Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIEMKE LT No. 50 „Doroth Harischonim" gehören ins taltnudische, Neumarks grundlegendes Werk ins philosophische Fach) ist, daß insbesondere nichts populäres erschienen ist, daß überhaupt gar kein Verlangen und keine Stimmung für dieses Wissen vorhanden sind, daß es als rückständig, pedantisch und weltfremd bezeichnet wird, wenn die Popularisierung dieses Wissens verlangt wird, das ist nicht mehr ein Irrtum, das ist eine vollständige Verirrung des öffentlichen jüdischen Geistes, eine Verirrung, die uns den Boden anter den Füßen entzieht, ein Zusammenbruch schlimmster Art, eine absurde und törichte Richtung, die uns die Schamröte ins Gesicht treiben muß! Was bedeutet denn eigentlich die Behauptung: ich will nichts von meiner Vergangenheit wissen? Offen,, wahrhaftig und rückhaltlos ausgedrückt bedeutet sie: ich will keine Kontuität meines Lebens; ich will mich selbst nicht kennen; ich will nicht wissen, was ich war; ich kümmere mich auch gar nicht darum, was ich sein werde. Ist das ein souveräner Subjektivismus der künstlerischen Natur oder eine gespreizte, blödsinnige, eigenmächtige Wichtigtuerei? Es ist ein Merkmal des Verfalls, eine RückentWickelung, ein Symptom, das die Zerrissenheit der jüdischen Persönlichkeit und der jüdischen Weltanschauung kennzeichnet. Pythagoras soll von den Mitgliedern seines Vereins verlangt haben, sich zweimal täglich von ihren Taten und Gedanken Rechenschaft abzugeben. Wir, die Menschen von heute, leben in dem unaufhörlichen Lärm einer schillernden Pseudokultur, in einem Wasserschöpfen der Danaiden, in einem fortwährenden Jagen, in einer Hast und Zerstreutheit, die an nichts anderes zu denken gestattet als an den Augenblick, nichts anderes wissen will, als die Bläschen auf der Wasserflut — das letzte, das neueste, das allerneueste Wort. So rinnt das Leben dahin; wir wissen nicht, wann wir alt werden, und wenn wir schon an das Ende des Weges angelangt sind, wissen wir noch nicht recht, was wir auf den verschiedenen Etappen durchgemacht haben. Und ganz so wie unser Einzelleben in eine Reihe augenblicklicher Zustände zerfällt, wollen wir auch von einer innern Einheit des Kollektivlebens unseres eignen Volkes nichts wissen. Woher soll das stolze, von der Allmacht des sittlichen Willens und der Einsicht durchdrungene Selbstvertrauen entströmen? Es scheint uns fast überflüssig, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft vorauszusehen. Wir glauben die erstere nur erleben zu müssen; die letztere hingegen bleibt für uns immer eine Überraschung, oftmals eine traurige und enttäuschende Überraschung. Das ist nicht höhere Wissenschaftlichkeit oder ein feineres Kunstgefühl, das die neue Generation von der Geschichtskenntnis ablenkt; es ist die allgemeine Seichtheit, die Schnelligkeit, die Hohlheit des Lebens und der Lebensbestrebungen. Es ist wahr: diese Richtung hat auch bei andern Völkern eingerissen. Aber der Schaden, den sie andern Völkern verursacht, ist mit den Verheerungen nicht zu vergleichen, die sie unter uns anrichtet. Haben doch andere Völker starke, reale Grundlagen, während wir nur durch die Kraft des Bewußtseins und nur durch die ewige Frische der Erinnerung existieren. Raubt man uns das historische Wissen, so raubt man uns alles; wir haben keinen Halt, keinen Ursprung und keine Zielbestimmung mehr. Durch das Geschiehtswissen gewinnen wir für das Verständnis unserer Gesamtlage ganz andere Ausblicke. Propaganda ohne Popularisierung jüdischen Wissens ist das Schlagen einer hohlen Pauke. Nur durch das Wissen schaffen wir Raum für Schlußfolgerungen aus eignen Erfahrungen, die sonst unter dem Druck abschätziger Beurteilung stehen. .Das sollen doch wir Zionisten wenigstens.yerstehen. Denn auf diesem Punkte berühren sich die Grundlagen des jüdischen Geschichtswissens mit den tiefsten Wurzeln des Zionismus., Ja, der Zionismus ist in seinem innersten Kern ein Produkt, ein notwendiges Ergebnis, eine Verwirklichung der Volksgeschichte, die deshalb gekannt und empfunden werden muß. Man war und man ist noch jetzt in der großen Judenheit meistens gewohnt, unser historisches, nationales und ganz eigenartiges Problem in tausendfacher Zersplitterung und Zerfahrenheit, getrennt, aufgelöst, unter dem Gesichtspunkte des Kampfes zwischen Absolutismus und Verfassung, Monarchie und Republik, Kapital und Arbeit mit russischer, deutscher, französischer Brille zu beobachten. Die allgemeinen Begriffe: Humanität und Freiheit wollen uns nicht aus dem Munde weichen, und immer goldener färben sich die Träume. . . . Nun hat der Zionismus das jüdische Problem aus dem Chaos der allgemeingiltigen humanen und freiheitlichen Bestrebungen herausgearbeitet. Unsere Geschichte hat uns gelehrt, die vollständige Idendität der Judenfrage mit der allgemeinen Freiheitsfrage anzuzweifeln. Gewiß bildet die Idee der Freiheit auch für uns den dunklen, treibenden Untergrund, gewiß ist sie auch für uns reizvoll und zündend, aber unsere Geschichte gibt uns einen eignen Maßstab, an dem wir das Wertvolle und Wertlose messen. Wir leugnen die schlechthin geltenden Werte, wir proklamieren nicht die Universalmethode, wir bekämpfen die einseitige Betonung und Überschätzung des sogenannten allgemeinen Fortschritts für die Lösung der Juden- und der jüdischen Nationalitätsfrage. Der nach Befreiung seiner Persönlichkeit und seines Volkstums strebende Jude ist auch ein Glied in jener Kette der Freiheitskämpfer, die die Schätze und Güter der Freiheit gehoben und verteilt haben, aber. er geht in diesem großen Wettstreit, der Menschheit seine eignen Wege. Er geht mit Moses und Josue, mit Esra und ZerubabeL mit den Makkabäern, mit seiner — wohl der ganzen Menschheit leuchtenden, aber in einem nationalen Zusammenschluß der Erfüllung harrenden — Messiasidee. In Ihm lebt die große Seele des Orients. Das ist die intellektuelle Vorbedingung, die wir aus der Geschichte gewinnen: das Eigene und das für die Juden aller Länder Gemeinsame. Das Bestreben der Assimilation besteht darin, dieses Eigene zu verkleinern, zu verwischen, zu verallgemeinern, quasi auszuglätten. Die Angst vor dem eigenen Schatten, die Selbstverachtung, die Rücksichtnahme nach rechts und nach links, die Niedlichmacherei, das duckmäuserische Leisetreten lassen in dem Eigenen Anstößiges, Unzeitgemäßes, Unzartes und Rückständiges erblicken,. das man feilen, destillieren und mit Blumen bedecken müsse. Ob die Assimilation über die Bibel oder über die Makkabäer spricht, nie wird man das Eigene, das Natürliche heraushören, immer und immer nur die nichtssagenden, unpersönlichen Begriffswerte,. die Stereotype aller Religionen und aller Sittensysteme von Konfuzius bis Tolstoi- Die Makkabäer .— Glaubenshelden, Freiheitskämpfer —