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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Cesare Lombroso and die Unterdrückung: der rumänischen Juden Seit einiger Zeit besteht in Rumänien eine lebhafte Bewegung gegen Österreich. Versammlungen werden abgehalten mit flammenden Reden gegen Österreich.-Ungarn, die Presse bringt einen Artikel nach dem andern usw.. Der Redakteur und Herausgeber der „Nova Revista Romana", Universitäts-Professor Radulesku Motru, hat im Zusammenhang mit dieser Bewegung jüngst eine Rundfrage an mehrere hervorragende Persönlichkeiten Italiens gerichtet und sie um ihre Meinung wegen der Unterdrückung der Rumänen in Ungarn gefragt Daraufhin erhielt er von Cesare Lombroso, den er ebenfalls um seine Meinung gebeten hatte, folgende ebenso kurze wie treffende Antwort, die wir wörtlich nach ihrer Wiedergabe in der obengenannten Revue veröffentlichen: „Geehrter Kollege! Ich war immer und ich werde sterben als ein unversöhnlicher Anhänger einer vollständigen Freiheit und der weitgehendsten Entwicklung jeder Nationalität und jeder Konfession. Wenn ich infolgedessen mit euch wegen der Unterdrückung der Serben und Rumänen klage, kann ich nicht umhin, zu stöhnen über die Unterdrückung der Ruthenen und der Juden in Rumänien. Ihr Cesare Lombroso" Die Beseitigung der Eidesleistung More Judaico Endlich ist auch einmal etwas Erfreuliches aus Rumänien zu berichten: Die barbarische Eidesleistung more judaico wurde am 24. ds. vom Hohen Kassationshofe gänzlich abgeschafft. Es war bekanntlich unser bewährter Gesinnungsgenosse, Rabbiner Dr. Niemirower in Jassy, der zuerst den Kampf gegen diesen Schwur aufnahm. Er weigerte sich, dabei die vorgeschriebene Assistenz vor Gericht zu leisten und wurde deshalb in eine Geldstrafe genommen. Seine Berufung hat das Tribunal in Jassy zurückgewiesen. Dr. Niemirower apellierte gegen diese Entscheidung beim Hohen Kassalionshofe, wo die Sache am Dienstag, den 24. November vor der ersten Sektion zur Verhandlung kam. Der gewesene Justizminister, C. Dissescu, der als Verteidiger des Herrn Dr. Niemirower fungierte, behauptete, daß die Verordnung vom Jahre 1844, auf" der diese Eidesleistung beruht, durch das neue bürgerliche Gesetzbuch aufgehoben sei. Auch berief er sich auf ein Urteil des Kassationshofes vom Jabre 1904, worin bestätigt wird, daß die Eidesleistung more judaico willkürlich und ungesetzlich, verfügt wurde, und gegen die Gewissensfreiheit verstößt. Damals hatte der Gerichtshof bestimmt, daß der Eid von Juden in derselben Form entgegengenommen werden müsse, wie von Nichtjuden, nur solle der Jude anstatt auf das Kreuz, auf die Bibel schwören. Nach halbstündiger Beratung hob der Kassationshof das gegen Dr. Niemirower erlassene Urteil auf, sprach ihn vollständig frei, und stellte somit fest, daß der Eidschwur more judaico abgeschafft ist. England (Von unserm Berichterstatter) Ein Schalom Alechem-Abend Anläßlich des silbernen Schriftsteller-JubiläumsSchalom Alechems veranstaltete der Verband jüdischer Literatur-Vereine am Samstag abend im University College eine öffentliche Veranstaltung, deren Ertrag dem Dichter zufließen soll. Dr. Lionel 'D. Barnett, der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Angelo S. Rappoport, Hermann Landau und Israel Cohen leiteten gemeinsam den Abend. Israel Zangwill hatte ein Begrüßungsschreiben gesandt, worin er seine Abwesenheit entschuldigte und schrieb: „Ein Silberjubiläum scheint ein ironisches Etwas für einen Mann, der wenig Silber durch seine Arbeit gesammelt hat und dessen Gesundheit ihm so wenig Grund zum Jubilieren gibt Die Züge von Humor und Pathos in unseres Freundes Werk sind so meisterhaft, daß, wenn er nur das große Glück gehabt hätte, in englischer Sprache zu schreiben, die Welt ihm ein Einkommen verschafft hätte, wie es heute nur ein amerikanischer Humorist genießt Sein Anspruch an die jüdische Öffentlichkeit vonheute beruht nicht auf der Tatsache, daß er in jüdischer Sprache geschrieben hat sondern, daß er ein Schriftsteller ist" dessen Gesundheit jetzt nach, einem längen stürmereichen Leben zusammengebrochen ist undder deshalb nur mehr eine geringe Aussicht hat, auf seine alten. Tage, sein Brot zu finden. Lasset uns versuchen, ihm sein Silberjubiläum zu vergolden.". Herr Israel Cohen verlas, einen langen Brief von Schalom Alechem, den dieser von seinem Krankenlager in Nervi geschrieben hatte. Der Dichter schreibt darin u. a.: „Ich liege in meinem Bette am offenen Fenster, das auf das Mittelländische Meer hinausgeht Die silbernen Wogen erfreuen mich durch den Widerschein der goldenen Strahlen der feurigen Sonne. Der blaue italienische Himmel bringt mir Grüße vom Lande Israel." „Dort", sagt er, „ist ein ebensolcher Himmel, mit ebensolcher Sonne und solcher Luft Ich schwelge in der reinen lichten Luft des Gartens Eden, und ich fühle, daß ich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde besser werde. Aber wenn ich einen Blick auf den Kalender werfe und das Datum des 15. Dezembers sehe, wo ich die Miete für die Villa zahlen muß, und meine Börse ist leer wie die Wüste, dann ist es schlimm, schlimm! . . . Und indem ich von der Wüste spreche, rufe ich mir die großen Wundertaten zurück, die unser Herrgott unsern Vorfahren in der Wüste erwiesen hat, und ich sage zu mir selbst: Nein, es ist nicht so schiirrm. Und hier ist der Beweis dafür: Gerade jetzt feiere ich mein 25 jähriges Schriftstellerjubiläum. Das jüdische Volk hat sich erinnert, daß irgendwo in der Welt ein jüdischer Schriftsteller lebt dessen Name Schalom Alechem ist der in Not und Elend lebt wandert von Land zu Land, — jetzt ist er im barbarischen Rußland, jetzt in Westeuropa, jetzt im freien Amerika, und dann wieder einmal im barbarischen Rußland. Unermüdlich hält er Vorlesungen, einen Abend fast nach dem andern, und nach einer dieser Verlesungen beginnt er plötzlich zu husten und zu bluten. Er wird zu Bett gebracht und macht die Bekanntschaft des Todesengels. Wie durch ein Wunder entgeht er den Händen des Engels des Todes, und die Doktoren senden ihn nach Italien, just zurzeit seines literarischen Festes. Da erwacht im jüdischen Volke ein Gefühl von Rachmonoth und sie sagen einer zum andern: Wir wollen der ganzen Welt zeigen, daß Juden ihre Schriftsteller und Dichter zu schätzen wissen! .... Und sie beginnen, indem sie dieses Fest in einer Weise begehen, daß es dem Jubilar wohltut und für die Welt schön ist zu sehen. Und Juden können, wenn sie nur wollen, und sie beginnen nachzudenken, und sie denken und denken und denken wieder — und Juden können es, wenn sie nur wollen — daß sie dem geliebten Manne bildlich oder in Wahrheit ein Heim schaffen müssen. Wo? Natürlich nicht im barbarischen Rußland. In Palästina? Aber warum in Palästina? Schalom Alechem ist bei den Territorialisten nicht weniger beliebt als bei Zionisten. Also in Italien? Warum nicht in Amerika? Und so haben sich die Juden ihre Köpfe zerbrochen und ihre Pfennige zusammengescharrt — Juden können es, wenn sie nur wollen. Die ganze jüdisch - russische Presse kochte über. Die Gemeinde war in Gärung. A Kleinigkeit Schalom Alechem, unser Schalom Alechem! Da gibt es kein Ding, das zu klein ist für einen solchen Liebling des Volkes wie Schalom Alechem. Das jüdische Volk! Geld? Haha! Wer spricht von Geld? Schon ist für diesen Zweck ein besonderer Fonds deponiert in Höhe von 100 Rubel oder 10 £ ... . Was meine Gesundheit anbetrifft, so ist alle Aussicht vorhanden, daß ich binnen 6 Monaten hier in Italien wieder vollständig gesund werde. Es handelt sich nur um die Mittel: Werde ich haben, womit mich erhalten? Es gibt im Jüdischen ein „Mimuh nafschoch" (Alternative), das als Antwort dienen kann: „Wet sein, mit wus sich erhalten, is doch awadde (gewiß) gut Nur was denn, tomer (vielleicht) wet nit sein? Far wus soll net sein? . . . ." Mit dieser Art von Argumentierung^haben alle Juden von Kasrielovka seit Jahren gelebt, und genau so lebt auch ihr Vertreter, Schalom Alechem. Es gibt keinen Optimist mehr wie ihn in der Welt. Er träumt gerade jetzt, da er zu Bett liegt, daß irgendwo in der Welt sich ein Mäcen finden wird, ein Narr, der kommen wird und sagen: „Schalom Alechem, Bruderherz! Nicht gesorgt ich nehm auf mich die Ausgabe vun alle Deine Werk, zwanzig Bänden. Un los sein still!" Hierauf gelangte eine kurze Skizze „Schmuel Schmelkes und sein.Jubiläum" von Schalom Alechem auf seinem Krankenlager, am Tage seines Jubiläums geschrieben, in englischer Uebersetzung zur Verlesung. . Dr. Rappaport las eine kleine Auswahl aus den Werken des Dichters vor, die im Publikum immer wieder stürmische Heiterkeit erzeugen. Herr Hermann Landau, Vorsitzender des Jüdischen Hilfsvereins, richtete einen dringlichen Apell an die Anwesenden, zum Fonds für den Dichter beizutragen. Herr Israel Cohen hielt eine begeisterte Redeüber die Werke und den Genius des jüdischen Humoristen und beschrieb die traurige Lage des Schriftstellers. Die Veranstaltung schloß mit der Vornahme einer Sammlung;

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