Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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die Kirche; weil das auf gleichgültige Nachbarn einen guten Ein- , druck macht. Der arme Jude klammert sich an sein Erbe, und wenn die Weil: ihn darum zerschmetterte; der reiche Jude läßt es fahren, um' ein "geringschätziges ' Lächeta zu erhalten. Der arme Jude war .ein tüchtiger,Mensch, trotz seiner Fehler einer glorreichen Vergangenheit würdig; der. reiche Jude ist ein Heuchler, der seine unwürdige GegenwartJfcaum verdient Das ist das jüdische Paradoxon!" Aber auch Pinsker charakterisierte allerlei paradoxe Erscheinungen im Judenleben, ohne die charakteristische Bezeichnung zu gebrauchen: „Unser Vaterland die Fremde, unsere Einheit Zerstreuung, unsere Solidarität allgemeine Anfeindung, unsere Waffe die Demut, unsere Wehrkraft die Flucht, unsere Originalität die Anpassung, unsere Zukunft der nächste Tag." Daß Zangwill an dem jüdischen Paradoxon nicht vorübergegangen ist, ist selbstverständlich. Dieser feine Kenner der jüdischen Volksseele, dieser geist- und gemütvolle Künstler jüdischer Milieuschilderungen sagt in dem hochpöetischen Kapitel der „Kinder des Ghetto", wo er die dramatische Schlußszene des Jom- Kippur vorführt: „Diese Jjsftgen Fanatiker, diese sinnlichen Asketen, diese menschlichen Paradoxe, die sich jeder Umgebung anbequemen, in jedem Felde der Tätigkeit Eifer entwickelten, gleich einer großen Naturkraft allgegenwärtig und unzerstörbar waren, die mit einem unheilbaren Optimismus, der all ihrer poetischen - Schwermut zugrunde lag, Babylon und Karthago, Griechenland und Rom überlebt, die Inquisition überstanden hatten und von allen Verfolgungen unerschüttert geblieben waren, — die geringste und zugleich die größte aller Rassen." Und Wassermann nennt den Juden kurz „ein Gefäß der Widersprüche, unvermögend, die Gegenwart freudig zu erfassen, die vollkommene Dunkelheit fürchtend, das vollkommene Licht scheuend. Er liebt leidenschaftlich das Leben, indem er jeden Tag als volles Glücksrhäß fordert, und doch vermag er das .Glück nur hypochondrischbangend zu genießen." Wir sehen, von verschiedenen Richtungen sind die einzelnen Beobachter dem allzu vielseitigen jüdischen Paradoxon nahe getreten. Auffallend wenig beachtet wurde bisher eine Seite, an die uns das Makkabäerfest, so heiter und fröhlich es an sich ist, mit ganzem Ernst gemahnt Es ist der Mangel an historischem Sinn unter denMudenv Das Volk, das die ersten Blätter der Kultur-, geschiente geschrieben, sollte keinen Sinn für Geschichte haben? Eine Nation, im beneidenswerten Besitz der ältesten historischen Dokumente, noch heute nationale Feste und Traüertage heiligend, die vor Jahrtausenden eingesetzt wurden, zum Teil an vorgeschichtliche Ereignisse anknüpfend, und dennoch bar des historischen Interesses? Nicht wahr, das ist so paradox wie möglich; aber das Unbegreifliche wird Ereignis beim jüdischen Volk. Doch lassen wir uns nicht verblüffen, das Rätsel muß doch einer Lösung zugänglich sein, wie denn Paradoxa überhaupt nur scheinbare, auf ein Eindeutiges zurückfulirbare Widersprüche sind. WASSERFALL Wenn die .große Masse des Judentums auch heute noch der Geschichte ihres Volkes fast gleichgültig gegenübersteht, wenn auf dem Gebiet jüdischer Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung seit Josephus nichts mehr von allgemeiner Bedeutung geleistet wurde bis auf Graetz herab, so lag das einfach daran, daß die jüdische Geschichte selbst da aufgehört hatte, wo Flavius Josephus mit ihrer Darstellung geendet hatte. Auf das Schlußkapitel seiner „Jüdischen Altertümer" folgt in der jüdischen Geschichte eine lange Reihe von großen und kleinen Gedankenstrichen, vielfach unterbrochen vor. einförmigen, meist klagenden Interjektionen. Das vorige Jahrhundert gedachte dann die Historie unseres Volkes abzuschließen, und zwar mit' dem unrühmlichen kurzen Wort „Finis", d. hkampfloses Aufgehen, — vielmehr Untergehen. Da trat ein junges Judentum an den Webstuhl'} de^Zeft, und schon "muß es jeder sehen, der nicht mit Blindheit geschlagen ist: ein neues Kapitel jüdischer Geschichte hat begonnen, und natürlich knüpft es da an, wo man im Jahre 70 den Faden unserer Geschichte abgeschnitten hatte. Und weil, wie Perez es vorzüglich ausdrückt, die Geschichte für das Volk das ist was das Gedächtnis für den einzelnen, weil also die Nation nur dann Neues erstreben und schaffen kann, wenn sie in ihrem Gedächtnis frühere Taten und Strebungen zusammenhält, darum erwacht jetzt mehr als je bei uns der Sinn für unsere Geschichte, der Wunsch, sich in intensivem Studium, in liebevoller Vertiefung ihrer zu bemächtigen, darum knüpfen wir an die Begehung unserer Freuden- und Trauertage ganz andere historische Betrachtungenais viele Generationen vor uns. Wie feierten denn unsere Ahnen das Chanukkah? Im wesentlichen in Erinnerung an das Wunder vom unerschöpflichen Ölkrüglein. Die unvergeßliche Ruhmestat der Makkabäer, die gegen eine Welt von Feinden ihrem Volk die Freiheit wieder errangen, trat durchaus in den Hintergrund; ja längst versunken BEI BANYAA * und vergessen ist der Nikanortag, eingesetzt zum Gedächtnis der glänzendsten Waffentat von Juda, seines Sieges über Nikanor bei Adasa. Noch einmal, wie feierten unsere Ahnen Chanukkah? Mit Freude im Herzen ließen sie den Kopf hängen und sangen: „ Von Übeln ist gesättigt meine Seele, in Kummer schwindet meine Kraft", und statt sich an den Heldengestalten des Mattisjahu und seiner Söhne aufzurichten, Mut und Opferfreude, die Lust an Kampf und Selbsthilfe an und von ihnen zu lernen, sangen sie weiter: „Mein Leben verbittert der Druck," warteten weiter mit," entnervendem Fatalismus auf den deus ex machina, der sie an der willenlosen Hand packen und aus aller Misere herausführen sollte. W/fe anders unsere Art,' das Fest des Chanukkah zu begehen! Auch' wir vergessen freilich nicht, daß an jenen Tagen um diese Zeit' der Tempel gereinigt und von neuem zum Mittelpunkt jüdischer Gottesverehrung geweiht wurde. „Da . kam das ganze Volk zusammen und zog miteinander auf den Berg Zion, und da sie sahen, wie das Heiligtum verwüstet war, der Altar entheiligt, die Pforten verbrannt und daß die Vorhöfe mit Gras und Gesträuch bewachsen waren wie ein Wald oder Gebirge, und der Priester Kammern t 3