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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Die Fremdenfrage Im Unterhause richtete vor einigen Tagen ein Mitglied (Mr. Hunt) eine Anfrage an an den Staatssekretär des Innern, ob der Staatssekretär angesichts der Armut die durch die wachsende Zahl der Arbeitslosen hervorgerufen werde, einen Weg sehe, um eine strengere Anwendung des Fremdengesetzes zu ermöglichen. Mr. Gladstone erwiderte: „Ich bedaure, daß die Anregung des ehrenwerten Mitgl edes kein wirksames Heilmittel für die Beseitigung des Übels der Arbeitslosigkeit in diesem Lande enthält" (Beifall bei den Ministeriellen). Mr. Hunt fragte weiter: „Ist es nicht eine Tatsache, daß die Einfuhr dieser Fremden Einheimische der Arbeit beraubt und die Lebenslage noch schlechter gestaltet"? Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Unglücklicherweise herrscht in manchen schlecht informierten Kreisen die Meinung vor, daß Fremde nach England „eingeführt" würden, um dort für billigeren Lohn als die Eingeborenen zu arbeiten. Wenn dies vielleicht auch in Amerika der Fall sein mag. so kann kein Beweis dafür erbracht werden, daß solches auch in England vorkommt. Vom Territorium in Nordafrika Nach einer Äußerung von Mr. Meyer Spielman, dem Vorsitzenden der Englischen Ito Federation, lautet der Bericht der zur Untersuchung des nordafrikanischen „Territoriums" entsandten Kommission nicht eben günstig. Die rumänische Frage Vor ein paar Tagen richtete Mr. Samuel Straus im Unterhause an den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes die Anfrage, ob,,im Falle auf einer Konferenz die Aufrechterhaltung der Bestimmungen des Berliner Vertrages zur Behandlung käme, die englische Regierung geneigt sein würde, auf der Erfüllung der Verpflichtungen zu bestehen, die die rumänische Regierung gegenüber ihren jüdischen Untertanen in diesem Vertrage übernommen habe. Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes erwiderte, daß diese Frage außerhalb des Rahmens einer Konferenz liegen werde, die sich mit den durch die jüngsten Ereignisse im Balkan hervorgerufenen Schwierigkeiten zu befassen habe. Im Novemberheft der führenden englischen Revue, der „Fortnightly Review" erschien ein Artikel des rumänischen Generalkonsuls in London, Alfred Stead, Sohn des wohlbekannten W. T. Stead, worin der Verfasser ausführt, daß Rumänien den entscheidenden Faktor im nahen Osten bilde. In diesem Artikel wird gesagt, daß Rumänien seine heutige bedeutende Stellung erreicht habe, ohne irgendeinen der internationalen Verträge zu verletzen.- In Erwiderung auf diesen Artikel schrieb Herr Israel Cohen im „Evening Standard", dem konservativen Organ, einen Artikel, in dem er die Behauptungen des Herrn Stead zurückwies und nachwies, daß Rumänien den Berliner Vertrag seit dreißig Jahren verletze, indem es sich weigere, den Juden die politische und bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren. Feier des Emanzipationsjubiläums Die Feier des Jubiläums der politischen Emanzipation der Juden in England, die von Juli auf eine gelegenere Zeit verschoben worden war, fand am Montag, den 30. v. Mts., im Trocadero- Restaurant statt. Der Abend war organisiert von der Jüdischen Historischen Gesellschaft, deren Vorsitzender Rev. S. Levy die von einem sehr zahlreichen und distinguierten Publikum besuchte Veranstaltung leitete. Begrüßungsschreiben waren eingelaufen vom Premierminister, Arthur J. Balr'our, Lord Rothschild, Lord Swaythling, Lord Crewe und vielen andern hervorragenden Politikern. Die Hauptansprache „Die Frage der bürgerlichen und religiösen Freiheit" hielt Israel Abraham, der in kurzen Zügen die Kämpfe um die Bürgerrechte schilderte, die fast 30 Jahre gedauert haben. Der Chiefrabbi, der erwiderte, betonte, daß es nicht überflüssig sei, die Sache der bürgerlichen Freiheit zu ehren, da diese auch in manchen sogenannten zivilisierten Staaten noch nicht anerkannt würde. Seiner Meinung nach war der schönste Schmuck dieser Feier die Anwesenheit des jüdischen Unterstaatssekretärs für innere Angelegenheiten, dessen Kinderschutzgesetz, das am selben Tage vom Oberhause angenommen worden war, die würdige Schöpfung eines Sohnes Israels darstelle. Mr. Herbert Samuel, der enthusiastisch begrüßt wurde, erinnerte an die kuriosen Prophezeiungen, die vor sechzig Jahren von den Gegnern der jüdischen Gleichberechtigung vorgebracht wurden, und sagte, daß nicht eine davon in Erfüllung gegangen sei. Die Juden hätten sich der Rechte, die sie errungen hätten, wert gezeigt, und auf den Schlachtfeldern Südafrikas hätten sie mehr als den Zoll abgetragen, den sie England geschuldet hätten. Ansprachen hielten noch Dr. Gaster, Sir Edward Sassoon u. a. Amerika [(Von unserm Berichterstatter) Dr. Lewin in Amerika New York, 19. November. Dr. Schmarjahu Lewin kam hier mit dem Dampfer „Kronprinzessin Cäcilie" am verflossenen Dienstagnachmittag an und wurde am Pier von einem Komitee von Vorstandsmitgliedern der Federation of American Zionists, an ihrer Spitze Dr. J. L. Magnes und Rey. Joseph Jasin, Sekretär der Federation, empfangen. Die jüdische Presse dieses Landes hat Dr. Lewin sehr warm begrüßt, wie man überhaupt jetzt hier in allen Kreisen der Gemeinde lebhaftes Interesse für die zionistischen Aussichten im allgemeinen und ihre Arbeiten für das Erziehungswerk in Palästina im besondern empfindet. In einem Interview, das der Schreiber dieser Zeilen für eine der amerikanischen Tageszeitungen New Yorks mit Dr. Lewin hatte, äußerte sich dieser sehr hoffnungsvoll über die Fortschritte, die der Plan der Errichtung eines jüdischen Technikums in Haifa gemacht hat Er sagte, die neue Schule werde Unterstützungen erhalten aus Kreisen, an die man bisher gar nicht gedacht habe und er vertraute be- - stimmt darauf, daß alle Bevölkerungsklassen der Vereinigten Staaten an der Gegenwartsarbeit in Palästina mithelfen würden. Man darf allerdings nicht außer Betracht lassen, daß die finanzielle Krisis in den Vereinigten Staaten, wenn sie auch teilweise bereits nachgelassen hat, noch nicht ganz vorüber ist, und daß sie dem Vordringen des Zionismus, wie auch aller andern jüdischen Gemeinschaftsarbeit," sehr hinderlich war. Aber die Verhältnisse sind jetzt dabei, sich schrittweise zu bessern und man ist daher hier geneigt zu glauben, daß Dr. Lewin mit seinem liebenswürdigen Wesen und der eindringlichen Rednergabe, die ihm für seine Sache zur Verfügung: steht, alle Schwierigkeiten, die ihm entgegenstehen, überwinden kann, und daß seine Hoffnung auf Erfolg hier sehr wohl verwirklicht werden wird. Dr. Lewin, der auf seiner ersten Reise durch die Vereinigten Staaten der Mittelpunkt vieler großen zionistischen und jüdischen Kundgebungen war," wird bei seinem jetzigen Besuch lediglich in kleinen Versammlungen in den verschiedenen Städten sprechen, im Kreise von Personen, die. ein besonderes Interesse am Ausbau der Unterrichtsanstalten in Palästina nehmen. Auch will er auf privatem Wege mit den maßgebenden Personen der jüdischen Gemeinden des Landes zusammentreffen. Heute, Donnerstag, wird er zum erstenmal öffentlich vor den Juden des Landes auftreten. Er wird bei einer Theatervorstellung zugegen sein, die von der Federation of American Zionists im Windsor Theater veranstaltet wird. Die New Yorker Kehillah Autokratie und Demokratie im amerikanischen Judentum sind einander begegnet und zu einem Einverständnis gelangt und als ' Resultat ist jetzt die geplante Organisation der jüdischen Gemeinde New York der Verwirklichung näher gerückt, als je zuvor. Mit andern Worten, die populäre Bewegung von Vertretern verschiedener jüdischer Vereine New Yorks, die auf Gründung einer Kehillah hinzielt hat die Billigung und das Versprechen der Unterstützung des American Jewish Committee gefunden, das als selbstgewählte Körperschaft seit seiner Gründung immer einer starken Kritik begegnet ist. Jetzt aber wird das Komitee die allgemeine Zustimmung der New Yorker Juden finden, und auf der andern Seite wird die von Dr. Magnes ausgehende Bewegung auf Schaffung einer organisierten jüdischen Großgemeinde, die zuerst in den Kreisen der Eingewanderten Anklang fand, nun die Mitarbeit und Hilfe der einflußreicheren und mehr „amerikanisierten" Juden finden, die im American Jewish Committee ihre Vertretung sehen. Bekanntlich hat die seinerzeitige Konferenz von Vertretern der verschiedenen Gemeinden, zwecks Schaffung einer Gesamtorganisation der New Yorker Juden, die Wahl von 25 Mitgliedern beschlossen, die sich mit den Organisationen der „up-town" Juden in Verbindung setzen und die erforderlichen Schritte zur Verwirklichung der geplanten Organisation einleiten sollten. Ein Vorschlag dieses 25er Ausschusses wurde in der jüngsten Sitzung des „American Jewish Committee" vorgebracht. Es kam eine Vereinbarung zustande, der gemäß die beiden Organisationen Hand in Hand arbeiten werden. Eine Verfassung für die neue Kehillah mit Details über die Arbeitsweise der neuen Organisation soll einer neuen endgültigen Versammlung von Vertretern tatsächlich aller jüdischen Vereine NewYorks vorgelegt werden. Diese Versammlung soll bereits binnen zwei Wochen tagen und wird die größte jüdische Versammlung dieser Art darstellen, die je hier gehalten worden, ist Alles in allem stellt die neue Organisation eine erneute Anerkennung der Einheit des jüdischen Volkes, und eine bedeutsame Pflicht auf dem Wege des . Fortschrittes des jüdischen Nationalismus dar.

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