Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 48 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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der vier Richtungen hin ein neuer interessanter Ausblick vom Balkon. Nach Osten und Westen sehen wir auf ein formenreiches und farbenfrohes Gewühlvon Häusern und Höfen, nach Norden auf das weite Meer und den Strand und nach Süden auf die grünen Höhen des Karmels. Der Karmel! Ein immergrünes Kalkgebirge, dessen Schönheit und Fruchtbarkeit die Gesänge des Hohen Liedes und die Reden der Propheten rühmen. Seit alten Zeiten ist er der Schauplatz ehrwürdiger Erzählungen. Hier spielte sich auch die biblische Szene, der Streit des Propheten Elias mit den Baalspriestern, ab; noch heute führt der Berg den Namen Dschebel Mar Eljas. Der Karmel stellt einen stattlichen Gebirgszug von etwa 30 km Länge dar, der von Südosten her gegen die Küste vordringt, um als ein Vorgebirge auf der mehrfach erwähnten Landspitze bis hart ans Meer heranzurücken; er bildet in seinem Laufe eine Wasserscheide zwischen den zum Jordan und den zum Mittelmeer abströmenden Flüßchen. Der Name Karmel bezeichnet ebenso den gesamten Gebirgszug wie das Vorgebirge, doch ist wohl meist, wenn vom Karmel die Rede ist, das letztere gemeint. Längs des ganzen Gebirgszuges breitet sich im Norden die fruchtbare Ebene Jesreel aus, durch die jene große Heerstraße zwischen Megidcio und Taanach führte, die der Schauplatz zahlloser Kämpfe gewesen ist. Von Gideons und Sauls Zeiten bis zum vorigen Jahrhundert haben hier feindliche Heere miteinandere gerungen: Iraeliten und Midianiten, Philister und Syrier, Ägypter und Römer, Kreuzfahrer und Araber, Türken und Franzosen. Hier ist der Schauplatz des großen napoleonischen Sieges über die zehnfache türkische Übermacht (1799). Diese dem Karmel vorgelagerte Ebene wird der Länge nach von dem Kison durchflössen und entwässert, der sich schließlich unweit Haifa in den Meerbusen von Akka ergießt. Das Bett dieses Flüßchens vermag zur Regenzeit das Wasser nicht zu fassen, so daß Überschwemmungen eintreten, ■ daher werden die Dörfer nur an den höhern Stellen des Tales angelegt; in der regenlosen Zeit aber trocknet der Kison zum Teil aus, wodurch wiederum die Entstehung von fiebererregenden Sümpfen begünstigt wird. Hier wie auch anderswo im Lande ist also der Mangel jeglicher rationeller Wasserwirtschaft einer der Hauptgründe des wirtschaftlichen Verfalls einer ehemals blühenden Ebene. Wir erinnern an das durch seine Fruchtbarkeit berühmte Jordantal, zumal seinen südlichsten Teil, das einst, besonders zu Herodes' Zeiten, einen mächtigen Reichtum an Dattelpalmen und Zuckerrohr erzeugte, und das heute größtenteils ein ödes Gelände darstellt. Auch die gut bewässerte Ebene Jesreel ist von hervorragender Fruchtbarkeit. Aber während sie in alten Zeiten eine dichtbewohnte Kulturstätte war, ist sie heute zum großen Teil gar nicht angebaut. Weidende Beduinen ziehen über die verwahrlosten Flächen. Der Karmel selbst aber, der allnächtlich von Tau getränkt wird, behält während des ganzen Jahres sein grünes Gewand. Er trägt seinen Namen — denn Karmel bedeutet „Anpflanzung" — mit vollem Recht, auf dem ganzen Wege grüßen uns die prächtigen Bäume des Berges. Besteigen wir das Vorgebirge, indem wir von der deutschen Kolonie westwärts wandern. Bald geht es aufwärts, linker Hand das grüne Gebirge, geschmückt mit Ölbaum und Lorbeer, rechter Hand die Ebene mit ihren Feldern bis hin zum Meere. Der Weg ist nicht weit, schon nach 3 * Stunde haben wir das Kloster erreicht, das allerdings nur 170 m über dem Meere liegt, während die höchste Spitze des Vorgebirges nahezu 600 m hoch gelegen ist. Infolge der Kombination von Meer- und Gebirgsklima ist auch die Pflanzenwelt am Karmel recht mannigfaltig, namentlich an dem äußersten Ende des Gebirges ist die Flora überraschend schön. Lorbeer und Ölbaum, wie erwähnt, und allerlei bunte Blumen, zum Teil in leuchtenden Farben, schmücken den. untern Teil. Dann folgen in reichlicher Fülle wilde Obstbäume, zumal Mandel- und Granatbäume, Pinien, Zypressen und hoch oben Fichten und Eichen. Doch ist all das nur ein spärlicher Oberrest ehemaliger Fülle; wissen wir doch aus der Bibel, daß der Karmel einst von dichtem Hochwald bedeckt war. Die deutschen Kolonisten betreiben die Wiederaufforstung und haben schon mehrere Hektar Fichtenwald angelegt. Von der Höhe aus, in der sich das Karmeliterkloster befindet, eröf-net sich dem Auge ein wundervoller Rundblick. Doch ehe wir hie. im Umkreise Musterung halten, wenden wir uns dem Kloster selbst zu, das nicht nur wegen seiner das Terrain beherrschenden Lage und des hohen . Ansehens, dessen sich dieser Bau in Haifa wie im Auslande erfreut, sondern vor allem wegen seiner lehrreichen Geschichte unser Interesse in hohem Maße beansprucht" Es ist ein großes Bauwerk, das mancherlei Kunstschätze in seinem Innern birgt. Von einer Terrasse, die einen Rundblick gewährt, gelangt man in einen zum Teil schon auf dem . Felsen gelegenen Garten, der all die subtropischen Baumarten des Karmels in köstlicher Fülle enthält. Und mitten unter anmutigen Obstbäumen und Zypressen ein steinern Denkmal, in Form einer Pyramide, unter dem die 1799 hier gefallenen Franzosen ruhen. So wird man auf diesem herrlichen Stückchen Erde mitten in der- Anmut und Harmonie, die die Natur ausströmt, an das furchtbare Gemetzel erinnert, das hier um und in dem Pestspitafl — denn zu einem solchen war das Kloster umgewandelt worden — bei der Vertreibung der Franzosen durch die Türken stattfand. Das Kloster wurde 1180 von den Karmelitermönchen erbaut; dieser Orden, der seinen Ursprung auf den Propheten Elias zurückführt, wurde in Wirklichkeit von einem kalabrischen Kreuzfahrer Berthold begründet. Die folgende Geschichte des Klosters gibt Zeugnis dafür, welche Taten Begeisterungsfähigkeit und Liebe zum heiligen Lande auch da vollführen können, wo die notwendigen Geldmittel fehlen. 1799 war das „Pestspital" von den rasenden Türken zerstört worden. Da unternahm — ich erzähle das Folgende nach den Angaben . Frankls — Giovanni Batista, der einzige Mönch, der sich bei der Zerstörung des Klosters hatte retten können und nach Rom geflüchtet war, im Jahre 1819 die Wiederherstellung des Klosters. Er kam nach Haifa ohne Begleitung, ohne Geld. Als Abdalah Pascha von dem Plan des Mönches hörte, ließ er die Überreste des Klosters mit Pulver zersprengen, da er fürchtete, die Mönche könnten von hier aus der feindlichen Flotte — der griechische Aufstand war eben ausgebrochen — verräterische Signale geben. Unermüdlich war der Mönch für den Wiederaufbau tätig. 1826 erwirkte er persönlich in Konstantinopel einen Ferman zum Wiederaufbau des Klosters. Er eilte zum Karmel zurück, und zwischen Ruinen sitzend, entwarf er im Geiste und dann mit dem Reißblei den Plan eines großartigen Gebäudes, dessen Bau nach seiner Berechnung 400 000. Frcs. kosten , sollte. Nicht über 100 Frcs. besaß der „Schwärmer". Auf seinen Wanderungen zwischen Karmel - und Nazareth hatte er am Kison zwei verlassene Mühlen bemerkt, — sie in Stand setzen und mit dem Ertrage den Bau beginnen, war sein erster Gedanke. Er pachtete sie von ihrem Eigentümer, einem Drusen, der sie an einen Christen nicht verkaufen wollte, erhielt von einem befreundeten Mohammedaner ein kleines zinsloses Darlehen, und mit dem Ertrage der wiederhergestellten Mühlen begann er den Bau des Klosters. Nun reiste er durch die Länder Asiens, um bei den Glaubensgenossen Geld zu sammeln, mit dem er immer wieder auf den Karmel zurückkehrte, um weiter, zu bauen. Der Mönch war um diese Zeit bereits ein 60 jähriger Greis. Aber er ermüdete nicht, er ging nach Europa, zurück und sammelte in seinem Hute für den uralten heiligen Berg Karmel in Palästina. Und er kam ans Ziel: es gelang ihm, das großartige Werk zu vollenden! Heute ist das Kloster wohl das angesehenste, berühmteste und überragendste Bauwerk der Stadt Und die Moral: nicht die Gesellschaften, die über ungeheure Geldmittel verfügen, werden große und dauernde Erfolge erzielen oder auch nur die Keime zu Großem und Dauerndem pflanzen, sondern jene, die vielleicht mit wenig Geld, aber mit um so größerer Liebe und Hingebung (las; Werk betreiben werden. ... -