Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 49 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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deutung, weil sie gewissermaßen einen neuen Wert schafft, weil sie für ein selbsttätiges Leben den Söhnen unseres Volkes auf geweihtem Boden in geschlossenem Gebiete und durch produktive Arbeit Bahn bricht. Und ob an die 100 jüdischen Vereine in Berlin oder in New York noch neue 100 hinzugekommen sind, ist auch kaum beachtenswert. Im Ameisenhaufen an der betreffenden Stelle mag das eine Bedeutung haben, für die Gesamtheit hat diese Detailarbeit keinen Wert. Nichts, was an das Innerste rührt. Die zionistische Arbeit ist die wirkliche Volksarbeit, die einzige, die uns in eine Zusammenhangsbeziehung mit der Gesamtheit unseres Volkstums bringt, die einzige, in der das schamhaft widerstrebende Aschenbrödel der Menschheitstragödien, das wir an das brutale Licht des Tages gehoben, die jüdische Frage in ihrem ganzen historischen und weltumfassenden Umfange zum erstemal den festen Boden einer eignen, unverkünstelten und unabhängigen Anstrengung zu einer kulturellen Selbstlösung betätigt. Diese ideale Erhebung zu einer Selbstbefreiung des Stammes besitzt die Kraft, aus Eunuchen der Nachahmung starke, eigenmächtige, fruchtbare Geister zu schaffen und kriechende Sklaven in stolze Menschen umzuwandeln. Die zionistische Arbeit ist deshalb nicht nur eine Bauarbeit für die Zukunft, sondern auch eine Erziehungsveranstaltung, eine Seelenkur-Einrichtung, ein Läuterungs- und Veredlungsprozeß, eine ethische Reparatur für das Judentum der Gegenwart. Im Zionismus verbinden wir mit scheinbar wirklichkeitsfremder Grundlegung der Zukunft einen lebhaften Sinn für alle konkreten Fragen der Gegenwartswirklichkeit. Und eine der konkretesten Probleme, die für unsere normale, d. h.' den jüdischen Zwecken entsprechende Entwicklung eine unermeßliche Bedeutung hat, ist die Frage, wie man unsere Masse, die immer mehr und mehr durch die Krallen des Goluth und die geputzten Nägel der Freiheit, von denen sie so oder so zerrissen wird, durch Unwissenheit in jüdischen Dingen, Not, Leichtlebigkeit und Materialismus in Stumpfsinn versinkt, zu neuem idealem Leben aufrüttelt. Die Lösung dieses Problems besteht vielleicht nicht ausschließlich, aber zweifelsohne zu einem großen Teil in einer gemeinschaftlichen Volksarbeit auf zionistischem Gebiet. Es ist das einzige Gebiet, welches dazu prädestiniert war, daß wir wieder als Juden auf ihm zusammenarbeiten können. Wohl ist das große religiöse Gebiet dazu bestimmt, — aber sehe man sich doch einmal die Parteien und Gruppen an! „Aschkenasim" und „Sephardim", „Misnagdim" und „Chassidim", Orthodoxe und Reformer und in "jedem Lager hundert Nuancen! Noch sind hier die großen Ideen einheitlich, aber sie verblassen und werden vom Leben in das Gebiet der Abgezogenheiten verbannt. Wir können diese Ideen verlebendigen, indem wir die zerstreuten Glieder unseres Volkes zu einer gemeinschaftlichen Arbeit zusammenfinden, und das ist — die zionistische Arbeit. Hier schwebt der Geist großer Ahnen, hier atmen wir den trauten Hauch unserer ureigensten Geschicke! Die zionistische Arbeit ist für uns die Erhebung der Seele, die Vertiefung der Gedanken. Sie festigt die Bande, die uns Juden aller Generationen und verschiedener Länder miteinander verbinden. Sie bringt es mit sich, daß wir uns dem Zauber unserer großen Ideen hingeben, dem Banne unserer glanzvollen hebräischen Antike und den Bestrebungen unserer neuen Renaissance. Deshalb müssen wir alle unsere "Volkskreise für diese Bewegung gewinnen. Wir empfinden nicht den Drang zur Verborgenheit, zu selbstherrlicher Sektiererei, wir sonnen uns nicht im trügerischen Glänze dieser oder " jener -Großen, wir wollen nicht im Judentum ein in sich zusammengezogenes unentwirrbares Knäuel bilden. Unser Ideal ist — das sich durch gemeinsame Arbeit selbstbefreiende-Volk. N. S. Palästinensische Kulturerscheinungen und Kulturtragen Alles, was über den Umfang des momentan Notwendigen hinausreicht, was die im individuellen Egoismus beschränkten Bedürfnisse übersteigt und erst den höhern individuellen Bedürfnissen Genüge tun will, was nur die mechanische Notwendigkeit der gesell-, schaftlichen Entwicklung überragt, kann man in gewissem Sinne Kultur nennen. In dieser umfassenden Bedeutung kann man auch von heutigen Kulturfragen Palästinas sprechen, wenn auch die Erscheinungen des gewohnten Kulturlebens sich nicht einfach hierher übertragen lassen. Denn alles, was hier Dauerkraft und Dauerwert gewinnen soll, muß noch einmal, wie in einem neuen Erdreich, feste Wurzeln fassen. Und da wirüberall „übertragene" mit „wurzelnden" Erscheinungen in fast untrennbarer Mischung sehen, so ergibt sich uns die wichtigste Frage: Welche „übertragenen" Erscheinungen sind einer Einwurzlung fähig? Und welche Erscheinungen können wir überhaupt als neue Keimungen betrachten? Kulturleben gehört zu jenen Dingen, wo ein Schlag tausend Verbindungen schlägt. Und es hieße das Wesen der Fragen verkennen, wollte man sie ganz in einzelne auflösen. Nur wenn die einzelnen Gebiete in ihrem Zusammenhang betrachtet werden, kann sich ein Ausblick auf das eröffnen, was wir als Kultur mehr empfinden als verstehen. Ob in einer Schule diese oder jene Sprache vorherrscht,. ob die Gesellschaft einer Stadt oder einer Kolonie geeinigt arbeitet oder in „Klassen" gespalten ist, ob sich intelligente Menschen in hinreichender Zahl finden, um etwa eine wissenschaftliche Aufgabe durchzuführen, ob die Bevölkerung in Nahrung und Kleidung sich vernünftig zu halten weiß, ob es Gemälde der heimischen Landschaft und Lieder des eigenartigen Volkslebens gibt, — all' dies sind. Kulturfragen, Einzelfragen, zwischen denen ein verborgner Zusammenhang besteht. Will man schon klassifizieren, dann wird man nach den Leistungen und Bestrebungen auf den Gebieten der Erziehung und des Schulwesens, des gesellschaftlichen Lebens, des höhern Geisteslebens in wissenschaftlicher, künstlicher und literarischer Entfaltung fragen. Alle Erziehung hat einen doppelten Weg: die bereits entwickelten schlechten Seitentriebe zu hemmen und die Edelsprosse zur höchsten Entfaltung zu bringen. Bei einem Volke, das wie das unsere in seiner Entwicklung vor einem so merkwürdigen Scheidewege steht, wo zu oft nur die Wahl zwischen physischer und geistiger Degeneration und höchster idealistischer Betätigung bleibt, — ist die Erziehungsfrage besonders