Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \s/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ■■ ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRO; 1908 vz-\vb Dflnn'«« ihm n'a GEDENKET DER VERGANGENHEIT! Immer gleichgültiger behandelt unser Volk seine eigene Vergangenheit. Eine Verdüsterung und Dumpfheit breiten sich über diese einst lichtvollen Höhen aus. So sonderbar es auch klingen mag, liegt doch sehr viel Wahrheit in der Feststellung, daß das par excellence „historische Volk" sehr wenig oder gar keinen-historischen Sinn jetzt aufweist. Geschichtliche Aufsätze sind aus unserer Publizistik ganz ausgeschaltet, in der Literatur wagen sie sich schüchtern in einem engen Kreis, von Spezialisten nur noch selten hervor. Gemeihdemonographien, die einzelnen Bausteine für die Errichtung eines großen historischen Monuments, erscheinen nur sehr selten. Auch die hebräischen Leser sind zumeist historischen Studien sehr abhold geworden. Die Statistik der in den Bibliotheken gelesenen Büchern gibt darüber Aufschluß. Zahlen beweisen; Historische Bücher werden am allerwenigsten verlangt. Noch in meinen Kihderjahren mußte jeder einigermaßen solide AufkIärahgsmensch^Maskil")Fihns „Kirjah Neemanah", Simchah Pinskers „Likute" Kadmoniöth" gelesen haben. Jetzt ist all das zum alten Eisen geworfen worden. Nicht weil der Gegenstand an sich schwierig ist, stehen doch geschichtliche Studien, besonders populär geschriebene Geschichtswerke, auf der Grenzscheide zwischen Wissenschaft und Belletristik. Aber man. hat kein Interesse daran. Klio ist in Verruf gekommen.' Auch über historische Erzählungen spricht man jetzt mit spöttischem Achselzucken und überlegenem Lächeln. Einige wollen in den kosmopolitischen Strömungen, die unter gewissen Bruchteilen unserer Jugend und gewissen Schichten unserer Gesamtheit populär geworden sind, die Ursachen des Unmuts gegen die nationale Vergangenheit erblicken. Diese Grübler der Doktrinen sollen ein schiefes Gesicht machen, wenn sie von „Geschichte" hören. Ich erinnere mich jedoch einer Zeit, in der die sozialistischen- Lehren vielleicht nicht so extensiv, aber viel intensiver,- ausschließlicher und mächtiger die Jugend beherrscht haben und in der die sozialistische Propaganda in ihren Grundlehren viel kosmopolitischer war, und doch hatte diese Jugend noch Sinn, für ihre Volksgeschichte. Die einen studierten sie für polemische Zwecke, indem sie suchten, ihre politischen Ideale durch die Lehren der eignen Volksgeschichte zu begründen; die andern taten es, um die Wege zu finden, wie man diese Ideale so auffassen könnte, daß sie den nationalen Bestrebungen entsprechen sollen — ein, wie man es heutzutage nennt, „Revisionismus", der zur Schwächung und Beseitigung der ursprünglichen kosmopolitischen Überspanntheit führte. Niemanden fiel es auch nur ein, die Nützlichkeit historischer Studien in Abrede zu stellen. In hebräischen und jüdischen Zeitschriften, in europäischen Sprachen erschienen ab und zu historische Aufsätze. Grätz's Geschichte wurde in mehrfachen Ausgaben und Übersetzungen verbreitet, geradezu gierig verschlungen. Ich erinnere mich, mit welcher Spannung man im Ghetto auf jeden neuen Band der Eisik Hirsch-Weiss'schen „Geschichte der Tradition" („Dor Dor w'Dorschaw") wartete. Das Erscheinen der Monographie Lithauisch- Brisks (Brest Litowsk) von Feinstein, war für uns ein Ereignis. Man: machte sich überall an die Archive der Gemeinde, man begann in Plozk und in Lublin, in Grodno'und in Krakau die Memorbücher zu studieren. Ein Diletantismus, der nichts Großes schaffen konnte, der immerhin aber etwas gescheites den Lernenden und Lesenden beizubringen vermochte. In der hebräischen Literatur gab es noch keine „Propheten", keine Klique und KIaque, keine ewige Wiederholung einiger Namen, keine literarischen „Abende", „Aufwallungen", Hurrastimmungen, Zeitungsreklame, Übermenschen, Nuancen, extatische Erlebnisse, und dgl., Schrullen und Kindereien, mit all den bunten Dekadenzflittern, die es einem reifen Menschen schwer machen, sich jetzt mit ■ dem Literatur-Bluff zu befreunden, es sei denn, wenn er so innerlich an sie gebunden ist, daß er nicht mehr heraus kann. Weil man Geschichte lernte, schuf man keine Abgötter; man las Krochmal und Luzzato, Frankel und Weiß, —: und das historische Bewußtsein der Vergangenheit wurde durch das Studium der Bibel und der talmudischen Literatur immer frisch genährt und befruchtet. Daß bei uns jetzt auch diejenigen, die sich als „national" bezeichnen, kein Verständnis für Geschichte als Kräftigung des Kerns nationaler Gesinnung haben, daß seit Jahren kein neues bedeutendes Werk auf diesem Gebiete erschienen (R. Isak Halevys große Werke!■ ^^ggg^^^^^^^^^g^^^^^^