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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 49 DIE^ELT 11 gaben, wie Gründang von Haushaltungsschulen, Kranken- und Waisenpflege u. dergl., sich -widmen wollen. Auch Jugendor- -gan.isationen gibt es bereits. Oberblicken wir nun das Ganze, so sehen wir einen Organismus vor uns voller Leben und Wirken und Schaffen, eine Maschinerie, bei der alle Teile ordnungsgemäß ineinandergreifen, eine würdige Volksorgahisation, die sich von einem modernen Staatswesen nur darin unterscheidet, daß die Glieder nicht" bei-, einander wohnen, und daß die einzelnen Teile kein Zwang bindet. Also Erschwerungen gegenüber dem, was wir durch unser Bild beweisen wollten; unsere Fähigkeit, ein Gemeinwesen zu leiten, zu regieren. Welche Erschwerung bedeutet es allein schon, daß man die Organisationsmitglieder nicht besteuern kann, daß sie alle ihren Städten und Staaten steuerpflichtig sind, für uns nur aus freiem Antrieb noch ein übriges hergeben. Können wir selbst bei der dringlichsten und notwendigsten Geldbedürftigkeit jemand zur Hergabe nötigen? Nie und nimmer. Es wird aber in diesem Zusammenhange interessant sein, ein" mal die ungefähren Summen zusammenzuzählen, die dennoch aus freiem Antriebe bisher in unsern offiziellen und offiziösen Unternehmungen angelegt wurden, nicht also die; die zum laufenden Betrieb hergegeben wurden, sondern die, die sozusagen jetzt das .„Volksvermögen" repräsentieren. Da sind: Jüdische Kolonialbank ......... Ji 5.100.000 Privatbeteiligung bei den Tochterinstituten „ 13.000 . Nationalfonds.............„ 1.500.000 ölbaumspende.............„ 100.000 Parteifonds „ 80.000 Industriesyndikat............„ 100.000 P. Landentw.-:Ges. (P. L. D. C.) ...... 75.000 Pflanzungsverein „Palästina" ....... 12.000 Kulturfonds............■ „ 15.000 zusammen JL 6.995.000 Die Summe ergibt immerhin ein ganz stattliches Kapital. Aber, aber: was will das besagen gegenüber den Aufgaben, die unserer Lösung harren? Was will das selbst besagen gegenüber dem Kapital, das eigentlich auch dem. jüdischen Volke als Volk gehört, das aber nicht in seinem Sinne verwaltet wird, gegenüber den Millionen, die allein Baron Hirsch dem jüdischen Volke hinterlassen hat? Sie würden uns ein gut Stück auf unserm Wege weiter, unserm Ziele näher bringen. Wir dürfen aber, mit ihnen nicht rechnen, und wir wollen es nicht. Wir fühlen uns stark genug, um die Millionen, die wir in zehn Jahren für unsere Zwecke zusammengebracht haben, in einer viel kürzern Zeit zu verdoppein, zu vervielfachen. Wir können es, wenn wir wollen. Das aber werden wir jetzt zu beweisen haben. Was wir erreicht haben, haben wir durch den freien. Willen der- Unsrigen erreicht Wir sind eine freie Organisation. Keinen können wir zu etwas nötigen. Bei weitem haben noch nicht alle, noch lange nicht hat ein jeder vonuns seine Pflicht gegenüber seinem Volke erfüllt. Besonders nicht die Bemittelteren unter uns. In wie kurzer Zeit könnten wir aber um so vieles weiter sein, wenn alle sich besännen und ihrem Volke das gäben, was ihres Volkes ist, was ihr Volk von ihnen erwarten darf? Kann es ein schöneres Denkmal geben, ein dauernderes als das, das man sich dadurch setzt, daß. man seinem Volke hilft, unserm Volke, das so viele schon überdauert hat und das, will's Gott, noch manche seiner Hasser und Neider überdauern wird. Dazu gilt's zu. helfen. Tue ein jeder seine Pflicht. Ohne Säumen jetzt. Dehn es. will uns scheinen, daß in der jetzigen Zeit uns Momente kommenkönnen, täglich, die verpaßt, uns auf Jahre zurückwerfen. Und-wir müssen sie verpassen, wenn nicht zuvor jeder Jude voll und ganz die Pflicht gegen sein Volk erfüllt hat. -'.' /_ ' : " '■'']' Hugo Schachtel Brief aus Konstantiaopel (Von unserm Berichterstatter) An der Schwelle der neuen Ära Noch vor wenigen Wochen konnten selbst Eingeweihte die neuen türkischen Zustände für schwankend halten. Heute dürfen sie ruhig als unerschütterlich gelten. Die Gefahr eines allzu plötzlichen Balkankrieges, der die junge Türkei unvorbereitet gefunden und vielleicht auf den ersten Anhieb niedergeworfen hätte, ist geschwunden; die Jildistruppen, die Avantgarde der Reaktion, sind zum Teil abgeschoben, zum Teil durch die Saloniker Freiheitsbatäillone in Schach gehalten; die Putschversuche sind kläglich fescheitert. Die neue Gesellschaft hat in der zähen und imposanten »oykottbewegung ein wundervolles Exempel von Kraft und Disziplin geliefert, das Ministerium hat in den letzten Tagen erst wieder sich neu verjüngt, und das Parlament wird Wahrheit. Allerorten tauchen Gründungs- und Erschließungspläne auf, die Ministerien haben bereits achtbare, gesetzgeberische Vorarbeiten geleistet, das Jungtürkenkomitee siedelt unmerklich nach der Hauptstadt über und wandelt seine Geheimarbeit in. Parteitätigkeit bei vollem Lichte. Die Freiheit ist auf glänzendem Siegeszuge. Alle Nationen des ottomanischen Staatsganzen haben sie begriffen, indem sie mächtigen Anlauf zu individueller Entfaltung nahmen. Ihre erste Aktion war eine möglichst intensive Existenzbetonung. Jede suchte so stark an Zahl - als nur möglich zu erscheinen und sich so stark als nur erreichbar im Parlament zu repräsentieren. Die Juden fehlten. Sie waren unsichtbar und unhörbar. Sie haben keine einzige Anstrengung gemacht sich für den friedlichen Wettkampf zu rüsten, und wie im Schlummer haben sie einige Parlamentsvertreter vom jungtürkischen Komitee geschenkt erhalten. Der dritte und letzte, der Erkorene der Hauptstadt, wird heute oder morgen der Wahlurne entsteigen. Nicht die Konstantinopeler Judenheit hat ihn erstritten, sondern die nichtjüdischen Volkselemente sich ihn gegenseitig abgetrotzt. Weil die Türken keinen vierten Griechen und die Griechen und Armenier keinen sechsten Türken unter den Vertretern der Hauptstadt haben wollten, bewilligten sie einander einen Juden. Und es ist eine tragikomische Ironie, daß hernach eine Gruppe die andere beschuldigte, daß sie keinen Juden habe zulassen wollen, während jede, sich verteidigend, behauptete, es wäre eigentlich ihr Kandidat, den sie den Juden abgegeben hätte. Es ist vollkommen gleichgültig, wer es sein wird, ob er Farraggi, Russo oder Asseo heißt Der eine sei ein besserer Redner, der andere ein zuverlässigerer Charakter, der dritte ein klügerer Parteimann: es ist gleichviel. Einen Typus, eine Persönlichkeit, eine Sache vertritt keiner. Die Türken haben ihre Märtyrer und Befreier, die Griechen ihre bekannten Vorkämpfer im Patriarchat und der Presse, die Armenier ihre Volksmänner, die Juden niemand. Niemand, weil sie keinen eignen Gedanken haben. Sie wollen nichts und fordern nichts. Sie wünschen von der Zukunft nur ein Negatives: keinen Antisemitismus. Das ist ihre ganze Politik. Trügt nicht alles, so beginnen die türkischen Juden schon jetzt Mimicry zu treiben. Die „reinen Ottomanen", die „erst Ottomanen" und di« „nichts als Ottomanen" machen sich bemerkbar: Die wundersame Einheit des alljüdischen Charakters, oder vielmehr die traurige Einförmigkeit des alljüdischen Golus! Die Emanzipationsepoche des Westens rollt im -türkischen Osten wieder auf. Dabei wäre hier die glänzendste Möglichkeit eigner Entfaltung gegeben. Die Türken kennen keine Assimilation und verlangen sie nicht Ihr Koran sieht die Erhaltung der religiösen und völkischen Verschiedenheiten vor. Und wenn sie auch chauvinistisch wie je eine Nation ihre Vorherrschaft in dem von ihnen in jahrhundertelangen Kriegen eroberten Gebiet wahren und mit-aller Rücksichtslosigkeit behaupten werden, so sind sie doch daran gewöhnt, den andern eine faktische kulturelle Autonomie zu überlassen. Leider sind die Juden für sie nicht reif. Ihr Gemeindeleben liegt darnieder, und ihr Schulwesen wird nur von außen durch die AHiance und den" Hilfsverein der deutschen Juden künstlich auf das notwendige Niveau gehoben. Auf einen Plan gemeinschaftlich unternommenen wirtschaftlichen Aufstiegs zur ökonomischen Befreiung ihrer Hunderttausende von Bettelexistenzen oder gar zur Unterbringung heimatsloser und arbeitsloser ausländischer Volksbrüder verfallen sie nicht "Und doch wäre gerade hierzu Zeit und Gelegenheit geboten. Anstatt auf Größeres. und Fruchtbares zu sinnen, absorbieren sie sich in kleinlichem Cliquen- und Interessenkampf untereinander. Die Jagd um die Posten hält an. Das Ringen um den Chachambaschi-Sessel demoraliert die Massen weiter. Es nimmt immer peinlichere Formen ah. Der Bachschisch rollt, Volksstimrriung wird gemacht oder vorgetäuscht, Verleumdungen tuscheln, sogar Eidam

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