Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 48 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Familiensinn und die „Freude am Wohltun" stets schätzte und versicherte schließlich die Juden des Reiches seines Kaiserlichen Schutzes. Die überbrückten Gegensätze Wir sind nicht judäozentrisch. Wir sind nicht so unbescheiden zu glauben, daß alle österreichische Politik einen Judenpunkt haben muß. Aber die andern sind es. Sie kranken direkt am Judentum, das ihnen allgegenwärtig, allmächtig scheint. Wenigstens wollen sie ihre Anhänger daran glauben machen. Nicht die Argumente ' der Antisemiten sind interessant, sondern die Tatsache, daß die Judenhatz, diese altertümliche, seit Jahrtausenden in Umlauf gesetzte Münze von zweifelhafter Legierung, Anklang, will sagen, Absatz findet; daß kundige Geschäftspolitiker diese abgegriffene aber nicht rostende Waffe stets hervorziehen, um Volksmassen zusammenzuschweißen. Die Christlichsozialen sind eine mächtige Partei: sie scharen Mittelstand und Bauern um sich und breiten ein weitmaschiges Netz von wirtschaftlichen Organisationen— die ihre Macht bedingen — über das Reich. Sie finden Nachahmer und Schüler bei Tscheschen und Slowenen, Ungarn und Kroaten. Sie verfügen über Gemeindeämter, Landesausschüsse und Ministerportefeuilles. Auf Amt, Würden, Zuschüsse und Subventionen kann jeder rechnen, der ihnen in Stadt, Land oder Reich dient. Aber all diese Machtmittel scheinen den Führern unzureichend, und vor jeder Wahl wird der Antisemitismus in den Vordergrund der Agitation gerückt. Woher diese Werbekraft? Auch die in Krakau begründete Polnische christlichsoziale Partei widmet dem judenfeindiichen Teil ihres Programms •eine ausführliche Begründung. Es sind die alten Argumente, — Parasitismus, jüdische Ausbeutung, Fremdkörper. Nur kommt noch ein spezifisch-polnischer Einwand hinzu: die Juden wollen nicht aufgehen. Darin unterscheiden sich polnische Antisemiten von deutschen oder russischen. Das Mißlingen der Assimilation wird zum Vorwand der antisemitischen Gesinnung. Die Assimilation der Nichtpolen ist nämlich bei den Polen, wie bei den Magyaren, ein Gebot der nationalen Machtentfaltung. Die neu entstandene polnische Luegerpartei, die natürlich reiche Protektoren, besitzt und mit einer regen Arbeit einsetzt, würde uns nicht weiter beschäftigen. Der polnische Antisemitismus ist keine neue Erscheinung, wenn es .auch bezeichnend ist, daß sich eine Partei endlich offen zu ihm bekennt. Beachtenswert erscheint uns folgende Kuriosität: Das Manifest der christlichsozialen Partei ist von drei Reichsratsabgeordneten gezeichnet, die Mitglieder des Polenklubs sind: Hanusieck, Dobija und Rzeszodko. Es sind somit Klubgenossen der Juden Dr. Kolischer und Dr. Löwenstein, die das antisemitische Programm verfaßten. So sehen wir in diesem Lande, wo die Politik gemildert wird durch Raufereien, unverschämtes Feilschen um Futterplätze an der Staatskrippe und Verwirklichung des Unwahrscheinlichsten, auch das merkwürdige Schauspiel, daß Israeliten und Antisemiten in einem politischen Klub friedlich nebeneinander sitzen. Dr. Löwenstein gelobte vor den Wahlen in einer Synagoge, aus dem Polenklub auszutreten, falls er ihn zwingen sollte, mit Antisemiten zusammenzugehen. Der Schwur bezieht sich aber nicht auf-das Zusammensitzen. Der Kampf um die Mensa Seit den Anfängen der Chartistenbewegung wissen wir, daß alle politischen Raufereien eine Messer- und Gabelfrage sind. Auch nach den fortwährenden Studentenschlägereien an der Wiener Universität wo man glücklich so weit angelangt ist, von der modernen Schießwaffe Gebrauch zu machen, hörte man ein deutliches Messerklirren und Gabelngerassel aus der Mensa academica. Richtiger, man hörte es nicht mehr. Die Deutschnationalen sind praktische Leute. Die Schlachten gegen Juden und Italiener, wo sie dank ihrer fünf- und zehnfachen Übermacht „siegen", genügen ihrem Selbstgefühl nfcht mehr. Sie erzwangen die Schließung der Studentenküche, der Mensa academica. Die edelmütigen Jünglinge wollen die Besucher der Mensa, meistens Slawen und Juden, aushungern. Ihr Gerechtigkeitssinn wird verletzt nicht nur wenn Nichtdeutsche an einer Stätte deutscher Wissenschaft Gastfreundschaft genießen. Sie erblicken "eine Gefahr für das arme stets bedrohte Deutschtum, wenn etwa 1000 jüdische und slawische Studenten billiges Mittagessen erhalten. Sie verlangen „deutsche" Studentenheime, Mensas und Wohlfahrtseinrichtungen. Wir kennen die Weise ebensogut wie die Verfasser. Wir haben gegen reindeutsche (lies — judenreine) „Heime" und „Mensas" nichts einzuwenden. Nur mögen die mutigen Teutonen auch den Mut haben, Spenden, die von nicht arischen „Deutschen", wohnhaft am Kai und auf der Wieden, kommen, zurückzuweisen. Sie können eine deutsche Mensa gründen und an das „goldene Wiener Herz" in geschickter Ausnützung der Konjunktur appellieren. Aber die bereitsbestehende Mensa ist keine deutsche. Eine Anzahl von jüdischen Philantropen gehören zu ihren Förderern. So z. B. spendet ein jüdischer Kohlenbergwerksbesitzer in großherziger Weise das Heizmaterial für die Mensa. Es gehört die ganze niederträchtige Brutalität, der ungeheure Terrorismus der Deutschnationalen dazu, um Hunderte jüdischer Studenten aus einer Wohlfahrtsanstalt verdrängen zu wollen, die vielleicht zum größten Teil mit jüdischem Gelde erhalten wird. Die Deutschnationalen beginnen frühzeitig mit dem ökonomischen Boykott. In der jüdischen Studentenschaft, die von der' Schließung der Mensa hart betroffen ist, herrscht große Erregung. Es wurde eine energische Aktion gegen diesen Gewaltstreich eingeleitet. Es wäre aber höchst an der Zeit, daß die Wiener Juden, die so oft für deutsche Wohlfahrtsgründungen tief in die Taschen greifen und die Würzen abgeben, sich auf ihre Würde besinnen und den deutschradikalen Raufburschen ihre Subventionen entziehen. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Eine Rabbinerkonferenz in Ekaterinoslaw Vor wenigen Tagen fand in Ekaterinoslaw eine Konferenz der Kronrabbiner des Ekaterinoslawer Gouvernements statt. Auf der Tagesordnung standen viele wichtige Fragen, wie z. B. die Legalisation der Gemeinden, über Religionsunterricht in den Schulen, über Lichtsteuer, über Chederim usw. Nach langen und heißen Debatten wurden folgende Resolutionen angenommen: 1. Die Konferenz wünscht, daß die „Korobkasteuer" abgeschafft und an ihrer Stelle eine andere Steuer eingeführt werden soll, ähnlich, wie es in Polen praktiziert wird; 2. die Konferenz strebt dahin, daß die jüdischen Gemeinden legalisiert und die Chederim in ihrer gegenwärtigen Gestalt abgeschafft werden sollen; an ihrer Stelle sollen die Gemeinden Anfangsschulen gründen, an denen außer in jüdischer auch in russischer Sprache unterrichtet werden soll; 3. in den Mittelschulen soll obligatorisch und unentgeltlich jüdische Geschichte und Religion unterrichtet werden; 4. die Konferenz beabsichtigt in Wilna, Odessa und andern Städten Akademien zu gründen, in welchen Rabbiner eine gründliche jüdische Bildung bekommen könnten. Gesellschaft für jüdische Volksmusik In Petersburg wurde eine neue „Gesellschaft für jüdische Volksmusik" gegründet. Die Gründer sind bekannte jüdische Künstler, Sänger und Musiker. Unter andern gehört zu ihnen auch der berühmte Hofopernsänger Dawidow. Aus dem Verbände des „Russischen Volkes4* Auf der vor kurzem in Odessa stattgefundenen Konferenz der 70 Vertreter der Abteilungen des „Verbandes des russischen Volkes" in Südrußland wurden Referate 4 Über die Unterdrückung des russischen Volkes" und die „Beseitigung der Juden von der Teilnahme am sozialen und politischen Leben" vorgelesen. Bei einer der Sitzungen des „Kiewer Nationalklubs" hat ein Herr Stachow einen Vortrag „Über die Lösung der Judenfrage" gehalten und folgenden Plan des Kampfes mit den Juden entwickelt: Den Juden muß verboten werden, Zeitungen zu redigieren, herauszugeben, wie auch an ihnen mitzuarbeiten; wer diese Vorschrift übertritt soll mit Konfiskation seines ganzen Vermögens bestraft werden. Weiter sollen jüdische Grundbesitzer enteignet werden und dafür die Summe bekommen, für die sie das Gut gekauft haben. In den höhern Lehranstalten dürfen Juden nicht zugelassen werden, es sollen für sie spezielle Mittelschulen mit jüdischer Unterrichtssprache gegründet werden. Man soll alle Juden nötigen, ihre nationale Tracht und jüdischen Namen zu tragen. Das Recht auf Annahme eines christlichen Namens soll 1000 Rubel kosten, welche Summe man zugunsten der Opfer der Revolution verwenden soll. Die Versammlung hat beschlossen, diesen Vortrag zu drucken und ihn an die Dumamitglieder und das Ministerkabinett zu versenden. Zur Judenfrage in Finnland Im Klub der „Jungen Sozialdemokraten" hat das Mitglied des Landtags, Herr Londstre, einen Bericht über das Verhältnis der franländischen Gesetzgebung zu den Juden erstattet Nach der Schilderung der Lage der Juden in verschiedenen Ländern sprach der Redner ausführlich über ihre Lage in Finnland, wo bis jetzt noch die administrativen Verordnungen des Senats vom Jahre 1889 ihre volle Gültigkeit^-besitzen. Diese Gesetze sind „eine Schande