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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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^'r^il^'^rsa^'a?'«5^^ DIE^EELT HAIFA UND DER KARMEL Von Dr. Aron Sandler, Breslau (Schluß) In den Städten Palästinas, in denen die jüdischen Verhältnisse noch wenig erfreulich sind, bildet oft die Frage der Jugenderziehung einen Lichtpunkt Zunächst besteht in Haifaeine Knaben- und eine Mädchenschule der Alliance (195 Knaben^ 139 Mädchen), deren Etat, in Höhe von 11 000 Mark, sogar zur größern Hälfte von den Juden Haifas selbst gedeckt wird. Ferner aber ist am 1. April vorigen Jahres vom Hilfsverein der deutschen Juden auch in Haifa ein Kindergarten errichtet worden. Der segensreiche Einfluß dieser Kindergärten, die nun bereits in Jerusalem, Jaffa, Haifa, Beirut, Safed und Tiberias bestehen, ist ja hinlänglich bekannt Daß sie mitten in einer Bevölkerung, die zum Teil noch in tiefster Unkultur'steckt,' begründet worden sind, daß ihre Aufgabe die Pflege, Erziehung und Unterweisung gerade der Kleinsten, also -des bildsamsten und unverdorbensten Menschenmaterials, ist, daß sie an Stelle des Sprachbabel der Juden' Palästinas, des Gewirrs von 10 Golussprachen, das Hebräische als Muttersprache, als die Umgangssprache bei Spiel, Arbeit und Unterricht pflegen, — all das bedeutet eine radikale Sanierungsarbeit, deren Resultate die kommenden Generationen erweisen werden. Hier soll im Lande selbst die Kerrrruppe eines städtischen jüdischen Kulturelements geschaffen werden. In nicht zu ferner Zeit wird in. Haifa auch das jüdische Technikum erstehen, ein Produkt wahrhaft großzügiger und weitausschauender Auffassung von den Methoden, deren sich eine wirklich nutzbringende Tätigkeit für Palästina zu bedienen hat. Als Symptom betrachtet und den Methoden gegenübergestellt, die vor zwei bis drei Jahrzehnten bei den Palästinafreunden üblich waren, stellt sich dieses Projekt mit andern, ähnlich gearteten als ein Versuch dar, eine den Bedürfnissen der Zukunft entsprechende Basis zu schaffen, auf der sich ein neues, anders geartetes Leben der Juden Palästinas entwickeln soll, als ein Bruch mit der seit Jahrzehnten in Palästina beliebten Methode des Almosengebens, des Schlendrians, der reaktionären Kurzsichtigkeit der blinden Resignation. Wie das amerikanische Syrian Protestant College in Beirut, das nicht nur Syrien und Palästina, ^sondern den ganzen vordem Orient bis nach Persien hin mit Ärzten, Pharmazeuten, Philologen und höhern Handelsangestellten versieht und den Amerikaner i binnen wenigen Jahren einen Einfluß im Orient, speziell in Syrien verschafft hat, wie ihn andere Mächte durch jahrzehntelange wirtschaftliche Tätigkeit kaum zu erreichen vermocht, — so wird auch das jüdische Technikum in Haifa, das die Ingenieure und Techniker für ganz Palästina stellen soll, den jüdischen Einfluß im Lande mehren und so den Juden neben den kulturellen auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Ingenieure und Techniker aber wird das Land in wachsender Zahl brauchen, wenn sich bei steigender Kultur und Zivilisation der Straßen- und Brückenbau, die Wasserbautechnik, der Maschinenbau, die Montanindustrie, die Elektrotechnik usw. entwickeln werden. Die Wahl des Ortes war eine durchaus glückliche. Bei der-Bedeutung, die, wie wir gesehen, das Haifa der Zukunft erlangen wird, wird sich gerade hier ein Zentrum jüdischen Fleißes und Kulturschaffens entwickeln müssen, wenn anders-die Juden das ökonomische Obergewicht im Lande erreichen wollen. Es ist daher zu begrüßen, daß gerade Haifa in Würdigung der zukünftigen Verhältnisse Palästinas für das technische Institut in Aussicht" genommen ist, trotzdem die heutigen Juden des Ortes im wirtschaftlichen und sonstigen Kulturleben Palästinas eine recht untergeordnete Rolle spielen. Es mögen nur noch einige Zahlen über die heutige Handelsbedeutung Haifas angeführt werden. In den letzten Jahren, während des Baues der Hedschasbahn, ist der Import natürlich vorübergehend gestiegen, da fast das-ganze ^Baumaterial über Haifa eingeführt wurde. Der?£^&tl£iz^^&iSiiö^^^& Schiffsverkehr ist heute noch nicht sehr bedeutend (gegen 300 Dampf- und 1000 Segelschiffe). Die Ausfuhr in Höhe von 1 V2 bis 2 Millionen Frcs. erstreckt sich besonders — und hierin spielt Haifa eine gewisse Rolle — auf landwirtschaftliche Produkte Palästinas: Weizen, Olivenöl, Mais, Sesam. Die Angaben über den Import (Reis, Zucker, Kaffee usw.) sind sehr schwankend. Aber selbst die höchste Schätzung als richtig vorausgesetzt, kommt der Gesamthandel von Haifa nicht über 6 Millionen hinaus, was nur ein Drittel des Gesamthandels von Jaffa ausmacht. Sehr erfreulich ist, daß die schöne und zukunftsreiche Stadt zugleich auch eine der gesundesten des Landes ist. Auf dem Karmel vollends herrscht ein vorzügliches Klima, eine Art Kombination von Gebirgs- und Seeklima, die den Karmel nicht nur für einen angenehmen Sommeraufenthalt, sondern auch für Luftkuren bei chronisch Kranken uncl bei Genesenden geeignet macht. Es besteht hier bereits ein kleines deutsches Sanatorium. Ringsherum aber werden in den letzten Jahren immer mehr Villen erbaut, in denen reiche Palästinenser, Syrer und Ägypter vor dem heißen Sommerklima der Ebene Schutz suchen. Daher ist hier am Abhang des Karmels eine bedeutende Steigerung des Bodenwerts eingetreten. Ohne Zweifel wird sich gerade der Karmel später einer besondern Beliebtheit bei chronisch Kranken erfreuen, und ein jüdisches Sanatorium wird früher oder später dort erbaut werden müssen. Bei dem häufigen Vorkommen von chronischer Malaria im Lande, eines Zustandes, der nach übereinstimmender Ansicht der Ärzte durch.Luftwechsel und Aufenthalt in „gesunder" Luft auf das beste beeinflußt wird, wird sich dieser See- und Gebirgsaufenthalt in landschaftlich reizvoller Gegend großen Zuspruchs erfreuen. Nun bedenke man weiter, daß Haifa, wie überhaupt ganze Striche Palästinas, zum Aufenthalt für Tuberkulöse sehr geeignet ist; der deutsche Kliniker Liebermeister stellt Palästina in dieser Beziehung auf eine Stufe mit Ägypten. Wenn letzteres bisher bei weitem bevorzugt wird, so liegt das unter anderm an der wesentlich , höhern Zivilisation Ägyptens. Steht Palästina einmal auf höherm Kulturniveau, so wird sich der Strom der — übrigens meist reichen — Fremden, die in südlichen Breiten Heilung suchen, zum Teil nach Palästina ablenken lassen, um so mehr, als der Name dieses Landes in den Ohren der Welt einen trauten Klang hat. Und so wird neben den heilkräftigen Quellen von Tiberias und Hama gerade der Karmel ein Hauptanziehungspunkt für ruhe- und erholungsbedürftige Kranke werden. So deutet alles auf eine große Zukunft dieses Ortes hin. Wenn wir nun von der Schönheit Haifas sprechen, so kann sich das weniger auf einzelne Punkte der Stadt beziehen, als vielmehr auf das Gesamtbild, wie es sich dem Auge des Beschauers von erhöhten Punkten aus darbietet. Es ergeht uns hier nicht anders wie in vielen schönen Städten des Orients. Das Gesamtbild von der Vogelschau ist oft von bezaubernder Schönheit, im Innern und im einzelnen aber von enttäuschender Nüchternheit oft von großer Unsauberkeit und Häßlichkeit. Man braucht nur an das prächtige Bild zu erinnern, das das unkultivierte und schmutzige Tiberias in seiner Lage am Tiberiassee, überragt von Palmen, den Kuppeln der Moscheen und schlanken Minaretts, von der Höhe aus bietet Ja, selbst die bitterarmen Stadtviertel am Westrand des Goldenen Horns fügen sich wohltuend in jenes Gesamtbild der Stadt ein, das als das prächtigste von ganz Europa gepriesen wird. Hier in Haifa hat man immerhin auch an manchen Punkten innerhalb der Stadt schon einen herrlichen Rundblick. Betreten wir eines der reichern Häuser Haifas, die wie auch sonst im Orient groß und geräumig gebaut und mit Steinböden, vielen und großen Fenstern und Baikonen versehen sind, so überrascht uns nach jeder

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