Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 49 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE ZIONISTISCHE ARBEIT Das wichtigste Bedürfnis, ja, die elementarste Not: wendigkeit unseres nationalen Lebens besteht in der Aufgabe, die Massen unseres Volkes zur Beteiligung an der Zukunftsarbeit in Bewegung zu setzen und heranzuziehen. Wohl können uns Einzel anstrengungen eine Reihe glänzender Muster hervorragender Tugend und großen Opfermutes liefern; sie können uns jedoch nicht die "große Summe geistigen und materiellen Vermögens zur Verfügung stellen, die nur durch vereinte Kräfte errungen werden kann. Überall hört man die banal gewordene Jeremiade: es fehlen Leute für die nationale Arbeit. Überall fällt die ganze Last der Arbeit auf die Schultern einiger wenigen Schwerbeladenen; die übrigen beschränken sich darauf, ihre Beiträge manchmal für die Volksarbeit entgegenzubringen, — das ist schon jetzt ein erstrebenswertes, nicht immer erreichbares Ziel! — ohne sonst noch mit Rat und Tat eifrig mitzuwirken. Es ist schon wahr: das nationale Leben war unter uns seit jeher gehemmt, beschränkt und geknebelt, und wir sind noch in dieser Richtung nicht hinreichend geschult; auch erfordert die Vielheit der uns auferlegten Aufgaben eine ungewöhnlich große Anzahl von arbeitenden Kräften. Aber trotz all dieser mildernden Umstände muß doch dasWesentliche klar und offen hervorgehoben werden: unsere Massen fühlen sich im großen und ganzen noch nicht verpflichtet, in den Dienst nationaler Arbeit zu treten. Außer dieser Hauptursache trägt dazu noch ein anderer Umstand bei, der sich fast zu einem organischen Fehler unseres Organismus herausgebildet hat: der schnell eintretende Überdruß und Unmut zur Arbeit, sofern diese nicht sofort greifbare Früchte zeitigt. Letztere Neigung richtet alles zugrunde, — die schönsten Keime, die blühendsten Hoffnungen. Ein Werk, für das man vielleicht ein Jahrhundert schwerster Arbeit brauchen würde, möchte man im Laufe eines Jahrzehnts fix und fertig aufbauen. Ist dies nicht gelungen, so meint man, die Idee wäre falsch. Man hat nicht so viel Einsicht, um sich zu sagen: die Idee war vielleicht gut, nur gebrach es uns an dem eisernen Willen und an der Ausdauer, die für ihre Verwirklichung notwendig wären. Die sogenannte „Goluth-Psyche", die Ungeduld, das schwache, sprunghafte, flatternde und sprühende Wesen, die Neigung, alles bis zum Extrem zu treiben, alles anzufassen, um es im Nu bis an die Grenze letzter Möglichkeiten und darüber hinaus zu vergrößern und dann wieder aufzugeben, d. h. in ein anderes Extrem hinüberzuspringen, um auch dort und allerwärts durch die nervöse Übertreibung schnell abzuwirtschaften, diese nicht nationalen, sondern antinationalen Eigentümlichkeiten entreißen uns aus unsern Reihen manche Kräfte, die es lange ohne Emotionen und Explosionen nicht aushalten können. Das ist kein wahres Bewußtsein, es sind nur stoßweise. Durchbrüche von Bewußtsein. Es keimt und verwelkt schnell. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Es sollen nicht immer dieselben sein, die die Volksarbeit machen. Überall wechseln sie ab; es gehen die Müden, die Enttäuschten, und an ihre Stelle kommen neue Kräfte, mit neuen Hoffnungen. Wie der Lenz neue Rosen anzündet, so muß der Volksgeist immer neue Kreise begeistern. So entwickelt sich die Volksarbeit weiter. Aus den großen Reserven, aus den Massen werden die gerissenen Lücken wieder ausgefüllt. Unsere Massen sind aber immer noch von einem großen Schweigen umwölkt. Noch sind ihnen die wahren Ziele des Lebens fremd. Sehe man sich doch die Masse unseres Kleinbürgertums an! Keine Spur irgendeines hohem, allgemeinen Strebens. Jedermann für sich und seine Allernächsten — in der immer gleichen Tretmühle des Geschäfts, des Berufs. Jedermann — niedergeschlagen, in die Dinge des gemeinen Lebens verstrickt, am Boden liegend oder vom Joche der Notdurft gebeugt. Wie wenig gibt es der schönen, strahlenden und zufriedenen Menschen! Welch langweiliges, lästiges und stumplsinnig.es Philistertum! Sind das die Nachkommen der großen Märtyrer und Denker aus dem Ghetto, jener patriarchalischen Gestalten mit den Propheten-Allüren, jener Ahnen, die ihr Brot mit Tränen aßen, aber glückliche Mensehen waren? Die Größe, die Kraft und die Schönheit sind verschwunden, seitdem die Leute sich in die engen Kreise momentaner Interessen eingeschlossen und freiwillig die Quelle dauernder allgemein-jüdischer Interessen verschüttet haben, die dem höhern Stammesbewußtsein, dem eignen Adelsgefühl und dem Sich-eins-fühlen mit dem Volke entströmen. Das Individuum kann sich nicht ausleben, wenn es keine Gesamtheit hat, mit der es historisch verwachsen und verwoben und an deren Ausbau es mit allen andern gleich mitarbeitet. Unsere. Massen, in einer Atmosphäre der Knechtschaft, .der Angst vor dem „Rischus" und eines schweren Kampfes ums Dasein erzogen, sind für nationale Arbeit — wir möchten nicht das Wort „unreif" gebrauchen, weil es im gegebenen Falle nicht paßt, aber — verbildet. Sie sind superklug, verschmitzt und sarkastisch gestimmt. Sie haben pfiffige und höhnische Worte, sie zerfasern und zerfetzen durch ewiges Grübeln jeden Begriff, daß nichts mehr übrig bleibt; eine unersättliche Neuerungssucht erzeugt in ihnen ein fieberhaftes Verlangen nach immer neuen Effekten. Sie entbehren der hellen Arbeitsfreudigkeit, die bei jedem gesunden Volke für Generationen ausreicht. Nationale Arbeit, — das ist für sie ungefähr wie für einen Taubstummen, der die .Töne seiner eignen Musik nicht hört, das Spielen auf einem musikalischen Instrument. Dieser Mangel eines eignen nationalen Empfindens ist ein verkrüppelter Zustand der Seele. Wie der Taubstumme den herrlichen Zauber berauschender, süßer und herzerschütternder Musik nicht begreift, den jeder Hörende höher einschätzt als die groben Genüsse des tierischen und vegetierenden Lebens; so empfindet der national-entfremdete Mensch nicht den Reiz, den Stolz, die Genugtuung, die Begeisterung der Mitarbeit an einem Gesamtwerke, das man als etwas Ureigenes, Persönliches, Unveräußerliches betrachtet und wo man sich heimisch, angestammt und so glücklich fühlt. Wie arm sind die Menschen, wie elend das Leben,. das dieser Arbeit, dieser Empfindung verschlossen bleibt! Unter manchen Völkern primitiver Kultur herrschte die Unsitte,- die Greise, die arbeitsunfähig geworden sind, hinzuschlachten, um hierdurch die unproduktiven Elemente los zu werden. In diesem barbarischen Brauch steckte eine prinzipielle Ungerechtigkeit, denn die Greise hatten sich ja in ihren jungen Jahren an der Gewinnung der Nahrung für alle beteiligt, und hier-