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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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OIE-ÄELT Palästina Boykott österreichischer und deutscher Waren . Jaffa, 22. Nov. Der Boykott österreichischer Waren hält hier noch andauernd an. Seit zwei Monaten konnte kein einziges österreichisches Schiff-seine Waren ausladen. Kaufleute und Publikum haben darunter sehr zu leiden. Zahlreiche Bestellungen können nicht, ausgeführt und Kaufverträge nicht eingehalten werden. Viele Waren sind um 50°/o im Preise gestiegen. Auch deutsche Waren sind vom Boykott nicht ganz verschont fäblieben. Gestern verstiegen sich die den Boykott unterhaltenden ootsleute sogar soweit, daß sie die Waren vom Lastdampfer der "Deutschen Levantelinie „Galata" -ins Meer warfen. Der Schaden, den dadurch hiesige Kaufleute erlitten haben, wird auf 50 000 Jt feschätzt Der deutsche Konsul Dr. Rößler unternahm darauf zum chutze der Geschädigten energische Schritte bei der hiesigen Lokalregierung, die er zur Leistung von Schadenersatz an die geschädigten Kaufleute aufgefordert hat Die schuldigen Bootsleute sind verhaftet worden. Brief aus Ungarn (Von unserm Berichterstatter) Wer beim Erforschen der verschnörkelten Irrgänge der Geschichte der ungarischen Juden neuester Zeit nicht den Kopf verlieren will, dem will ich für dieses Labyrinth folgenden Dialog als Ariadnefaden auf den Weg mitgeben. Chaskel Knirps zum Vater, Selig dem Oberchochem: „Tateleben! wovon leben die Toten?" Selig, halb ironisch, halb wegwerfend: „Von wos sollen se leben? Man geht hinaus ins Besshachajim, legt Steinchen auf die Denkmäler, wirft Gras auf die Gräber, das essen die „Messi'm", und davon leben sie." „Aber Taretate" — reißt Chaskel den Mund auf — „kann man^denn davon leben?" „Mbah" — brummtSelig.dem das Stichwort aus der Seele gesprochen ist — „Se sehn take aus wie gestorben." Seit vierzig Jahren, da das ungarische Judentum in Stücke gerissen und nach verschiedenen Richtungen auseinander gesprengt wurde, ist Negation das treibende Element unseres Lebens. Das einheitliche Judentum wurde bei uns im Jahre 1870 zu Grabe getragen. Das Leichenbegängnis besorgte der große Kongreß jener Zeit. Der Vergewaltigungsversuch der Fanatiker des Liberalismus, die der konservativen Majorität der ungarischen Juden ein Statut aufdrängen wollten, das dieser die Kehle zugeschnürt hätte, beschleunigte die Katastrophe. Ein erbitterter Bruderzwist war die Folge und aus den Trümmern erheben sich die staatlich autonomisierten Judentümer. Beideleben buchstäblich vom Tode! Siebekämpfen ein ander bis aufs Messer und bieten dadurch den sie umschwärmenden Feinden, die im Namen der Rassenreinheit unter geheiligten Trikoloren gegen sie anstürmen, Angriffspunkte genug, um, trotz strotzender Kraftfülle der Gefahr der Verblutung ausgesetzt zu sein. Man lebt sich bei uns zutot. ohne Friedhofsruhe zu genießen. .Vor lauter Judentümern mit prädestinierten Vordenkern und-Vorführern gehen 900000 Juden ihrem Untergang entgegen! Chauvinismus heißt das Roß, das von unsern Mosaikern zu schänden geritten wird. So wurde erreicht, daß sich auf uns sowohl der Haß aller Nationalitäten, die in uns den bramabarsierenden Firnismagyaren, als auch der Neid und die Verachtung aller staatlich forcierten Ungarn, die in uns den renommierenden Emporkömmling sehen, konzentriert Wir sind, wie die schlechten Weiber, Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wir werden durch die Presse geschleift, die bald hämisch, meist bissig, oft bevormundend, selten mit Wohlwollen, sich mit uns befaßt. Wir liegen auf dem Seziertisch und fühlen das Zerfasern unserer Nervenstränge. Von positiver Leistung auf dem Gebiete jüdischer Kultur ist nichts zu verzeichnen. Was neologerseits geschehen ist, trägt den Stempel assimilatorischen Geistes. Das Rabbinerseminar, die Lehrerpräparandie, ""der jüdisch-ungarische Literaturverein . haben den - einzigen Zweck, das Judentum und seine uralte Kultur in einer rotweißgfünen Fluf. zu ersäufen. . Ein jüdisches Gymnasium, das durch die antisemitische Propaganda, die mehr als den numerus clausus, die völlige Vernichtung des jüdischen Elements (Görcsörryi geb. Fetgeldampf im Alkotmäny) fordert, für dessen Errichtung' schon fast 3; Millionen Kronen eingelaufen sind, soll, nach der : Meinung Szabölcsis, der mit Leib und Leben dafür agitiert, eine; Brutstätte (nicht Zuchthaus) magyarischer Kultur werden; „jüdisch -bleibe einzig das — Geld, durch das es ermöglicht wurde." Wo eine solche Richtung ausmündet, beweist mit mathematischer Pünktlichkeit das Statistische Amt: Die Zahl der Mischmaschehen -wächst epidemisch und die Trauungszeugen bei kirchlichen Eheschließungen, die, ^- man ist versucht zu glauben — mit ihren 17 ursemitischen Namen vors Kreuz kriechend, ihren Austritt aus der jüdischen Rasse demonstrieren wollen, sind Legion. Oder kann etwa von Mehrung jüdischer Kulturwerte die Rede sein, wenn der Verein zur Hebung des Ackerbaus der ungarischen Juden als Conditio sine qua non fordert, daß der Schabbes entwejht und auf rituelle Kost verzichtet werde? In den Wohltätigkeitsinstituten, die unter Aufsicht der Chewra Kadischa stehen, wie Spital, Blindeninstitut, Taubstummenanstalt, Lehrerunterstützungsverein, ist, zur Hebung des Milieus, das Judentum nur prozentuell bedacht Im Brodyschen Kinderspital geht diese weichherzig liberalisierende Toleranz so weit, daß dort das jüdische Element nur bis 32 *Vo krank liegt. Auf orthodoxer Seite gibt es nur einen Lichtpunkt. Das ist die Millionengabe, die von den Ärmsten der Armen, aus abgehungerten Bissen zusammengestoppelt, jährlich nach dem Kaulel rollt! Sonst ist alles deprimierend bis zur Verzweiflung. Der letzte Knopf und allerletzte Blutstropfen wurde im Kampf gegen die Neologie verbraucht. Schlagworte, die vor hundert Jahren veraltet klangen, werden mit fanatischer Intoleranz in die Masse geschleudert. Sie verbrennen zündend jeden Keim von aufstrebender Kultur. In Ermangelung großer Geister behaupten die kleinen Torquemädchen das Feld. Aus Liebedienerei für den Chassidischen Klausgeist, der seine schreienden Vertreter in der Pester orthodoxen Landeszentrale hat, wird vom Präsidenten gegen die jüdische Schule gekämpft und so das Monstrum einer assimilanten Örthoxie gezeugt, wie sie die jüdische Golusgeschichte bis heute noch nicht aufzuweisen in der Lage war. Pflege des magyarischen Geistes und Aufgehen in demselben wird als letzter heiliger Zweck des ungarischen konservativen Judentums hingestellt Dieses Magyarentum plus Schulchan Aruch hat es mit seiner jüdischen Ehre vereinbar gefunden, gegen die Vertreter des jüdisch-nationalen Geistes im Organ eines getauften Maranen, Magyar Szo, einen denunziatorischen Artikel zu verbrechen. Und das in einer Stunde, wo schon die Scheiterhaufen rauchen, um das letzte Schmajisroel zu ersticken. ....... ......Selig Oberchohem hat Recht: Se sehn take aus wie gestorben....... KORRESPONDENZEN Berlin, 30. November 1908. Hochgeehrter Herr Redakteur! Erlauben Sie mir, daß ich in Ihrem geschätzten Blatte einen gegen mich gerichteten Angriff gebührend zurückweise, der in gleichem Maase eine Manifestation höhnischer Niedertracht und aufgeblasenen Ignorantentums in jüdischen Angelegenheiten darstellt. Handelte es sich nur um meine Person, so könnte ich erwägen, ob dem in Betracht kommenden Skribenten gegenüber verachtungsvolles Schweigen nicht angebracht wäre; aber da zugleich ernste Interessen des Judentums in Frage stehen, so wäre es sträflich, wollte ich mich aus vornehmtuender Bequemlichkeit der Aufgabe entziehen, die gebotene öffentliche Abstrafung vorzunehmen. Der Fall ist der folgende: Die jüdische Öffentlichkeit mußte sich die Frage vorlegen, ob die m öglicherweise bevorstehende Konferenz über die orientalische Frage nicht die Gelegenheit bieten könnte, die Leiden unserer Glaubensgenossen in Rumänien und die Verletzung des Berliner Vertrages seitens der rumänischen Regierung gegenüber unsern Glaubensgenossen vor das Forum der Großmächte zu bringen. Es war daher nicht erstaunlich, daß die jüdischen Zeitungen Ende Oktober und Anfang November „aus zuverlässiger Quelle" die Mitteilung brachten, daß die Alliance Israelite Universelle in Paris Schritte unternommen habe, um die Frage der Verletzung des Berliner Vertrages „seitens der rumänischen Regierung" vor die geplante Orientkonferenz zu bringen. Und es war erfreulich, daß ein jüdischer Politiker von dem Scharfblick und der Erfahrung . Luden Wolfs sich über die Chancen eines solchen Vorgehens öffentlich und unumwunden in der Jewish World am 16. Oktober ausgesprochen hat. Wolf ließ es sich klugerweise angelegen sein, Illusionen zu zerstreuen, und er sagte offen, daß der Kongreß keine Gelegenheit bieten werde, „bei welcher wir von den Mächten irgendwelche Genugtuung erlangen könnten," aber gleichwohl sei es nötig, die rumänische Judenfrage vor die Mächte zu bringen, damit durch Schweigen kein ungünstiger Präzedenzfall geschaffen werde. Wesentlich später, bereits gegen Mitte November, konnte die jüdische Presse, mitteilen, der Hilfsverein habe sich, an das Auswärtige Amt in: der gleichen Angelegenheit gewendet, und das

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