Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316347--51354-3379129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 DIES^ELT No. 50 Tagespresse mit ihren vierteiligen Abonnentenzahlen. Tagespresse ist keine Literatur, und die Abonnenten der Jargonzeitungen sind noch lange keine Jargonenthusiasten, — sie suchen einfach die Neuigkeiten in einer bewegten Zeit zu erfahren, nur natürlich nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes, das heißt: in einer ihnen am leichtesten zugänglichen Sprache, in der Sprache, in der sie reden. Dieser Rummel bleibt noch ganz innerhalb der Grenzen der Umgangssprache, die sich durch eine noch so große Leserzahl nicht zum Range einer Nationalsprache erhöht. Andersaber verhält sich die Sache mit dem ernsten Teil der Jargonliteratur. Es sind in ihr zweifellos Kräfte von großer Bedeutsamkeit tätig. Aber diese höher zu wertende Jargonliteratur wird man in zwei verschiedene Gruppen zu scheiden haben, nämlich in bezug auf die Sprache, die ihr adäquat ist. Da ist zunächst eine ganze Reihe von Literaturwerken, die zum Genre der Humoristik gehören, allerdings in des Wortes edlerer und tieferer Bedeutung. Ich nenne, um gleich das Vortrefflichste dieser Art hervorzuheben, Schalom-Aleichems „Menachem Mendel" und „Tewje der Milchiger", vorzügliche Gestalten aus dem jüdischen Kleinleben, die eine Fülle von Humor ausstrahlen, wie sie andere Literaturen selten aufweisen. Dieses Genre halte ich für die Domäne des Dialekts, daher in unserm Falle des Jargons. Das sind sozusagen naturfarbige Momentaufnahmen, die in ihrer vollständigen Ursprünglichkeit belassen werden müssen, wenn sie lebendig wirken sollen. Die darf man nicht aus der Mundart in die Literatursprache übersetzen. Die andere Gruppe von Werken, — die ich Literatur im eigentlichen Sinne nennen möchte, weil sie tatsächlich den Literaturzweck fördern, als da ist: Erhöhung, Vertiefung und Klärung des Denkens und Fühlens, — sind für die jüdische Renaissance zweifellos von hervorragender Bedeutsamkeit. Ich möchte um nichts in der Welt die Gedichte von Ro senfeld, die seelenhaften Bilder von Mendele Mocher Sforim und die intimen Skizzen von Perez in unserer letzten Kulturphase missen. (Von Asch mit seiner fripierten und parfümierten Unechtheit und seiner geräuschvollen Welteroberung rede ich lieber nicht.) Aber da erhebt sich die rein praktische Frage: Wozu die Doppelliteratur? Auch größere und reichere Völker als das jüdische könnten nicht zwei Literaturen ausgiebig speisen, um so weniger sind wir dazu imstande. Verläßt ein wahres Talent die hebräische Literatur und geht zum Jargon über, so entsteht dort eine Lücke, und hier entsteht noch lange kein ganzes Gebäude. Diese paar bedeutsamen Lyriker — und Erzählertalente würden in der hebräischen Literatur das Bild einer ganzen, modernen Literatur voll machen, — im Jargon aber schreiben sie etliche, allerdings sehr schöne und wertvolle Gedichte und Skizzen, die sich nun und nimmer zu einer ganzen Literatur ausbauen lassen werden. Freilich — „die Kunst geht nach Brot!" Solange die große Hausse in der hebräischen Literatur herrschte und die Zeitungen und Zeitschriften. wie unter Berührung einer Wünschelrute aus der Erde hervorschossen, so lange waren sie ja auch alle da. Alle, die Hebräisch schreiben können, und auch die nicht schreiben können, und die sich daher die Sache von flinken Übersetzerhänden besorgen mußten; Damals setzten auch die heutigen Nurjargonisten ihren ganzen literarischen Stolz darein, der hebräischen Literatur anzugehören, und sie fanden darin ihr Publizitäts- und Unsterblichkeitsbedürfnis vollkommen befriedigt. Die Krisis, die über die hebräische Literatur hereinbrach, — nicht zum kleinsten Teile verschuldet durch die alte Art jüdischer Konkurrenz, die just im Nebenhause eine Greislerei eröffnet, wenn der schon bestehende Greislerladen gerade eine dünn bestrichene Brotscheibe als Reingewinn abwirft, — trieb sie dem Jargon in die Arme, der neben Tagesneuigkeiten auch etwas Literatur verzapfen kann. Diese an sich wohl traurige, aber immerhin verständliche Tatsache darf aber nicht bis zur ragenden Höhe eines .„Prinzips", und dazu noch eines grundfalschen und verderblichen, hinaufgezogen werden. Eine Literatur ist ein Unternehmen, auf eine sehr lange Entwicklungsreihe hinaus berechnet. Hat der Jargon eine solche Zukunft? Ich glaube, er hat sie nicht. Wenn zu mir, der ich im Jargon aufgewachsen bin, ein russischer Jude, — der zufällig nicht Literat ist, was auch vorkommen soll, — seinen Jargon spricht, verstehe ich ihn nicht, wenigstens nicht unmittelbar. In einem Satz von 20 Worten sagt er zu mir 8—10 verkrüppelte russische Worte. Ich muß also seinen Satz durch eine Retorte des slawischen Idioms, das ich verstehe, hindurchgehen lassen, dann ahne ich erst ungefähr, was er will. Ebenso ergeht es mir mit dem amerikanischen Jargon. Nicht anders sieht auch der galizische Jargon aus, und der rumänische und der ungarische. Was beweisen diese Tatsachen? Einfach den vollständigen Mangel des Jargons an Widerstandskraft gegen die aus der Umgebung herandrängenden Sprachelemente, was ja bei einer so wurzelfremden, richtiger gesagt,, wurzellosen Sprache ganz selbstverständlich ist. Diese Unfähigkeit, sich rein zu erhalten und eine einheitliche Entwicklung durchzuführen, wird immer vollständiger werden, je mehr und je intensiver die Juden, auch die große Masse des Volkes, in Berührung kommen mit ihrer Umgebung. Da muß der Jargon vollständig verschwinden, oder doch so sehr das Sprachgepräge der nächsten Umgebung annehmen, daß er für ein Verständigungsmittel für alle Juden unter den verschiedensten Völkern ganz und gar untauglich wird. Ich möchte sagen, — der Jargon könnte sich höchstens in Palästina zu einer einheitlichen Volkssprache entwickeln. Aber dort hat doch wohl dasHebräische ältere, wohl erworbene Rechte und hat auch schon ein paar starke Schritte in der Entwicklung vorwärts gemacht. In der Diaspora geht der Jargon' rettungslos verloren oder zersplittert sich mindestens bis zur Unkenntlichkeit. . Für die Intelligenz ist er schon heute so gut wie tot. Es wäre aber vielleicht ein recht aussichtsloses Beginnen, eine Literatur schaffen zu wollen, von der die Intelligenz des Volkes von vornherein ausgeschaltetist. Da mag. wohl im Jargon schöne und verdienstliche Aufklärungsarbeit geleistet werden, — eine Literatur ist im Jargon nicht erreichbar. Man werfe mir hier nicht ein, daß ja auch die Kenntnis des Hebräischen bei der jüdischen Intelligenz im argen liegt, daß diese daher auch an der Entwicklung der hebräischen Literatur als Konsumentin nicht sehr stark teilnimmt. Das soll gar nicht geleugnet werden. Aber erstens zeigt die Richtlinie der Entwicklung, des letzten Jahrzehnts etwa, daß es hierin jetzt immer besser und reger wird. Der „Drei-Generationen-Zyklus" Lamprechts würde hier etwa folgende Gestalt annehmen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.