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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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und Schwäher bekämpfen und beketzern einander. Der provisorische Chachambaschi wird schließlich wchl doch der sich behauptende bleiben. Die Hauptstadt ist für ihn gewonnen, und deren 80 Stimmen geben gegen die 40 auswärtigen unter allen Umständen den Ausschlag. Aber auch hier ist vielleicht die Personenfrage nicht arg von Belang; die Kandidaten hier wie die fürs Parlament, sind unbeschriebene Blätter, wenn es auch freilich nicht gleichgültig ist, von wem sie beschrieben werden. Mit Nahum kommt die Alliance im Orient zu neuer Macht. Hoffen wir, daß sie sie für das Volksinteresse gebrauchen wird. Die Möglichkeiten liegen auf der Straße, buchstäblich. Erst in dieser Woche hat der Ministerrat wissen lassen, daß er den Gesetzentwurf über die Anerkennung von Gesellschaften als juristische Personen und über die Zulassung des Verkaufs von Wakufboden an solche fertiggestellt habe und für die Volksvertretung zur Sanktionierung bereit halte. Konzessionen werden aller Ecken nachgesucht' und in großer Anzahl bewilligt werden. Grandiose Projekte, wie das mesopotamische von Wilcox, harren der Gestaltung. Nimmt die Alliance die Ideen auf, die der türkischen Judenheit mangeln, oder die ihr durch Personalunion verschwägerte Ica, so hat sie im künftigen Großrabbiner eventuell einen Sprecher, der unter Umständen als Amtsbruder der Patriarchen und des Scheik-ül-lslam mehr dafür bedeuten kann, als die drei jüdischen Parlamentarier unter zweihundertunddreißig. Die türkische Judenheit wird nicht regeneriert werden ohne große Einwanderung jener ausländischen Judenmassen, die ihnen die Findigkeit und den Unternehmungsgeist bringen, die ihnen abgehen, jener Aschkenasim, aus denen, wie die Sephardim selber sagen, Maschiach dereinst kommen wird oder gar nicht. Und die wandernden Massen brauchen eine Regenerationsbasis, die nirgends heutzutage wie im türkischen Orient für sie bereit liegt. Das sollten die Alliance und die Ica sich sagen. Das sollten sie ihrem Chacham Baschi, wenn er obsiegt, mit Nachdruck einschärfen. Das erwarten wir, wird Haim Nahum oder wer immer an seine Stelle gelangt, als erster der orientalischen Juden für diese vor der ottomanischen Welt vertreten. Kann man eine öffentliche Meinung unter den Juden erzeugen, so wird hier diese Kunst heilsam anzuwenden sein. Hier ist ein äußeres und inneres, kulturelles und politisches Programm. Hier ist eine Idee für das Volk, seine Vertreter, seinen Leiter. Diese Idee oder keine wird Persönlichkeiten und Zukunft gestalten. Der Triumph der Gabella Man mag über die Gabella denken wie über jede indirekte Steuer und sie besonders darum verwerfen wollen, weil sie als Koscherfleischsteuer die des armen Mannes ist: vor der gesetzlichen Einführung einer neuen Gemeindeordnung und eines andern Systems der Kultussteuer mußte an ihr festgehalten werden. Die Konsistoriumskassen waren leer, sie mußten unter allen Umständen endlich eingebracht werden. Daß das dem Kaimakam Chacham Baschi Nahum gelang, ist ein Plus in der Wertung seiner Persönlichkeit. Er hat es in der Sache an Energie nicht fehlen lassen. Die Fleischer streikten, — er untersagte den Schächtern, für sie zu schlachten, und hielt als Gemeindeschlächtereien diejenigen Betriebe offen, die Gabella bezahlten. Die Streikenden verübten Gewalttätigkeiten gegen die „streikbrechenden" Fleischbänke, — er stellte Militär zum Schutze auf und machte die Empörer kirre. Man veranstaltete eine Protestmanifestation vor dem Großwesirat; er ließ am folgenden Tage eine größere Prokundgebung aufmarschieren. Die Renitenten haben sich löblich unterworfen; sogar die Gnade, von den Rückständen aus der Streikzeit befreit zu bleiben, ward ihnen versagt. Der erste ökonomische Kampf innerhalb der „konstitutionellen" türkischen Judenschaft ist somit ausgefochten. Das Großrabbinat bekommt wieder volle Kasse und wird beweisen können, daß selbst eine unsoziale Methode, Steuern einzuheben, nicht daran hindern muß, sie sozial zu verwenden. Konstantinopeler Schulen An den Schulen wird das Konsistorium zu beweisen haben, was es leisten kann. Das Arbeitsgebiet ist unendlich. Tausende von Kindern sind noch völlig ohne Unterricht! Das große Schulwerk der Alliance ist — den Vorstellungen in Europa ganz und gar entgegen — merkwürdigerweise nur für die Reichen da. Ihre Anstalten erheben ein so horrendes Schulgeld, daß die ärmeren Schichten vollkommen von ihnen ausgeschlossen bleiben! Die erst kürzlich übernommenen wenigen Schulen des Hilfsvereins genügen noch nicht dem Andrang, sind wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Ärmsten lungern im Hause herum und verkommen, oder — sehen sich in die Anstalten der Mission getrieben. Die Erziehung, die ihnen dort wird, ist für jüdische Kinder. lieblich zu nennen. Abtrünnige ihres Stammes sind die Charakterbildner: den Glauben ihrer Väter bekommen sie aus dem Katechismus, aus Jesusliedern und -gebeten, und ihren Gottesdienst lernen sie Sonntags in der Kirche! Die Eltern gehen indolent darüber hinweg; man gibt ihren Kindern weltlich ja den allerbesten Unterricht man gibt ihren Kindern frei Essen, frei Arzt und Apotheke, vielleicht. auch fällt für sie selber noch etwas ab,— -wer kann wissen. Sind der -Alliance diese Tatsachen unbekannt? Wird sie, wenn, ihre Pariser Kommission hier eintrifft, die — wie man sagt — das' Türkische und Hebräische in das Programm einführen unddas Französische darin beschränken soll, mit dem Programm auch die Höhe des Schulgelds reformieren? Es ist Hoffnung vorhanden, das zu erleben; denn Rabbi Nahum ist bereits in der Lage, zu erklären, daß ihm die Alliance das Doppelte und mehr ihrer Subventionen für die Schulanstalten bewilligen werde, als sie, bisher geleistet Trifft diese klingende Botschaft ein und fallen die Gabellapiaster wieder vollgewichtig in die Konsistoriumskasse, — in der es doch' wohl unter dem neuen Regime keine Bachschischlöcher mehr geben wird, — so mögen vielleicht endlich auch die armen Massen von Galata, Balat und Haskiöi für ihre jüdischen Kinder jüdische Schulen finden. Hinter den Kulissen Rabbi Paniggl von Jerusalem ist abgesetzt. Aber niemand ist der Urheber dieser Substituierung. Der Chacham Baschi-Kaimakam will lediglich auf Befehl des Ministeriums die Absetzung vorgenommen haben. Das Ministerium soll durch ein dringendes Telegramm des Gouverneurs Subhi Bey zu dem Auftrag veranlaßt sein, der behauptet haben soll, bei weiterer Amtsführung Panigels für die Ruhe der Stadt Jerusalem nicht mehr garantieren zu können. Gouverneur Subhi Bey will von solchem Telegramm nichts wissen und läßt die ganze Behauptung strikte dementieren.. Was ist hinter den Kulissen vorgegangen? Eine der drei Instanzen sagt sicherlich die Wahrheit, nur ist schwer zu eruieren, welche. Wo sie aber auch sein mag: der Alte in Jerusalem fiel; fiel just wie er gestiegen; die Partei, die ihnhochbrachte, indem sie Rabbi MeTr stürzte, hat sich nicht zu beklagen; ihre eigne Methode hat Schule gemacht, nichts weiter. Läuft sie jetzt zum Kadi oder gar zu Konsuln und Gesandten, so wird ihr Recht nicht besser; sie fügt nur der ganzen Häßlichkeit der Affäre einen neuen Chillul ha-Schem hinzu; wieder die Methode ihrer Gegner aufgreifend, wird sie es noch mit diesen vereint dazu bringen, daß man an diesen Disput wie an den von Mönch und Rabbi denken wird. Jaschassin chwiet! Man würde sehr irren, wenn man glauben wollte, das Jerusalemer Rabbinat mache den Stambuler Juden Kopfweh. Haben es ihnen doch nicht einmal die Wahlen zum Parlament gemacht Diese Wahlen sind in geradezu kurioser Friedlichkeit verlaufen. Es wurde alles „oben" abgemacht. Die jüdische Bevölkerung hatte zwar ihre hundert Wahlmänner zu erwählen; aber die hundert Namen hat das Wahlkomitee ausgesucht; es hat sie auf einen großen Bogen gedruckt und sie den jüdischen Urwählern auf den Tisch legen lassen. Sie haben die ganze Liste, meist unbesehen, in den heiligen Urnenkasten hineingesteckt; und machte im Wahlbureau, das bajonettgeschmückte Soldaten recht anheimelnd erscheinen ließen, "einer besondere Anstalten, so wurde ihm bedeutet: „Laß, Bruder, es ist schon richtig." Und das ist es auch, die Vorherbestimmten kommen eben zutage. Aber Juden sind keine Griechen. Ihnen liegt es nicht so wie diesen, Wahlproteste zu machen. Sie sind im Gegenteil fromm und zufrieden. Sie sind von der Konstitution von Herzen beglückt; besonders das Wort „Gleichheit" hat es ihnen angetan. Ist es ein Wunder, daß sie fast mehr als die andern Jubelfeste feiern? Nicht bloß jeden Schlag fühlt der Jude doppelt, sondern auch jedes Geschenk, das man ihm, dem Juden, gegeben. Und so manifestiert er lustig mit den andern. Überhaupt hat er das Manifestieren'gut gelernt; die Nahum-Feierlichkeiten mit den Prozessionen seines Bildes in den Sukkothtagen in Balat und Haskiöi waren nicht üble Proben. Für die Schuljugend waren herrliche Tage angebrochen. Man schloß die Klassen, gab ihnen rotflammende Fähnchen mit dem weißleuchtenden Halbmond, die sie über den Häuptern schwangen, man formierte sie im Zug und ließ sie hinter der Musik her die wundervolle melancholische, eintönige und doch elektrisierende türkische Nationalhymne singen. Wie munter ihre hellen Sümmchen klangen! Nie werde ich den Sonntag in Haskiöi vergessen. Das war der Festzug der Armen. ' Arm in Arm in langen Reihen gingen die Männer; zu beiden Seiten bildeten sich, Hand an Hand gefaßt zwei endlose Ketten, ein rührendes Bild von treuer Wacht um das ganze Geleite, das die .blumengeschmückten Wagen mit den fahnenumhüllten Wahlurnen' durch das Dorf promenierte. Und in der Mitte die Schar der seligkeitstruhkenen Kinder. Die Straßeunter ihnen

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