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Die Welt · 1908-12-11 · 49 (11.12.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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für müßten sie eines lebenslänglichen Schutzes teilhaftig" werden. - Aber diejenigen unter uns, die, nur um ihre eignerr Interessen bekümmert, sich jeder nationalen Arbeit entziehen, sind wirkliche Schmarotzer, ohne jeden Nutzen für die Gesamtheit. Wie können sie ruhig leben und das tiefe Trauergefühl ertragen, das jene zum Tode verurteilte Greise empfunden haben? Wie können sie ruhig mit dem fürchterlichen - Bewußtsein leben, daß sie mit dem Augenblick ihres Hinscheidens ganz verrinnen, verschwinden und versinken, daß ihrer das richtige Ausgerottetwerden, das biblische „K o r e th" harrt? Wodurch ist denn das Leben überhaupt lebenswert und das Volk seines Adelsbriefes, ja, seiner gewöhnlichen Legitimation würdig? Worin offenbart sich die Tugend, die Größe und die Ehre jedes. Volkstums, jeder Gesamtheit? Zeigt sich das etwa in der gedankenlosen Fortdauer, im stumpfsinnigen Geschehenlassen, in der nichts- , sagenden, ungestörten Sorglosigkeit, oder in dem schweren Lebenskummer so und so vieler Alltagsmenschen, die zufällig den Namen dieses Volkstums tragen? Ohne Schauen heißt es einfach, einleuchtend und grandios, in den Sprüchen Salomons, wird ein Volk zerstört. Das sind Worte, .— inhaltsschwer. Aus der. nüchternen Berechnung, aus kleinlichen Erwägungen und Nützlichkeitsgründen vorübergehender Art kann kein Volk entstehen, und mit diesen Elementen, ausgerüstet, vermag es nie und nimmer, seinem innern Zerfall Trotz zu bieten. Nur das große Schauen, das phantasievolle Betrachten der eignen hohen Vorbilder der Vergangenheit und der großen Zukunftsziele, nur deren Beobachtung mit flammendem Auge und begeistertem Herzen ist es, was ein Volk zu einem Volke macht. Alles, andere ist Seheinexistenz, träges Beharren, . Organisationshülse ohne Kern, Form ohne Inhalt, Kulissen und Ornamentik. Worin bestand denn seit jeher die Größe unseres Volkstums? Nicht in der Zahl, sondern in der Eigenschaft. Wir konnten uns doch nie mit den andern durch die Menge messen; die Statistik ist auch deshalb für uns. ein Gradmesser von sehr relativem Wert. Ob es so und so viele gibt, die sich Juden nennen, dieser Umstand gibt und gab immer nur einen sehr schwachen Begriff von der Stärke unseres Volkstums. Den einzig richtigen Maßstab bietet das Selbstgefühl. Von einer jüdischen Zusammengehörigkeit kann nur dort die. Rede sein, wo wir. sie in ihren Kraftäüßerungen beobachten können, wo . ein mächtiges Einheitsgefühl Werke gewaltigen Öpfersinns an den Tag fördert. Die Geschichte unseres Volkes gleitet an den Epochen eines-trägen, untätigen, feigen und mutlosen Lebens vorbei. Sie registriert nur kurz: Menschen lebten, erzeugten Kinder und starben. Die Gattung haben sie erhalten; mehr läßt sich von ihnen nicht sagen. Auch jetzt haben , wir viele solcher Kreise. Bei den andern hat dies "vielleicht" auch einen Wert; eine ganz große Masse besitzt die Macht der Tätsache. Für uns aber , ist das, was die „Sprüche" „Schauen" nennen, unentbehrlich. Unsere Geschichte der Vergangenheit hat deshalb sehr wenig mit den gewöhnlichen und alltäglichen~Brötessern zu tun. Nicht das Leben, sondern, das Erleben schildert unsere Geschichte. Das Wissen, die Weisheit, der Glaube, das Heldenmütige, die Selbstaufopferung, die" Macht der Frühlingsgeister, die Epochen, in denen die ganze. Volksmasse als Trägerin einer Idee auftritt, wie unter Esra bei der Rückkehr ins Land und zu der eignen Lehre, unter den Makkabäern, unter Bar- Kochba, oder im großen Martyrium, als das furchtbare Gericht des Mittelalters schreckenbrüllend über uns hing, — das ist es, was den Inhalt unserer Geschichte und die Würde unseres Daseins bildet. Ist nicht jedes unserer Feste der Nachklang eines Erlebnisses? Nicht alle könnenHelden und nicht alle Märtyrer sein. Alle können aber dem jüdischen Volkstum dienen, ohne das Leben, ohne einmal ihre Lebensruhe dafür hingeben zu müssen. Ein wenig Zeit, ein wenig Arbeit, ein wenig guten Willens, — und fürwahr, die Leere des Lebens wird von einem herrlichen und edlen Inhalt ausgefüllt. Eins nur muß vor allem verstanden werden: der Volksdienst ist kein Opfer, sondern eine Pflicht. Und eine Pflicht ist es für uns selbst. Was wir dem Volke geben, geben wir uns selbst. Wir mögen noch' so viel geben, — wir sind unserm Volke noch mehr schuldig, und wir empfangen mehr, als wir geben. Was wir uns an Zeit, Kraft und Geld absparen und abtrotzen, ist nichts im Vergleich mit den Empfindungen der Genugtuung, der Hoffnung, der Arbeitsfreudigkeit, des großen Strebens, — das auch unbefriedigt ein hoher Genuß ist, — die uns zuteil werden. - Mit urewiger Gewalt entzündete sich dieser junge Geist aus dem Schutt der Jahrtausende. Wie ein blasser Sonnenschein giitt die Sage irrend durch die Zeiten: wir waren .einst ein Volk, wir waren schon ganz vernichtet und rafften uns wieder auf — und wieder! Eine Sage — und. die ist zu einem Programm geworden. Noch nicht Wirklichkeit, aber Programm, — ist das nicht wundervoll und erhebend? Welche ungeheure Masse von höheren Regungen, ehrfurchtsvollen Schauern und aufrichtendem Selbstbewußtsein, welche Fülle von Sehnsuchtsreizen, von Lust- und Wonnegefühlen, von heißem lechzendem Verlangen und schimmernden Aussichten birgt die zionistische Arbeit in sich! Welch ein Glück, an einem Werke mitzuarbeiten, dem kaum etwas an Würde und Vornehmheit Gleiches, an tragischer Notwendigkeit Ähnliches in der Geschichte der Menschheit gleichen kann! Welch eine Freude, Weltbaumeister in Miniatur zu sein, an einer altneuen Welt rüstig mitzuarbeiten! Wir wollen die. andern Arbeiten und die andern gemeinnützigen Bestrebungen für Verein, Gemeinde, Stadt und Land. nicht herabsetzen, und höre man doch einmal auf, das blödsinnige Märchen von unserer Weltfremdheit auszustreuen. Wir sind uns aller Pflichten bewußt, und man findet uns auf allen Gebieten lokaler und philanthropischer Betätigung. Daß wir ein großes Ideal haben, macht uns für alles Ideale in der Menschheit und im Leben zugänglicher. Gerade weil wir nicht im Tag stecken bleiben und weil wir der Zeit mutig vorangehen, erfassen wir das Wesen ihrer. Erfordernisse. Die zionistische Arbeit an sich bildet schon den Anfang eines Auszugs aus — dem Lande der Zwerge. Alle Gemeinde- und Landesjudentumsarbeiten in Ehre, aber sie sind am Ende doch nur Stückwerk im Vergleich mit dieser Arbeit. Sie entspringen nicht dem Ganzen, sie sind verschieden, den Verhältnissen angepaßt, dem - Augenblick und seinen Bedürfnissen angeschmiegt. -Sie bilden keinen Wendepunkt und sind das Widerkauen des Alltagslebens. Ob z. B. in Befditschew 100000 oder 200000 Juden leben, ist vollständig belanglos; eine Kolonie von 10 Familien in Palästina hat eine größere-Be-

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