Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316346--51337-3379111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

ife**»»??^^ 16 -DfEWELT^ Ncc Herzische Rade ohne aufdringliches Pathos, innig und geschmackvoll vor. Herr Hermann Bahr, ein hinreißender Sprecher von bezwingender Natürlichkeit, las „Das Luftschiff, eine philosophische Erzählung von Herzl, und schilderte in seinen „Erinnerungen an Theodor Herzl" das psychologische Werden des toten Führers. Herr Bahr gab Eindrücke seiner Begegnungen mit Herzl wieder: In Berlin, wo das „Buch der Narrheit" entständen; in der französischen Kammer, als das Fieber des Panamaskandals das Palais Bourbon schüttelte; in Wien, während der Schicksalszeit der Rückkehr Herzls zum Judentum, schließlich in Edlach das Wiedersehen mit dem sterbenden Herzl. Die Versammlung dankte dem Redner erschüttert und ergriffen. Es folgte der letzte Akt des „Neuen Ghetto", von Herrn Brecher stimmungsvoll vorgetragen. Den Schlußakkord des Abends bildete Frl. Lia Rosen, die Max Violas Herzl-Gedicht (aus der „Welt") und „Das große Wecken" von Israel Auerbach vortrug. Die beliebte Künstlerin, deren innig-zarte Stimme, in der verhaltene Tränen nachzitterten, zugleich metallene Klarheit und Klangfarbe besitzt, errang mit ihrem leidenschaftlich gesteigerten Vortrag einen großen Erfolg. Der Theodor Herzl-Abend war eine eindrucksvolle, erhebende und weihevolle Huldigung für den Schöpfer der zionistischen Bewegung. Nachstehend der Bericht: Um \*8 Uhr abends eröffnete Herr Salomon Kaplansky den Abend. Nach den einleitenden Begrüßungsworten führte" Redner aus: „Ich glaube Ihrer Zustimmung sicher zu sein, wenn ich ausspreche, daß es keine alltägliche, marktgängige Wohltätigkeitsakademie ist, zu der wir uns heute versammelt haben. Diesem Abend, der dem schönen Zweck der Unterstützung von Arbeitslosen gewidmet ist, gibt der Name Theodor Herzls die Weihe. Es wäre eine verlockende Aufgabe, darzulegen, wie Herzl aus dem westlich-jüdischen satt-bürgerlichen Milieu herausgewachsen ist, welch steilen Weg der Entwicklung er zurückgelegt, bis er den Weg zu den Herzen der Armen, des „verzweifelten und schwebenden Proletariats", wie er treffend die jüdische Arbeiterschaft bezeichnete, gefunden hat. Allein es wäre eine Oberhebung, wenn ich den illustren Sprechern des Abends in irgendwelcher Weise vorgreifen wollte. Redner will nur auf den leitenden Gedanken der festlichen Veranstaltung hinweisen. Theodor Herzl soll nicht allein als der größte jüdische Staatsmann des Golus vor Augen geführt werden. Man muß Herzl, den sanft-heitern und still genießenden Beobachter der Lustspiele des Lebens verstehen. Man muß begreifen, wie er mit einer blutenden Wunde im Herzen die kleinen, und großen Tragödien des Lebens schluchzend und liebevoll studierte. Man muß schließlich Herzl, den Baumeister -des jüdischen Volkes, der mit mächtiger Hand die Grundlage eines neuen Gemeinwesens aufführte, kennen. Nur wenn man all diese scheinbaren Widersprüche seiner überragenden Persönlichkeit begreift, tritt uns die Gestalt Theodor Herzls in all ihrer majestätischen Vornehmheit, Größe und Schönheit entgegen. Redner dankt schließlich den Künstlern und Meistern der Schrift und des Wortes, die durch ihre freundliche Mitwirkung dem Abend besondern Glanz verliehen. (Lebhafter Beifall.) Herr Felix Saiten (stürmisch begrüßt) hält folgende Gedenkrede : Dieser Abend ist dem Andenken eines Mannes geweiht, der nur ganz kurze Zeit unter uns gelebt hat, der uns viel zu früh entrissen wurde, der bis heute unersetzt geblieben ist — und den wir niemals werden vergessen können. Denn das Schicksal der Juden mag sich zum Bösen wenden oder zum Guten, wir mögen entscheidende Katastrophen erleben oder entscheidenden Aufschwung, — immer werden wir diesen einen Namen aussprechen: Theodor Herzl! Was uns die Zukunft auch bringt, wir werden in den Tagen der Freude und in den Tagen der Not seinen Namen anrufen; wir werden wünschen, er möge bei uns sein, wir werden empfinden, daß dieser Eine uns fehlt: Theodor Herzl! Herzl ist 1860 zur Welt gekommen; wir schreiben heute 1908, — und es ist schon Jahre her, seit er nicht mehr auf der Welt ist, er, der' heute noch ein aufrechter, unverbrauchter Mann sein könnte, noch nicht ein Fünfziger. Bis zum Jahre 1895 war er ein Jude wie alle anderen Juden es sind, wie alle Juden, die in der Großstadt aufwachsen, die dem Bildungstriebe ihrer Rasse folgen, die Universität beziehen, ihren Doktor machen, die von allen Idealen des Fortschritts und der Kultur träumen, die eine Versöhnung der Menschen für möglich halten, weil sie selbst versöhnlich sind, und die nach einem Weltbürgertum der Intelligenz streben. Er war 35 Jahre alt, war als Schriftsteller auf dem Wege zum Ruhm, war als Journalist erfolgreich und Redakteur eines Blattes, das gerade von der liberalen Judenschaft angebetet wird. Er hatte eine Bühne, auf der er die erste Rolle spielen konnte, er'hatte'Applaus, er hatte ein Ziel erreicht, das vielen anderen als ■ das schönste gilt Da schrieb er den „Judenstaat". Er war seiner ganzen.Lage nach ein.Gesättigter. Er.brauchte * nicht auf Mittel sinnen,, um von sich redenzu machen. Er war auf einem Punkt seiner öffentlichen Karriere angelangt, auf dem andere sich taufen lassen! . Wenn andere so viel geworden sjnd, wie Herzl damals war, glauben sie, es ihrer Stellung schuldig zu sein,, sich taufen za lassen. Es gibt sogar viele, die gar nichts.geworden sind, .und die trotzdem meinen, sie seien es „ihrer Stellung schuldig"- (Heiterkeit.) Herzl schrieb den „Judenstaat". _ .. Das war 1895, •— und " neun ..Jahre später-war-sein-Leben vollendet. Iii diese außerordentlich;kurze Spanne Zeit drängt sich alles zusammen, was Herzl..dem Judentum, geleistet hat Wenn.'wir heute die ungeheure Wirkung dieses Mannes über- : sehen, wenn wir heute bedenken, wie tief die Existenz dieses Mannes unserem Volke .eingegraben ist wenu wir sehen, wieseine Arbeit über die ganze Erde hin Wurzel geschlagen hat, dann will es uns scheinen, als sei das ganze Leben dieses Mannes, als sei das lange Leben eines Mannes derjüdischen- Sache geweiht gewesen. Dann will «es uns scheinen, als müsse in vielen, großen Büchern nur erzählt werden, was dieser Mann : in vielen Jahren geschaffen hat. Aber es sind nur neue kurze Jahre gewesen, ein Nichts an Zeit, ein schneller Augenblick, in der Geschichte. Dennoch — ein Unendliches, an Seele, an Geist,-und— an Beispiel! - Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, wir Juden brauchen heute keine Beispiele mehr dafür, daß unser Volk große; und tüchtige Männer hervorbringt. Wjr brauchen keine Beispiele aufzählen, daß unserer Mitte große Dichter entstammen, große Tonsetzer, große Maler und Bildhauer, geniale Forscher und Gelehrte. Wir brauchen auch keine Beispiele dafür, daß unser Volk — ob es gleich zweitausend Jahre um den Besitz der Erdscholle betrogen und geprellt wurde — wir brauchen keine Beispiele dafür, daß es in unserm Volk so gute Ackerbauer gibt wie unter den Ariern! Keine Beispiele dafür, daß wir tüchtige Handwerker und technische-Arbeiter sind. Die Zeiten, in denen wir uns solche Beispiele vorgerechnet haben, als wir beisammen saßen, die Zeiten, in denen wir uns an solche Beispiele klammerten, um uns vor uns selbst zu entschuldigen, nur um uns vor den anderen zu rechtfertigen, — diese Zeiten sind vorbei! Aber wir brauchen Beispiele dafür, daß ein Jude imstande ist, ein Jude zu sein! Noch immer brauchen wir sie, leider! Wir sind auch in diesem Punkt früher bescheiden gewesen. Wenn einer gesagt hat: „Nu, ich bin e Jud, was soll ich mir tun?" so war nun das immerhin schon ein tapferes Bekenntnis. (Stürmische Heiterkeit.) So genügsam sind wir gewesen! Heute verlangen wir, daß einer in seinem Gemüt und in seinen Gedanken erfüllt ist von der Zugehörigkeit zu seinem Volke, dessen Kulturgeschichte älter ist als die Kultur all der übrigen Völker, in deren Mitte wir leben. r Heute verlangen wir, daß einer wisse: ich gehöre einem Volke an, das mächtig und blühend und auf der Höhe des menschlichen Geistes hinwandelte, als diese wilden Völker, die sich jetzt so brüsten, noch in Tierfelle gekleidete, selbst halb tierische Wilde waren. Die Wissenschaft ist fortgeschritten, der Länderbesitz hat sich ausgebreitet, — aber wie viel sie alle auch mit Schätzen und mit Erfindungen, mit gelösten Rätseln der Natur, mit all ihren Waffen des Friedens und des Krieges auch erreicht haben, '— sittlich und seelisch, moralisch und philosophisch, sind sie noch bis heute nicht über jene Höhe hinausgekommen, auf der mein Volk vor drei Jahrtausenden schon angelangt war. Näher zur Gottheit haben sie es nicht gebracht, als bis in jene göttliche Nähe, in der wir seit Jahrtausenden schon wohnerr. All ihre Bücher und all ihr Denken ist nur Auslegung jener Gedanken, die unsere Erzväter vor Jahrtausenden gedacht und in ihrem alten Testamentbuch niedergelegt haben —. lange, vor ihnen — nur Auslegungen und Kommentare! (Zustimmung.) Heute verlangen wir, daß einer im tiefsten seines Herzens sich beschwichtigt und beruhigt fühlt, wenn er daran denkt daß er ein Jude ist daß er sich glücklich fühlt und stolz, wenn er. ermißt, was es bedeutet, ein Jude zu sein. Heute entschuldigen wir uns. nicht mehr vor uns selbst, wir. rechtfertigen uns nicht vor den andern. Das Blatt hat sich gewendet. Theodor Herzl hat es gewendet . . Wie Herzl aus seinem eigenen Leben, aus dieser äußerlich glanzvollen und behaglichen Existenz, den Weg zum Judentum fand, wie inmitten dieser christlichen Bürgerwelt inmitten dieses christlichen Staatswesens. die Sehnsucht nach dem ' Judenstaat in. ihm erglühte, das wüßte ich aus biographischen Einzelheiten'nicht zu belegen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.