Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 DIE30&ELT 7 verschiedenen "Gegenden mit grundverschiedenen Dialekten zusammenkommen, sprechen sie miteinander eine dritte Vermittlungssprache, — ihre Nationalsprache, die sie sozusagen nicht von der „Mutter" haben, sondern von der Schule, von der Literatur. Ein Kulturvolk hat also immer wohl nur eine Nationalsprache, die es ganz umschließt, aber dabei noch eine Sprache, die, ohne größere innere Entwicklung, bloß auf einen engen Kreis beschränkt bleibt. Es ist darum durchaus nicht bedenklich, wenn auch das jüdische Volk neben seiner einzigen Literatursprache, dem Hebräischen, als Nationalsprache noch eine andere Sprache spricht. Bis auf die Anomalie der Wurzelfremdheit der beiden Sprachen bleiben wir also mit dieser Erscheinung durchaus innerhalb der Norm, die auch bei andern Kulturvölkern besteht. Und dann noch eine Bemerkung, die für mich den Wert einer Prämisse hat: Die hebräische Sprache hat nie aufgehört, eine lebendige Sprache zu sein, auch zu der Zeit nicht, als man sie gar nicht gesprochen hat. Ich beweise diese Thesen zunächst deduktiv, — aus dem Begriffe „Leben". Was ist „Leben"? Organisches Leben ist gleichbedeutend mit Entwicklung, mit Wachstum. Leben heißt, um eine, geläufige Definition zu zitieren, „die Anpassung innerer Beziehungen an äußere". In bezug auf die Entwicklung einer Sprache werden wir sagen müssen: Das Leben einer Sprache besteht in der Anpassung ihrer Ausdrucksfähigkeit an die den Geist beherrschenden Gedanken und Gefühle. Dieses Leben Hat die hebräische Sprache immer gehabt, im vollen Maße gehabt. Alte hebräische Puristen vom Haskalah-Typus pflegen vom modernen Hebräisch ironisierend zu sagen, daß es Jesajas nicht-verstehen würde, wenn er auferstände. Aber er soll , es ja auch nicht. Jesajas hätte wohl schon den Koheleth nicht verstanden, und Koheleth hätte sich in der Mischnah nicht zurechtgefunden, und die Mischnahlehrer hätten die Tibboniden nicht verstanden, und die Tibboniden würden im Responserihebräisch ratlos bleiben, und so fort bis auf unsere Tage. Das ist ja der naturgemäße Lebensprozeß. Es wäre eben ein untrüglicher Beweis von Stagnation, die eine Vorstufe des Erlöschens, des Todes ist, wenn auch der vivste Großvater restlos den Enkel verstehen könnte. Dieses Lehen im Wachstum hat die hebräische Sprache in allen Epochen unserer Geschichte voll gelebt, darum hat sie nie aufgehört, eine lebende Sprache zu seih. Bann führe ich für meine These auch noch eine ausschlaggebende Tatsache an: Das Gebetbuch! Man versuche nur einen Augenblick sich klar zu machen, was das Gebetbuch dem jüdischen Volke war, und man wird sofort einigermaßen die Beweiskraft dieser Tatsache für meine These ermessen können. Das Gebetbuch" war. nicht nur seinem Inhalte nach eine stets ergänzte und sozusagen nachgefüllte Chronik des ganzen Natiönalgeschehens von ungeheurer unmittelbarer Lebendigkeit, — es war auch, und darauf kommt es mir in diesem Zusammenhange am meisten an, immerwährend im Gebrauch. Vom Augenblicke an, wo der Jude die Augen geöffnet hat, bis zum Augenblicke, wo, er sie geschlossen, hat er unaufhörlich größere oder kleinere hebräische Partien zu sprechen, — meinetwegen: zu murmeln — gehabt. Ich zähle einfach mechanisch die hebräischen Worte, die der Jude den Tag über gesprochen hat, und gelange zu einer Zahl, die annähernd der gleichkommt, die er im Jargon oder in einer andern Umgangssprache gesprochen hat. Hierzu kommt noch eine eminent wichtige Tatsache: die geradezu beispiellose Verbreitung der Kenntnis des hebräischen Schrifttums im jüdischen Volke. Jeder Jude — ich möchte beinahe sagen: ausnahmslos — trug aus dem „Cheder" eine solche Geläufigkeit im hebräischen Schrifttum heraus, daß man ruhig sagen kann, es sei ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wie tief diese Kenntnis im Juden sitzt, merkt man sofort, wenn man noch heute ein Gespräch zwischen zwei ältern Ostjuden belauscht: jeder zweite Satz ist ein Zitat aus Bibel oder Talmud, jeder halbwegs tiefere Gedanke wird in einem Talmudsatz ausgedrückt. So sprachen einst alle, fast alle Juden. Und das alles sollte nicht Leben und Lebendigkeit sein? Dann wüßte ich in der Tat nicht, was eine lebendige Sprache eigentlich zu bedeuten hat. Gewiß, die Menschen, die an Schienendenken gewöhnt sind und die bei jeder Biegung nach rechts oder links sofort eine Entgleisung erleiden, — die werden sich nicht entschließen können, in diesem unaufhörlichen Gebrauch einer Sprache ihre Lebendigkeit zu erkennen. Sie werden immerhin das „Gib mir ein Glas Wasser" vermissen. Aber wer näher zusieht und nicht auf Schablonen eingeschworen ist, der wird zweifellos im Gebrauche des Hebräischen eine Lebendigkeit von ungeheurer Intensität und Aktivität erkennen. Mag es noch so paradox klingen^ ich scheue mich nicht; es auszusprechen — kein Volk hat seine Nationalsprache so lebendig mit sich herumgetragen wie gerade das jüdische Volk! Man hüte sich nur, vom Heute Schlüsse zu ziehen auf das Früher. Das, — schließlich ja noch heute recht sporadische, — Analphabetentum unter ■ den Juden im Hebräischen ist ja erst eineBrfindung neuerer >und neuester Zeit. Im Osten zählt es ja kaum zwei Jahrzehnte, und im. Westen ist es nicht viel älter als. etwa ein halbes Jahrhundert. Bis zu dieser Zeit aber war das Hebräische tatsächlich lebendiges Gemeingut des ganzen jüdischen Volkes, zum mindesten des aktiven, männlichen Teils desselben. Halte ich diese Tatsachen mit dem zusammen, was ich vorhin von der Schriftsprache als Nationalsprache gesagt habe, so scheint es mir unumstößlich sicher und unzweifelhaft klar, daß Hebräisch die, die einzige Nationalsprache des jüdischen Volkes war und ist. Der Jargon läuft nur, wohl als ein stammfremder Dialekt, als Umgangssprache mit. Im letzten Jahrhundertviertel ist aber eine Erscheinung ins Leben getreten, über deren Bedeutung man sich klar werden muß. Es ist nämlich eine Jargonliteratur entstanden, nicht von der Art, wie sie schon immer bestanden hat, als Surrogat für die noch nicht literaturreifen Kreise oder als Einführung in höhere Kulturregionen, sondern mit dem Anspruch, als eigenberechtigter Selbstzweck anerkannt zu werden. Und es soll nicht geleugnet werden, daß der Jargon aus sich sehr beachtenswerte literarische Produkte hervorgetrieben hat, mitunter sogar einzelne Werke von bleibendem Werte. Es ist nun die Frage, wie stellt sich das Verhältnis dieser Literatur zur hebräischen? Und dann: wie ist die kulturschaffende Kraft der Jargonliteratur für das jüdische Volk, für das, was wir jetzt „Jüdische Renaissance" nennen, zu werten? Vor allen Dingen möchte ich aus dieser Betrachtung eines ganz ausschalten, womit uns die Jargonschwärmer am meisten imponieren wollen, nämlich die Jargon- 2»