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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8-- SIE 3^ Palästinas z. B. stellt ein ganz anderes Lebenselenienf dar als die ältere, die jung Eingewanderten ein anderes als die „alten Palästinenser". Ein gewisses, wenn auchnuroberflächlichesSymptom der gesellschaftlichen Entwicklung bildet Jjrund und Art der Organisierung. In Palästina sind ja Organisationen vielleicht in noch reicherem Maße entwickelt als „die Organisation". Da haben wir zunächst die Selbstverwaltung der Kolonien, welche uns den. Beweis liefert, daß jüdische Gemeinwesen in freier Selbstentwicklung nicht jene krankhaften Erscheinungen zeitigen, welche im „Gemeindeleben" der ganzen jüdischen Welt gang und gäbe sind. Gründungen sozusagen rein geselliger Natur gibt es in Palästina wenig. Einerseits ist das persönliche Zusammenleben dazu zu unmittelbar und einfach, anderseits hat man mehr an sachlichen Dingen als an Vergnügungen Interesse. Das „soziale Bedürfnis" findet reichlich überall, in den Häusern, auf der Straße, in zahlreichen Versammlungen, bei Festlichkeiten und allerlei Veranstaltungen Betätigung. Der nationalen oder gelegentlichen Feste gibt es viele, manche spezifisch palästinensische, wie das Fest des 15. Schewat (das Neujahr der Bäume) und das Lagbeomerfest. Eigenartig war auch ein Sportfest mit Wetturnen und Pferdewettlauf in Rechowot, und; wenn eine neue Kolonie eingeweiht wird, dann ist dies ein wahres nationales Fest, dessen Eigenart man anderswo kaum nachempfinden kann. Einen täglichen, volkstümlich geselligen Sammelpunkt bildet das Bet-Am in Jerusalem, eine Gründung, die noch einzig in Palästina ist. Bis jetzt'ist sie verhältnismäßig noch wenig zu systematischen Volksbildungszwecken benutzt worden, sie bildet aber in der weit ausgedehnten, gesellschaftlich zersplitterten Stadt eine Art nationalen, volkstümlichen Mittelpunkts und wird vor allem von der Jugend und von der Arbeiterschaft besucht. So ist z. B. noch niemals ein Streitfall innerhalb einer Kolonie über ihre Grenzen hinausgetragen worden. Die Kolonisten haben — soweit sie bereits selbstständig sind — manche wirtschaftliche Organisationen gegründet, so z. B. das Winzersyndikat, welches die Kellereien von Rischon und von der Rothschildschen Verwaltung übernommen hat, so die Verkaufsgesellschaften „Karmel" und „Pardes" für Wein und Orangen, ferner verschiedene Kaufs- und Pflanzungsgesellschaften usw. Die Arbeiterschaft ist in zwei Parteien organisiert, von welchen die eine, die der „Poälei Zoir", sich das weite Programm gesetzt hat, sämtliche Arbeit in jüdischen Händen zu vereinigen. Außerdem bestehen einige Vereinigungen gewerkschaftlicher Art und ein Landarbeiterverband „Hachöresch" in Galiläa. In letzter Zeit sind auch Konsum-Vorschußvereine gegründet oder vorbereitet worden. Dienen diese Organisationen allerdings nur wirtschaftschaftlichen Bedürfnissen, so zeigt doch die Organisierung selbst ein gewisses Maß sozialer Einsicht, Harmonie und Energie, welches, man eben als Kultur zu bezeichnen pflegt. In Europa pflegt man manchmal Kulturhöhe nach der Zahl und Art der Zeitungen zu bemessen.. Von diesem Gesichtspunkte aus ist allerdings die palästinenr sische Judenheit noch kulturarm. Es sind hierfür verschiedene Ursachen anzuführen; zunächst war bis jetzt iE LT "^""T -" ^....... infolge der Zensurverhältnisse die Herausgabe einer ernsten Tageszeitung unmöglich; sodann war das Bedürfnis danach nicht groß, da ausländische Nachrichten den daran interessierten Elementen durch auswärtige Zeitungen bekannt werden, inländische bei dem all- . gemeinen gegenwärtigen Interesse überall hindringen und die große eingeborene jüdische Masse nur engste Horizonte besitzt. Für ernste Tagesfrageh gibt es auch so viele Versammlungen, und ein, beträchtlicher Teil der neuen Bevölkerung vermeint selbst „Geschichte zu machen". Gegenwärtig gibt es drei Organe, welche. (abgesehen von dem gänzlich reaktionären „Chabazelet") in Palästina , verbreitet sind. Der „Hazewi" (vormals „Häschkafa"), - der seit zwei Monaten täglich herausgegeben wird und als Neuerung Telegramme aus Konstantinopel bringt. Leider hat sich diese Zeitung, obwohl seit dem Beginne der Preßfreiheit politisch-freiheitlichen Tendenzen dienend, ■> noch nicht auf das Niveau eines gänzlich ernsten Tägblattes erhoben. Zweiwöchentlich erscheint der „Hapoel Hazoir", das Organ der ebenso benannten Arbeiterorganisation, das sich durch gediegene Artikel und Korrespondenzen oft weit über den Rahmen eines Parteiorgans erhebt. -Vierteljährlich soll jetzt der. „Haomer" erscheinen, eine wissenschaftlich-literarische Sammelschrift, welche schon in ihren ersten vor Jahresfrist und eben jetzt erschienenen Heften versucht hat, den Erstlingen palästinensischer Literatur eine Stätte zu schaffen. Sonst wäre nur noch der seit jnehreren Jahrzehriten ohne Unterbrechung erscheinende jährliche „ Almahach" des durch emsige Gelehrsamkeit geschätzten Herrn Luncz in Jerusalem hervorzuheben. Das Bibliothekswesen steht lange nicht auf einer Höhe, wie es dem „Volke des Buches" entspräche. Zwar gibt es, einem natürlichen,ererbten Bedürfnisse entsprechend,sogar in fast jederKolonie eine kleine Bibliothek, aber noch keine große und bequemerweise allgemein zugängliche, die auch wissenschaftliehen Wert hätte. Und die berühmte Nationalbibliothek in Jerusalem, in der manche Schätze noch in Kisten verborgen liegen dürften, leidet wie die Bibliothek in Jaffa . an. organisatorischen Mißständen. Höhere Kulturbedürfnisse sind wohl vorläufig mehr individuell als sozial ausgeprägt. Es. bestehen wenige Musikvereine unter dem Namen „Kinor Zion" welche eben mangels geeinter Kräfte noch nicht zu nennenswerten Leistungen kommen können. Die nationale Musik besteht bis jetzt nur aus Volksgesängen, deren Melodien übrigens — bis auf wenige Ausnahmen — kleinrussischen oder bei den Liedern der Kindergärten deutschen Ursprungs sind. Auch eine hebräische,Bühne ist im Werden, wie ja die Jugend auch in den Kolonien es liebt, ihre Festlichkeiten durch Aufführungen^ der wenigen vorhandenen hebräischen Stücke oder Übersetzungen (aus dem Jüdischen, Deutschen, Russischen) zu verschönern. Eine dramatische, natürlich dilettantische Gesellschaft, die in Jaffa ihren Sitz hat und manchmal auch in Kolonien und in^ Jerusalem zu Gaste war, (die sich sogar an „Uriel Acosta". und Ibsen herangewagt hat) erfreut sich großer Beliebtheit.; - Wesentlich ernster ist die Entwicklungder Malkunst und des Kunstgewerbes, die in-enger Verbindung mit den Bestrebungen des „Bezalel" steht. Hauptsächlich folgende Momente scheinen hier wesentlich zu sein: das künstlerische .Moment selbst,' das Problem, die feinen und ernsten Eindrücke palästinensicher Land-

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