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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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J)1E3§KELT : NO; 50 mit den Hugenotten, ja, vielleicht mit den 48ern zusammen, — es kommt dann irgendeine moralische Sentenz, eine Phrase über stille Lichtlein und die Sache ist abgetan. Die schöne, kühle, ruhige Gletscherhöhe! Daß durch eine solche Behandlung, durch eine solche Entäußerung des Ichs die ganze Geschichte, ja die ganze Existenz des Judentums zu Grabe getragen wird =*— nun, das ist Ja bei manchen der bewußte, bei manch andern der unbewußte Zweck. Denn für die allgemeine Glaubensstärke und den allgemeinen Freiheitsdrang braucht man gar nicht durchaus Jude zu sein; solcher Gestalten, wie die Makkabäer, und . solcher Symbole wie die Lichtlein gibt es anderswo. Ist doch die Menschheit so groß und ihre Symbole sind so vielfach, und jede Fabel hat irgendeinen moralischen Schlußsatz! Auch das Gemeinsam-Jüdische kommt nicht anders als verschleiert und umwölkt zum Vorschein, nachdem alles in den Landessprachen übersetzt und zugestutzt wird. In der französischen Predigt sind die Makkabäer richtige Saint-Cyr-Offiziere, die für die „Patria0 und die „Gloire" kämpfen; in England wird ein Schaustück für jüdische Soldaten veranstaltet. Äuch-Makkabäer!. General Roberts wird diesem Nimbus einen neuen Schimmer verleihen. Das natürliche, historisch-jüdische Bewußtsein, einfach und unverschnörkelt, originell und unverkünstelt wachzurufen, ist hingegen unser Programm. Wenn Staaten nicht bestehen können ohne geschichtliches Bewußtsein, wenn sie es als eine Pflicht der Selbsterhaltung betrachten, das Verständnis ihrer Vorzeit zu fördern und das "Gedächtnis ihrer großen Epochen lebendig zu erhalten, um wieviel mehr ist dies Pflicht eines zerstreuten und enterbten. Volkes! Die jüdische Geschichte ist das Flammenbad, aus . dem der Phönix des Zionismus in jauchzendem Glück und sonniger Wonne entsteigt. Sie ist es, die; uns mit unbezwinglicher Tatkraft ausrüstet. Jeder Klang aus großen, fast mythischen Zeiten, jedes Echo aus längstverschollenen, ..stürmdurchtosten Tagen wird uns/zu einem Weckruf, :zu einer Lehre. Ein heller Funke' flammt auf und eine neue Hoffnung beseligt das Herz. Wir sehen die Makka.- bäer und sie sind für uns keine Schattenbilder und keine verstümmelten Fragmente einer Moral für die. Kinderfiber aller Völker: sie; sind die Streiter, und Kämpfer für unsere nationale Freiheit. Wir sehen, ihre jüdische. Größe und wir geloben, die jüdischen Mannestugenden zu pflegen, an denen die Makkabäer zur Heldenstärke herangereift sind, der Größe uns würdig zu zeigen, zu der sie das jüdische Volk emporgehoben haben. Wir sehen, daß die Tugend, die die Makkabäer am heiligsten gehalten und in deren Spiegel ihr Werdegang am reinsten erglänzt, die Treüe war: treu dem Volke,, treu dem Lande, — das war der große Akkord, in dem ihr Lehen ausgeklungen ist. Indem wir, diese Ereignisse mit Fleiß und Liebe studieren^ nehmen wir ihren Geist und die Stimmung in uns auf. Es wird zu unserer jubelnden Lust und zu unserer weinenden. Trauer. - Daß der zionistische Gedanke in manchem genialen Kopf eines Auserwählten auch ohne historische Studien aufgestrahlt ist ändert nichts an der Tatsache, daß für die Gesamtheit und für eine dauernde Entfaltung dieses Gedankens das historische Selbstbewußtsein die Voraussetzung für ein wirklich zionistisches Empfinden bildet. Das ist der wesentliche und charakteristische Zug. des Genies, daß es auch ohne theoretisches Erkennen, unmittelbar empfindet und vorausahnt. Was im Zionismus vertreten ist, ist um es mit einem Worte zu sagen: der Unmittelbarkeitsstandpunkt. Und das muß gelernt und erkannt werden! Wir sind wie jedes andere Volkstum, wir müssen uns erhalten, wir müssen gegen die Not der Verfolgung und gegen den Untergang in der Freiheit eine Zuflucht für unsern Stamm sichern auf dem Boden unserer Ahnen. Was haben wir zu wahren, welche unserer Güter sind bedroht, weshalb können wir uns nicht auf den allgemeinen Fortschritt verlassen, und warum erblicken wir darin die Zerrissenheit der jämmerlichen Unfreiheit, wo ist der Boden unserer Ahnen und wie haben wir ihn verloren und gewonnen und wieder verloren, wie waren wir früher und was fehlt uns jetzt? All diese Fragen kann nur die jüdische Geschichte beantworten. Die anti-historische Stimmung, die nicht nur in den westeuropäischen . Am-haarez-Kreisen, sondern auch unter den Hebräischleseriden im Osten herrscht, der Unmut gegen alles Ernste, Grundlegende, die Neigung zur Seichtheit, zum Schein, zur Momentphrase müssen überwunden werden. Die glücklichen Völker, deren Existenz gesichert, deren Organisation befestigt, die die Bürgschaften für ihre Entwicklung gefunden haben, sind so mächtig, daß sie auch die eigne Bewußtlosigkeit, die Bequemlichkeit, die Dekadenz und die Sensation mancher spielender,- oberflächlicher Menschen ihrer Kreise von bunter, lockerer Art, ertragen können. Sie bedürfen keiner Ausdauer, ihrer harrt kein Kampf; sie können sich amüsieren" und ihren Nervenreizen fröhnen. Wir verlangenkeine Askese; wir begreifen, daß man die Menschen so nehmen muß, Wie sie in der Mitte ihrer Zeit und Umstände, sein" können. Aber unser Schicksal ist zu hart und"' ernst, -.als" daß wir mit der Leichtlebigk-eit auskommen" könnten. Uns genügt nicht die Kenntnis des Augenblicks, wir müssen geschichtskundig sein; uns kann die Zeitung nicht genügen, wir müssen zu den Büchern greifen, wir "müssen „ein Volk des Buches" - sein, freilich um dem Buch Lebenslehren zu entnehmen. Unsere ideale Erhebung kann nur mit Hilfe all jener ürälten: Lebenselemente unseres Stammes gelingen, die unserer Geistesanlage entsprechen, die unsere Art bilden und die den in aller Not unverkümmert bewahrten Idealismus fördern:"die Lehre und in ihr die Geschichtskunde und die Nationalsprache. . Möge man doch in unsern denkenden zionistischen Kreisen begreifen, welche Bedeutung .die Verbreitung der Geschichtskunde besitzt. Schutz und Pflege für diese Güter! Mögen doch Einzelne, und Institutionen -dafür sorgen, daß auf diesem Gebiete die Arbeit aufgenommen werde, .daß man forsche und schreibe und publiziere, und daß man dieses Gold ,in lausenden von Münzen auspräge! Und möge unsere Gesamtheit zu den Quellen zurückkehren, denen das geistige Leben unseres Volkes entquillt, damit wir den Tempel des Wissens neu einweihen! . N. S.

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