als Lohn Freiheit, Heimat Schutz der Gesetze und freie Aus^ Übung eurer Gottesverehrung winkt, so werdet ihr euch mutig zum Kampfe rüsten." Prägen .wir uns fest die herrlichen Worteein, die uns heute noch leiten können: Freiheit Heimat Schutzder Gesetze und freie Ausübung eurer Gottesverehrung-! Auch- Juda war ein gottergebener, demütiger Jude, aber er verwechselte, nicht stille Ergebung in die Allmacht mit stummer Ergebung in menschliche Gewalt und fügte eigne Kraft und mutiges Wollen

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