Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 48 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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D1E3§KELT : für das finnische Volk". Der Antrag des Redners auf jüdische Gleichberechtigung wurde vom zahlreich versammelten Publikum mit stürmischem Applaus angenommen. Der Antisemitismus in der Duma In der dritten Duma machen sich ganz besondere und immer feiner werdende Gesellschaftsformen bemerkbar. Die Gespräche werden in einem Ton geführt, der an die Spelunken des „Verbandes •des russischen Volkes" lebhaft erinnert. So wandten sich vor kurzem zwei Dumamitglieder, Bakin und Lanin, an den Dumasekretär Sazonowitch mit der Bitte, dem Arzte Schapiro eine Eintrittskarte in die Duma zu geben. Aus diesem Anlaß kam es zwischen den Deputierten und dem Sekretär zu folgendem charakteristischem Gespräch: „Ist das ein Jude, fragte Sazonowitch. „Das wissen wir nicht, wahrscheinlich." — antworteten die verwunderten Deputierten. — „Das ist gleich, einem Juden werde ich keine Karte geben!" Derselbe Sekretär hat beschlossen, keinen Juden in die Dumakanzlei aufzunehmen, und wollte sogar den dort arbeitenden Juden zusammen mit den Frauen ihre Stellungen kündigen. Nach vielen Bemühungen ist es gelungen, diese Maßregel zu verhüten. Die „nichtwohnberechtigten* Juden und der Stadthauptmann Unterm 25. November wird uns aus Petersburg geschrieben: Mit auffälligem Eifer fährt der Stadthauptmann fort, die Residenz von „nichtwohnberechtigten Bürgern", alias Juden, zu säubern. Die neueste Verfügung vom 22. d. M. mahnt zur strengen' Achtsamkeit, daß Juden sich nicht unangemeldet in Petersburg aufhalten möchten; die Dokumente der Wohnberechtigten seien besonders zu registrieren und immer wieder zu kontrollieren, damit Personen, die aus irgendwelchem Grunde ihr Wohnrecht einbüßten, ohne weiteres abgeschoben würden. Die Polizei solle es sodann auf keinen Fall zulassen, daß jüdische Handwerker, die auch nur vorübergehend ihr Handwerk nicht ausübten, in Petersburg verbleiben; samt Familien und Habseligkeiten müßten sie die Hauptstadt verlassen. Man fragt sich hier, wozu der Städthauptmann immer wieder mit gegen die Juden gerichteten Verordnungen, die eigentlich nichts Neues enthalten, kommt Indes wer das ewige Buhlen der hiesigen Bureaukratie nach der Gunst des echtrussischen Verbandes kennt, weiß auch schon die Antwort. Rumänien (Von unserm Berichterstatter! Die politische Lage In der traurigen politischen Lage der rumänischen Juden ist eine Änderung nicht zu verspüren. Die Judenfrage ist das Steckenpferd der politischen Parteien, die um den Kranz des Antisemitismus ringen. Besonders heiß wurde der allgemeine Wettbewerb seit der Gründung der neuen Konservativ-Demokratischen Partei unter Führung des gewesenen Finanzministers Tacke Jonescu, in die bekanntlich auch zwei oder drei Juden, natürlich solche, die sich aller politischen Rechte erfreuen, eingetreten sind. Seit dieser Zeit gilt die unglückliche neue Partei bei den beiden andern, der liberalen und der konservativen, als eine Judenpartei, die vom Gelde der Juden unterhalten wird usw. Die armen Konservativ- Demokraten denunzierten in ihrer Angst um ihr Renommee den Chef der Konservativen, Herrn P. P. Carp, als den größten Judenfreund Rumäniens und wußten sich schließlich nicht anders zu helfen, als daß in der Parteirevue „Jndrumarea" ein längerer antisemitischer Aufsatz über „Die Demokratie und der Antisemitismus", erschien, in dem in der bekannten Manier die üblichen Gehässigkeiten gegen die Juden vereinigt waren. Nun konnten die Liberalen natürlich nicht zurückstehen, ihr offiziöses Hauptorgan „Vpinta Nationalea" brachte einen Artikel unter der bezeichnenden Oberschrift „Warum sind wir Antisemiten"? und das war natürlich wiederum ein Signal für die Konservativen, die in ihrer offiziösen „Epoca" gleich eine ganze Serie antisemitischer Schimpfartikel erscheinen ließen. Die von den beiden berüchtigten Professoren N. Jorga und A. C. Cuza begründete antisemitische Partei und deren Zeitung wächst beständig, insbesondere die Jugend folgt blindlings den beiden Professoren. Außer der ganzen rumänischen Presse, die ihnen fast ausnahmslos zur Verfügung steht, — und die wenigen Ausnahmen sind deswegen nicht weniger antisemitisch —, verfügen die Antisemiten über fünf Wochenschrifen. Diese ihre Macht nützten die Herren jüngst zu einem sehr schweren und folgenreichen Angriff aus. No;4&: In Bukarest erscheint dreimal wöchentlich -die Zeitschrift des Universitätsprofessors Jorga „Neamul Romanesce". In dieser Zeitschrift wird ununterbrochen gegen die Juden gehetzt Neuerdings veröffentlichte darin der würdige Gesinnungsgenosse des Herausgebers, Professor Cuza, eine Serie von Artikeln unter dem Titel „Die Juden in der Presse". Nachdem er so ziemlich alle jemals irgendwo und irgendwann gegen Juden gerichteten Angriffe zum so und so vielten Male reproduziert hatte, schritt Herr Cuza zu Schmähungen gegen die Jassyer Richter, denen er vorwarf, sie seien käuflich, und urteilten den Juden gegenüber, von denen sie sich hätten bestechen lassen, auffallend milde. Diese Behauptung des Herrn Cuza erregte im ganzen Lande das größte Aufsehen. Schließlich sah sich der Justizminister veranlaßt zur Untersuchung dieser Anschuldigungen eine Kommission einzusetzen, die aus zwei hohen Magistratsbeamten des Kassationshofes bestand. Natürlich erwiesen sich alle Beschuldigungen als grundlose Verleumdungen. Nichtsdestoweniger erließ jedoch der Justizminister eine Verfügung an die Richter in Jassy, worin er ihnen den Vorwurf machte, ihre Urteile seien zu mild. Der staatlich angestellte Verleumder jedoch blieb für seine'Verdächtigungen von Staatsbeamten und Staatseinrichtungen nicht nur unbestraft, sondern wird zur Belohnung jetzt sogar ins Parlament geschickt werden, und zwar dürfte er das Mandat des Abgeordneten Pann einnehmen, das durch dessen Ernennung zum Zensor der Nationalbank frei geworden ist. Dieser Abgeordnete war bekanntlich ein warmer Judenfreund, der auch im Parlamente mehrfach für deren Rechte eingetreten ist. Allerdings hatte auch er sich seit seinem Eintritt in die liberale Partei gewandelt. Da die Kandidatur, des Herrn Cuza von fast allen Parteien unterstützt wird, so ist kaum daran zu zweifeln, daß er den erledigten Sitz einnehmen wird. Wenn erst die beiden Antisemiten Jorga und Cuza im Parlamente sitzen werden, wird es ihnen an Beifall der andern gewiß nicht fehlen. Unter diesen Umständen kann es kaum zweifelhaft sein, daß die liberale Regierung ihren antisemitischen Neigungen die Zügel schießen lassen wird. Der Anfang ist bereits gemacht. Nach der Ausweisung der Juden aus den Dörfern begann man mit der Vertreibung auch derjenigen, die sich aller Bürgerrechte erfreuen. So wurden z. B. mehrere vollberechtigte Juden aus Darmanesti ausgewiesen, die sich ihr Bürgerrecht im Feldruge des Jahres 1877/78 erworben hatten. Ein anderer Gewaltakt der liberalen Regierung besteht darin, daß sie sich weigert, die Naturalisations-Dokumente für diejenigen Juden auszufertigen, denen vom verflossenen konservativen Parlament die Bürgerrechte bewilligt worden sind. Als Grund gibt die Regierung an, sie fürchte den überhandnehmenden Einfluß der Juden (!). Dabei muß man sich vor Augen halten, daß nach einer von Herrn J. B. Brociner, Bruder des bekannten Oberst Brociner, Privatsekretär der Königin, in seiner Broschüre „Die Frage der inländischen Juden" veröffentlichten genauen Statistik insgesamt in den Jahren 1880—1901 von 250 000 Juden sage und schreibe 85 (fünfundachtzig) naturalisiert worden sind, von denen in der Zwischenzeit 27 starben. Da nun seit dem Jahre 1907 nicht ein einziger Jude mehr die Bürgerrechte erhielt, und zwischen 1901 und 1907 nur verschwindend wenige naturalisiert wurden, können wir die Furcht der rumänischen Regierung allerdings begreifen. Um so mehr, wenn wir in Betracht ziehen, daß — selbstverständlich! — von den obengenannten 85 einige bereits und einige andere noch nicht getauft sind. Dabei mag erwähnt werden, daß auch die Taufe durchaus nicht immer genügt, damit der betreffende Jude in den Augen der Kammer Gnade finde und das Bürgerrecht erhalte. So wird von dem Professor der Sorbonne, Lazar Saiheanu, erzählt, daß sein Naturalisationsgesuch ungeachtet seiner Taufe von der Kammer zurückgewiesen worden sei, worauf der Herr Professor, wie man erzählt, wieder Jude geworden sei. Dazu kommen die neuerlichen Vexationen gegen die jüdischen Schulen. Die Regierung versucht, den hebräischen und jüdischen Unterricht aus den jüdischen Privatschulen ganz zu verdrängen, die Lehrer werden allen möglichen und unmöglichen Prüfungen unterzogen, kurz, es geschieht alles, um einen Vorwand zu finden, die jüdischen Schulen zu schließen. Da nun Juden nach der famosen rumänischen Gesetzgebung in rumänischen Schulen gar nicht oder nur unter kolossalen Schwierigkeiten aufgenommen werden, stehen sie vor der Aussicht, ihre Kinder ohne jede Schulbildung aufwachsen zu sehen. Daß die innere Lage der Juden Rumäniens eine nicht weniger traurige ist, darauf haben wir schon oft hingewiesen. Ihre Schulen sind auf ausländische Unterstützung angewiesen, jüdische Spitäler gibt es nicht, Kultusgemeinde existieren nicht, die Lage des Klerus läßt alles zu wünschen übrig usw. usw. Die Bewegung zur Gründung einer israelitischen Kultusgemeinde in Bukarest scheiterte an der Gleichgültigkeit der oberen Zehntausend; Wohin wir sehen, müde Hoffnungslosigkeit intra et extra muros: