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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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gruppen, die da vereint sind, wenngleich wir ja Kolonien von 700 und 800 Seelen und auch von 1500 haben. Wir können aber weiter gehen. Sind denn unsere großen jüdischen Organisationen, die Tausende von Mitgliedern umfassen, nicht Beweis genug für jüdische „Staatskunst"? Und zerstreut wohnende Angehörige von Organisationen so unter einen Hut zu bringen, daß das Ganze funktioniert, daß es nicht auseinandergesprengt wird, trotz doch ganz naturgemäß auseinandergehender Anschauungen bei Tausenden von Personen, selbst wenn sie sich zu einem gleichen Endzweck zusammengeschlossen haben, dazu gehören eigne Fähigkeiten. Und der Erfolg beweist die Kunst zu regieren, einen wirklichen Organismus aus den einzelnen zu bilden..... Daß das nicht immer so leicht ist, beweisen die Kämpfe des letzten Jahres in einer großen nichtjüdischen Organisation, obwohl auch da das gleiche ernste Wollen die einzelnen zusammengebracht hat, die Kämpfe im Deutschen Flottenverein; die fast zu seiner Sprengung geführt haben. Von den großen jüdischen Organisationen vereint aber wohl keine so viele Personen wie die unsrige, die zionistische. Die Zahl ist zwar schwankend, aber selbst in den schwächsten Jahren hat sie doch noch mit über 50 000 Personen alle die jüdischen Organisationen übertroffen, die Einzelpersonen umfassen und vereinen. Die „Alliance Israelite Universelle" hat etwa nur 35 000 Mitglieder, der „Hilfsverein der deutschen Juden" nur-IS 000. Es dürfte da von allgemeinerm Interesse sein, einmal in kurzen Umrissen die Einzelheiten unserer Organisation vom Standpunkt des Staatlich- Organisatorischen zu betrachten...... Der Organisationsaufbau des Zionismus dürfte auch darum besonders interessieren, weil die zionistische von all den großen jüdischen Organisationen die einzige ist, die durchaus moderndemokratisch ist. Dem „Staatsbürger" entspricht der Schekelzahler. Wer die Zugehörigkeit zum Staat, zur Organisation durch Zahlung der jährlichen Grundabgabe, des Schekels. dokumentiert, wird ihr gleichberechtigtes Mitglied, gleichviel ob er männlichen oder weiblichen Geschlechts. Er erwirbt damit, sobald er das achtzehnte Lebensjahr erreicht hat, das aktive Wahlrecht zur gesetzgebenden Körperschaft, dem Kongreß. Das passive Wahlrecht wird erst mit dem 24. Lebensjahr erreicht. Der Kongreß tagt alle 2 Jahre. Je 200 Organisationsmitglieder, Schekelzahler, wählen einen Delegierten. Den jeweiligen Tagungsort des Kongresses bestimmt das Aktions- Kornitee (A.-K.), das etwa dem deutschen „Bundesrat" entspricht. Für die Schekelzahler je eines Landes, die eine Organisation für sich bilden, die Landesorganisationen, werden ihrer Zahl entsprechend Delegationen hier hinein entsandt. Die Wahl der Vertreter muß aber durch den gesamten Kongreß bestätigt werden. Sie sind das Exekutivorgan des Kongresses und treten einigemal im Jahre zusammen. Das A.-K. besteht aus mindestens 21 und höchstens 60 Mitgliedern. Drei bis sieben von diesen bilden das engere Agitationskomitee (E. A. K.), entsprechend etwa einem „Ministerium". Auch diese werden direkt vom Kongreß gewählt. Der Kongreß bestimmt auch selbst den Präsidenten des Aktionskomitees, der zugleich der Präsident der gesamten Organisation ist. Vom ersten Zionistenkongreß wurde Theodor Herzl zum Präsidenten erwählt und blieb es bis zu seinem Tode im Jahre 1904. Von dem darauffolgenden siebenten und ebenso von dem inzwischen abgehaltenen achten Kongreß, wurde David Wolffsohn in Köln zum Präsidenten gewählt. Mit ihm bilden jetzt das engere Aktionskomitee Professor Otto Warburg in Berlin und Jakobus Kann in Haag. Am Sitze des Präsidenten, also zurzeit in Köln, unterhält die Organisation ihr Zentralbureau. Eine Abteilung desselben, der speziell die Besorgung der Propaganda obliegt, befindet sich in Berlin. Seit dem letzten Kongreß ist beim engeren Aktionskomitee ein spezielles Palästinaressort gebildet, dem Professor Warburg vorsteht. Ihm untersteht ein Palästinaamt, das in Jaffa seinen Sitz hat und das Dr. Arthur Ruppin leitet. Die „Staatsbank"," das finanzielle Instrument der Organisation , ist der -Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank), die in London domiziliert Ihre Organisation ähnelt, in gewissem Sinne der der Deutschen Reichsbank. Auch sie ist eine Priyät- Aktiengesellschaft, bei der aber, wie bei der Reichsbank die Ver-. treter des Reichs, so hier die Vertreter der zionistischen Organisation ebensoviel zu sagen haben in bezug auf politische Trans- \ aktipnen, Art der Geschäfte u. dergl wie die übrigen Aktionäre. Die Kolonialbank verwaltet die Finanzen der Organisation und aller mit ihr zusammenhängenden Institute und Institutionen. Sie hat zwei Tochterinstitute, die in Jaffa domizilierte Anglo Palestine Company, die Filialen in Jerusalem, Beirut, Haifa und Hebron unterhält, sowie die neuestens in Konstantinopel eröffnete Anglo . Levantine Banking Company. Einem „Staatsschatz" vergleichen kann man den Jüdischen Nationalfonds (J. N. F.), der dazu bestimmt ist, Grund und Boden im Lände (d. h. in Palästina) als unveräußerliches Volkseigentum zu erwerben. Mit ihm soll der Gedanke der modernsten Bodenpolitik, die aber zugleich recht altbiblisch ist, verwirklicht werden, die Ausschaltung des Privateigentums an Grund und Boden. Seine Einkünfte sind freiwillige Spenden. Eine Unterabteilung des J. N. F. ist die „ölbaumspende" eine Sammlung zum Zwecke der Aufforstung des Landes. Die-Ausgaben des laufenden „Staatshaushalts" werden aus dem schon oben erwähnten Schekel bestritten, die in Anlehnung an die biblische Besteuerung festgesetzte gleichmäßige Kopfsteuer für jedes Organisationsmitglied, die einer Mark in deutschem Gelde entspricht. Die Ausgaben der Landesorgänisationen werden durch die Landesbeiträge, in den Ortsgruppen durch Ortsgruppenbeiträge aufgebracht. Man ist auch eben dabei, einen .„Kriegsschatz", einen besondern Fonds für außergewöhnliche Ausgaben zu bilden, den Partei fonds. Dazu soll jedes Organisationsmitglied nach seinem Vermögen eine einmalige Selbstbesteüerung beitragen, mindestens aber 5 Francs. Neben diesen offiziellen Institutionen bestehen eine ganze Anzahl von gteichsam „offiziösen" Unternehmungen, die gleichfalls eine Förderung der Ziele und Zwecke der Gesamtorganisation: zur Aufgabe haben. So hat das Palästinaressörf das'Palästina-Industrie-Syndikat, die Palestine Land Development Coniyany (PLDC, Landentwicklungsgesellschaft), den Pflanzungsverein Palästina, die Arbeiter-Heimstätten - Genossenschaft ins Leben gerufen, deren Zweck die Namen ergeben. Daneben haben sich, beeinflußt vom Zionismus, Organisationen zum Landerwerb in Palästina gebildet, so die Geulah,die Agudath Netaim (Pflanzergesellschaft), ferner die Agudath Bajith (Häuserbaugesellschaft) u. a. m. Eine Gesellschaft zur Förderung des Kunstgewerbes ist der Bezalel, der kürzlich ein eignes neues Heim in Jerusalem bezogen hat, in dem auch die ersten Anfänge eines Museums sowie . einer naturwissenschaftlichen Sammlung untergebracht sind. Für die besondere Förderung aller kulturellen Zwecke, Schulen usw. sind eben die ersten Zeichnungen zu einem Palästina-Kulturfonds erfolgt. Kulturellen Zwecken sollen auch die hohen Erträge der aus der oben erwähnten .01 bäum spende angepflanzten Ölbäume zufließen. Alle privaten und Aktienunternehmungen, Gesellschaften und Genossenschaften aufzuzählen, die speziell in den letzten Jahren begründet wurden, teils in Zion, teils außerhalb, alle aber, um Zion zu fördern, ist eine Unmöglichkeit. Erwähnt sei nur noch, daß auch ein Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina sich gebildet hat„ in dem die Frauen, wenn sie auch in . der Gesamtörganisatipn völlige Gleichberechtigung genießen, den ihnen naheliegenden Auf-

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