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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
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~±Z V.r.,":-'■ 'IM Ich habe ihn in jener Zeit, vor 1895, nicht gekannt, und als iefi. ihtt;kennen lernte, haben wir uns darüber zu schnell ver- - ständigt; als daß er hätte Geschichten erzählen, müssen. " Wennl diese Dinge zur Sprache kommen, die uns Juden forttreiben von den - - - andern, dann genügt es, daß wir einander in. 'die Augen sehen! (Zustimmung.) Wir haben alledasselbe erstrebt! ' Wir sind vertrauensvoll in diese Kulturgemeinscbaft eingetreten. Vertrauensvoll? . Mehr als das! Begeistert, opferfreudig, hingebend! Und jeder von uns hat seinen Tag gehabt, an dem ihm zu Mute war, als sei er in einen schmählichen Hinterhalt gelockt,worden! (Stürmische Zustimmung.) Jeder von uns hat seinen Tag gehabt, an dem er fühlte, daß seih treuherziger Glaube betrogen, sein Vertrauen mißbraucht und seine Hingabe bespuckt wurde. Jeder von uns hat eines Tages gesehen, daß er wehrlos, hoffnungslos einer Übermacht preisgegeben ist, die ebenso tückisch ist wie feig, ebenso unversöhnlich wie wortbrüchig! ' - Hier haben Sie den Weg, den Theodor Herzl gegangen ist Nicht als ein in Schwärmerei entzündeter Jüngling, nicht als unerfahrener, knabenhafter Enthusiast Er hatte in dieser Welt schon eine Arbeit verrichtet,, die hinreichen würde, um drei Arier zu berühmten Männern zu erheben. {Lebhafte Zustimmung). Er hatte in der Welt eine Leistung vollbracht für die man in dieser Stadt ein Denkmal erhält, wenn man nicht aus Budapest ist, und Theodor Herzl heißt. (Heiterkeit). Und es kam für ihn der Tag, an dem er einsah, daß alles Werben vergeblich ist, der Tag, an dem er abschloß mit allen Hoffnungen des Freisinns. Auch andere haben diesen Tag erlebt aber sie haben sich entweder belogen, oder sie haben sich abgefunden. Dieses aber ist die Tat Theodor Herzls, daß er sich weder belogen hat, noch sich abgefunden, sondern, daß er in dieser Welt, in der es für ihn keine Heimat gab, eine Heimat suchte. Es ist die Tat Herzls, daß er seine Heimatsehnsucht nicht beschwichtigte, daß er ihr folgte, daß er sich ihr darbrachte, wie er war, jung, erfolgreich, kraftvoll und — zufrieden, wie er hätte sein können-. Wir haben, — seit wir aus dem Ghetto entlassen wurden, — die Judendemut erlebt, die Judenangst, die Judenfrechheit auch, den Judenübermut die Judenzudringlichkeit und die Judenscham. Aber in Theodor Herzl haben wir zuerst den Judenstolz erlebt, die Judenwürde. In seiner Persönlichkeit, die außen und innen schön war, hat sich der Judenadel zum erstenmal ausgedrückt. (Schluß folgt.) England (Von unserm Berichterstatter) Die Anglo Jewish Association Die Jahresversammlung der Anglo Jewish Association fand am Sonntag den 6. ds. Mts., vormittags, unter dem Vorsitz Mr. Claude Montefiores und in. Anwesenheit einer zahlreichen Zuhörerschaft statt. Mr. Montefiore führte aus, daß, während die Anglo Jewish Association auf ihre politische Tätigkeit im verflossenen Jahre zufrieden/zurückblicken könne, ihre Fortschritte auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichts sehr viel zu wünschen übrig ließen. Sie habe irri verflossenen Jahre gemeinsam mit dem Board of Deputies ersprießlich gearbeitet in allen Dingen, die das Wohlergehen der Juden allüberall betrafen. Was das Erziehungswerk im Osten anbetreffe, so sei er voll Besorgnis und Furcht Die Beiträge hätten sowohl in London wie anderswo nachgelassen. In der Eveline-Schule in Jerusalem sei es notwendig geworden, das ganze Gebäude vollständig umzubauen. Da er die Schwierigkeit der Beschaffung der erforderlichen Mittel zu diesem Zwecke gekannt habe; habe er sich entschlossen, -die benötigte Summe vorzustrecken, in der Hoffnung, daß ein Tefl später zurückgezahlt werden könne. Es werde immer schwieriger, geeignete englische Lehrer zu finden, die bereit seien, Steilen im Orient anzunehmen. Den westlichen Juden mangele offenbar jener missionäre Geist, der so viele Christen zu so heroischen Anstrengungen begeistere..' Was die Tätigkeit der Jewish Colbnisation Association anlängt, so sei ein befriedigender Fortschritt in Argentinien zu konstatieren; auch in den andern Ländern breite die. Arbeit sich aüs und gedeihe, insbesondere in Brasilien, wo man schon (!) 300 Seelen angesiedelt habe. In Rußland unterstützt die lea die unglücklichen Brüder in mannigfacher Weise, insbesondere mittels' der Leihkassen, die man eingerichtet habe unddie . ständig an Bedeutung gewännen. Die Aussichten in Rußland blieben; allerdings nach wie vor dunkel, traurig- und trostlos. '"'.Die ^Kräfteder Reaktion, Unduldsamkeit und des Menschenhasses,• die.abscheulichen'^ der Religionsverfolgung'- blieben ungebrochen"" und'" üngeschwächt 'Es'^hätten jEELT...... '....... ■ ■ . ■ \ ■■ " allerdings im verflossenen Jahre keine Pogrome großen Utnfanges stattgefunden, die die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt hervor-, gerufen hätten, aber statt dessen setzten die verschiedenen Behörden ihre Politik der Verfolgung im kleinen, sei es auf gesetzlichem oder ungesetzlichem Wege, fort, was vielleicht noch schrecklicher und in seinen Folgen noch furchtbarer sei als irgendetwas, das früher stattgefunden. „Wie lang noch, Herr, wie lange?" sei der Schrei, der immer noch von unsern Brüdern in Osteuropa ausgestoßen werde. Dr. Gast er, der den Antrag auf Annahme des Jahresberichtes unterstützte, führte aus, nur wenn der Gemeinsinn der Juden, der nachgelassen habe, sich wieder hebe, zeigten sie sich ihrer Stellung als vollberechtigte Bürger würdig. Die Fremden und die Lords Bisher hatte nur das Unterhaus sich mit der Frage der Handhabung des Fremdengesetzes beschäftigt; neuerdings aber haben auch die Lords, die unter einem Mangel an Beschäftigung leiden, diese Frage in den Kreis ihres Interesses gezogen. Vor ein paar Tagen fand Im Oberhaus eine Debatte statt, die zeigt daß die Konservativen in eine Aktion eintreten wollen, um eine viel strengere Durchführung des Gesetzes zu erzwingen. Der Earl von Donoughmore sagte, daß die Handhabung des Gesetzes zu einer Farce gediehen sei, und beklagte, daß, während nach dem Wortlaut des Gesetzes als Einwanderschiff jedes Schiff gelte, das wenigstens zwölf Zwischendeckpassagiere mit sich führe, der Staatssekretär des Innern diese Mindestzahl auf zwanzig erhöht habe. Earl Beauchamp erwiderte für die Regierung und lenkte die Aufmerksamkeit des Hauses auf das erfolgreiche Resultat des Gesetzes mit Bezug auf die Vertreibung von bestraften Einwanderern aus dem Lande. Tatsächlich sei es möglich, Mittel und Wege zu finden, um unerwünschte Einwanderer in das Land zu bringen, unabhängig davon, ob zwölf oder zwanzig als Mindestziffer gelte. Tn einem Falle habe das Ministerium des Innern die Mindestzahl sogar auf zwei festgesetzt was am besten beweise, daß der Staatssekretär des Innern bestrebt sei, alles zu tun, um unerwünschten Einwanderern das Land zu verschließen. Viscount Li dien sagte, er finde aus einem Vergleiche der Statistiken, daß in manchen Fällen mehr Einwanderer in Nichteinwanderungsschiffen ins Land kämen als in Einwanderungsschiffen. (Solche Fälle, muß hinzugefügt werden, sind sehr selten.) Der Marquis of Landsdowne sagte, daß, obgleich er glaube, daß die Regierung Dank verdiene für die Austreibung unerwünschter Einwanderer,, die sich bereits ansässig im Lande gemacht hätten, er doch der Ansicht sei, daß mehr Wachsamkeit vonnöten sei hinsichtlich der Rückkehr solcher unerwünschter Fremden, die versuchten, wieder ins Land hineinzukommen. Irgendein praktisches Ergebnis hatte die Debatte nicht, aber sie ergab ein klares Bildvon den Gefühlen der Opposition in dieser Sache. Rumänien (Von unserm Berichterstatter) Der Judeneid in Rumänien Im Ausland hat man vielfach nicht recht verstanden, warum die rumänischen Juden der Abschaffung des sogenannten Eidschwures „more judaico", des Judeneides, eine so große Bedeutung beilegten. Man hielt vielfach diesen Eidschwur für eine einfache konfessionelle Eidesformel, die zwar in einen modernen Staat nicht hineingehöre, mit der man sich aber schließlich abfinden könne. Diese Ansicht beruht auf einer mangelhaften Kenntnis der Prozedur des Judeneides. Dieser Eidschwur, der von einem jüdischen Renegaten verfaßt und im Jahre 1S44 vom Woiwoden Caragea durch eine besondere Verordnung (Anaforcua genannt) in Kraft gesetzt wurde, darf nur an einem Montag oder einem Donnerstag geleistet werden, weil nur an diesen Tagen die Thora vorgelesen wird, oder wie andere "sagen, weil nach der Rückkehr der Juden aus Babylon im jüdischen Staate nur am Montag und Donnerstag das Tribunal geöffnet war. ■ Derjenige, der einen Eidschwur more judaico zu leisten hat, muß vom Rabbiner und vom Richter frühmorgens aus dem Be*t herausgeholt werden, da streng darauf geachtet werden muß, daß er vor der Zeremonie weder . ißt noch trinkt; andernfalls wird der Schwur für nichtig erklärt. Alsdann wird er, immer vom Rabbiner und vom Richter begleitet, zum Ritualbade (Mikwah) geführt, wo ihn zwei Diener mit scharfen Messern empfangen und ihm die Nägel abschneiden. Nach dem Bade muß er sich frische Wäsche anziehen, und dann 'begibt er sich mit dem ganzen Gefolge in die Synagoge. Dort muß .der zu. Vereidigende sich die Schuhe aus-

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