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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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bedeüturigsvioii. Seit es einen „Kültürciönismus^ gibt, wurde ihr lebhafte Aufmerksamkeit geschenkt. Manche Erfolge hat die Palästinaschule schon aufzuweisen, den größten: sie hat 4er Jugend eine Sprache gegeben. Das natürliche Hebräisch, das in Palästina gesprochen wird, ist zum größten Teile ein Werk der Schule, — und man könnte vielleicht alle andern hebräisch sprechenden Sphären als unter indirekter Wirkung dieses Einflusses stehend betrachten. Natürlich ist dieser Einfluß am größten,; wo Hebräisch wirklich die Muttersprache, die erste und einzige Sprache der Kleinsten bildet. . Die Schule hat noch eines der Jugend gegeben oder besser gesagt gelassen, ein Maß natürlicher Freiheit, das der . jüdischen Jugend nirgends derart zuteil werden kann wie hier, unter harmonischeren sozialen Verhältnissen, in örtlichem und gewissermaßen sogar zeitlichem Zusammenhang mit der Natur und der Geschichte des eignen Volkes. Freilich dürfen darum auch die Schwierigkeiten und die noch herrschenden Mängel in bezug auf das Schulwesen nicht übersehen werden. Dieselben sind äußerlicher und innerer Art. Zunächst die organisatorische Zersplitterung: hie Allianz, hie Hilfsverein, hie Odessaer Komitee, und verschiedene. Richtungen; äußerliche, halb philanthropische, halb politische Tendenzen werden manchmal selbst in das Schulwesen hineingetragen. Die Sprache wird dann als etwas rein Zufälliges, selbst das Lehrermaterial nicht immer ^aus pädagogischen Rücksichten bestimmt. Nur manche organisatorische Leistungen auch seitens der nichtnationalen Organisationen sind von Bedeutung: so die Gründung zahlreicher hebräischer Kindergärten seitens des Deutschen Hilfsvereins, die von Handwerksschulen seitens der Allianz. •' Die nationale Schule ist — so paradox dies klingen mag — erst inr Werden! Denn sie steht vielfach hinter den Anforderungen, die man' an eine „Vergnügungsschule" stellen müßte, zurück. Die. Volkstradition eines übertriebenen normalen Wissens ist auch hier nicht verschwunden, , — dagegen leidet die Sachlichkeit der realistischen Fächer und ferner alles, was sich auf die , Pflege des Körpers und der Sinne bezieht: Hygiene, Turnen und Spiele, Zeichnen und Gesang. Anderseits ist das Sprachwesen im "Übermaß ausgebildet, und es ist charakteristisch, daß man mancherorts neben Hebräisch, Arabisch und- Französisch jetzt auch das Studium der türkischen Sprache einführen will. Es ist indes in den letzten Jahren in bezug auf Turnen ein gewisser Aufschwung zu verzeichnen. -Die Notwendigkeit, schon in die Kolonistenschule landwirtschaftliche Kenntnisse einzuführen, ist nur wenig begriffen, aber es gibt eine in dieser Beziehung mustergültige Schule in Rosch Pinah (Galiläa).. Die landwirtschaftliche Schule selbst begegnet noch nicht dem natürlichen und hinreichenden Interesse, mag dies vielleicht "auch auf die schlechten Resultate der Schule „Mikwel Isroel" zurückzuführen sein. t;| Die erst gegründete Belkindsche Schule wird wohl, wenn sie günstige Erfolge erzielen wird, in dieser Beziehung einen Umschwung der Anschauungen bewirken körinen. Das Bedürfnis einer Mittelschule hat zur Gründung eines hebräischen Gymnasiums geführt, dem der Anfang einer -Realschule -und. eine Handelsrealschule, in kurzem eine technische Mittelschule folgen. Da wir den Studiengang des jungen Palästinensers noch nicht klar bestimmen können, so werden diese Schulen bis jetzt vielfach wie eine Art Selbstzweck betrachtet,, wobei sie weniger nationalen als individuellen Bedürfnissen angepaßt erscheinen. Wesentlich ist. daß sie auch der intelligenten Jugend ein möglichst langes Verweilen in Palästina ermöglichen und vielleicht einem künftigen systematischen Mittelschulwesen einige Stufen bauen. Der Fortschritt des nationalen Schul wesens ist wesentlich bedingt durch eine energische Schulorganisation, zu welcher die seit mehreren Jahren bestehende „Histadrut Hamorim"*) einen Anfang bildet. Ein geeinter Minimallehrplan, Lehrbücher und Lehrmittel sind dringende Bedürfnisse. Man bedenke nur, daß es noch kein Rechenbuch für höhere Elementarschulklassen, geschweige denn eine einigermaßen befriedigende Naturgeschichte gibt. Die Gesellschaft „Kohelet" hat sich die Herausgabe von Lehrbüchern und Jugendschriften zur Aufgabe gemacht, — für Bibel und hebräische Sprache existieren schon vorzügliche Lehrbücher, — und auch der Hilfsverein wird dieses öder ein gleichartiges Unternehmen fördern. Den Erziehungs- und Unterrichtsaufgaben müßte auch ein System ständiger Weiterbildung der Lehrer — die ja selbst oft aus ganz andern Verhältnissen herkamen — parallel gehen. Hier genügt natürlich das Lehrerseminar in Jerusalem, das nur für die Heranbildung künftiger Lehrer bestimmt ist, nicht Mit wissenschaftlichen Lehrerkursen wird schon ein Anfang gemacht werden: gegenseitiges Besuchen der Schulen, pädagogische Vereinigungen, gemeinsame Studienreisen wären z. B. nahe und wichtige .Aufgaben für die Lehrerschaft. . Die zionistische Organisation, die vor kurzem die Gründung . eines Palästinakulturfonds beschlossen hat, kann im Laufe der Zeit, wenn sie die nötigen Machtmittel erwirbt, auf die wichtigsten Gebiete der Schulfrage Einfluß nehmen: sie kann bestehenden Schulen durch ihre Anteilnahme in dieser oder jener Form ihren Stempel aufprägen, sie kann Werke der pädagogischen Organisation anregen oder stützen, endlich wird sie in dieser oder jener Form die Gründung und den Ausbau von Musterschulen befördern können. Rechnen wir dazu noch eine wichtige Aufgabe: Das numerische Verhältnis der neuen Schulen zur ansässigen jüdischen Bevölkerung ist klein, namentlich in den großen jüdischen Zentren Jerusalem, Tiberias usw. Und zu dem Mangel an Schulen tritt noch der völlige Mangel an anderweitigen Volksbildungsmitteln. Und doch wäre die Einrichtung von Abendschulen, volkstümlichen, allgemeinen und fachlichen Unterrichtskursen schon heute von hohem Werte. Schwieriger als auf dem Gebiete des doch immer organisierten Schulwesens lassen sich in bezug auf das natürliche gesellschaftliche Leben die erreichte Kulturhöhe und die notwendigsten Kulturbedürfnisse beschreiben. Auch läßt sich schwer unterscheiden, inwieweit die Erziehung oder bloß die veränderten natürlichen und sozialen Lebensbedingungen auf persönliches Leben und Zusammenleben Einfluß haben. Die junge Generation *)■ Dieselbe unterzieht unter anderm jeden neuen Lehrer einer Prüfung und gibt eine monatlich erscheinende Denkschrift heraus. o*

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