Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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■■ D1E2q£ELT No. 50 JARGON UND HEBRÄISCH Von Dr. O. Thon, Krakau „Jargon" darf man eigentlich nicht mehr sagen und noch weniger schreiben. So hat es dekretiert Dr. Nathan Birnbaum. Man muß vielmehr sagen und schreiben: „Yiddish". Wohlgemerkt: mit einem möglichst englischen ^Y" und 2 „dd", wobei das „c" zwischen „s" und „h" auch erlassen wird. So klingt das Wort ganz amerikanisch, und man gewinnt einen Vorgeschmack von einer Art von Staatssprache. Und dieses „Yiddish" wurde an jenem großen historischen Tage in der Hauptstadt der Bukowina, Czernowitz, — seit der Zeit ein europäisches Kulturzentrum, das man sich wird merken müssen! — zu einer Nationalsprache des jüdischen Volkes erhoben. Das heißt, es drohte wohl weit mehr, Frau Esther und noch einige führende Geister mit ihr wollten ursprünglich den Jargon zum Range der Nationalsprache des jüdischen Volkes erheben und damit mit einem einzigen Hauch das ganze Hebräisch wegblasen. Aber ein gütiges Geschick bewahrte uns vor diesem allerletzten entscheidenden Schlag, und es kam Kompromißtugend und Kompromißschwäche über die Tagenden und sie ließen für die letzten Hebräisch- Schwärmer noch die Möglichkeit offen, so nebenher mit ihrem alten Plunder mitzulaufen . und in ihrer Naivität an die Existenz einer hebräischen Nationalsprache zu glauben. Also wird es in Zukunft nicht geradezu ein Verbrechen, wohl aber eine etwas mitleiderregende Geistesschwäche sein, Hebräisch auch als Nationalsprache anzuerkennen. Ein Mensch von einiger Selbstachtung, der etwas auf das Prestige moderner und modernster Gesinnung hält, wird immer hin gut daran tun, mit derlei stark antiquierten Anschauungen und Empfindungen nicht zu stark hervorzutreten .... Soweit ungefähr kam man in Czernowitz, freilich ein gut Stück weiter als mancher extreme Assimilant. Es herrscht darin dieselbe Stimmung und Gesinnung wie in dem Worte vom „krepierten Land" und der „krepierten Sprache". (Vor oder auf dem VII. Kongresse soll Syrkin dieses widerwärtige Schandwort geprägt haben.) Von da bis zum „krepierten Volk" ist nur ein winziger Schritt, den bloß Feigheit und animalischer Selbsterhaltungstrieb zu machen verhindern. Nun, zum Glück ist diese ganze Czernowitzer Tagung nicht nur traurig als Beweis von Verfall, geistiger Unklarheit und — Verrat, sondern auch-lächerlich in ihrer prätentiösen Art, sich in Szene zu setzen und wichtig zu machen. Ich erwähne sie hier auch nur so MOSCHEE ÜBER DEN GRÄBERN DER "ERZVÄTER en passant, um sie zu brandmarken, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, mit diesen Beschlüssen und den noch lächerlicheren Anträgen zu polemisieren. Ich möchte hier bloß einige Klarheit zu gewinnen suchen über die Fragen: Welches innere und äußere Verhältnis besteht tätsächlich zwischen Jargon und Hebräisch? Und: Zu welcher endgültigen Gestaltung scheint der Entwicklungsgang der beiden Sprachen, wie wir ihn schön jetzt beobachten können, hinzudrängen? Zunächst eine allgemeine Bemerkung: Die Tatsache der Zweisprachigkeit, die unleugbar bei einem großen Teile des jüdischen Volkes besteht, hat für "mich durchaus nichts Schreckhaftes oder Bedenkliches. Genau ge-. nommen, gibt es ja.gar kein Volk mit einer auspeprägten Literatur, das bloß eine Sprache hätte. Sie haben eben die Literatursprache und den Dialekt. Nun gibt es manche Dialekte, die von der Schriftsprache phonetisch und grammatisch einen Abstand haben, der beinahe nicht geringer ist als der Abstand von Jargon zu Hebräisch. Man braucht mir da nicht ins Wort. zu fallen, um mich zu belehren, daß Jargon und Hebräisch zwei wurzelfremde Sprachen, während Dialekt und Schriftsprache wurzelgleich sind. Es handelt sich hier eben nicht um linguistische Ermittlungen. Hier handelt es sich vielmehr um die Feststellung, daß Dialekt und Schriftsprache ebenso zwei verschiedenartige Verständigungsmittel sind, wie etwa Jargon und Hebräisch. Nehmen wir einen Süddeutschen, der nur Süddeutsch versteht, und stellen ihn zusammen mit einem Urdeutschen, der aber nur eine Schule besucht und nie ein Buch gelesen hat und nur plattdeutsch spricht, so werden sich die beiden ebenso schwer verständigen können, wie einer, der nur Hebräisch versteht, mit einem, der nur Jargon spricht. Der Süddeutsche wird bei dem Plattdeutschen auf manche Wurzel stoßen, an der er sich sehr mühsam orientieren wird, und ebenso wird der Hebräer beim Jargonisten auf hebräische Wörter — gut oder verhunzt ausgesprochen — stoßen, an denen er sich sehr mühsam zurechtfinden wird. Jedenfalls ist das Verhältnis des Dialekts zur Schriftsprache," — rein technisch als Verständigungsmittel genommen, ohne die linguistische Herkunft zu berücksichtigen, — genau dasselbe wie zwischen Hebräisch und Jargon. So paradox es auch klingen mag, ich möchte doch sagen, daß ein heutiger Kulturmensch gar nicht seine „Muttersprache spricht, sondern seine Schulsprache. Wenn zwei Deutsche aus