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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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aber kein breites [lachen. Es liegt etwas Cieferes darin. Es ift eher die abgeklärte Betrachrungsweife eines nienfchen, der Dielleicht nicht viel von Philofophie weift, der nichtsdeftoweniger aber philofophifch lächelnd über den Dingen und Empfindungen fteht, für den das Leben nicht lieben, fondern felbftbewufctes Sein und dem die eigne Krankheit nur ein Etwas ift, über das er lieh mit der Leichtigkeit eines humoriffiienen Einfalls hinwegsetzt. Schalom Bleichem wandert feit einigen fahren in der Welt herum, aber er führt fein kleines Weltchen mit fich. Es ift ein enges, aber vollftändig hinreichendes Weltchen für einen lachenden Philofophen. Es ift die jüdifche Gaffe des Ghettos. Hier im Engen ift er einzig feftgewurze t; die Weite draufjen mit ihrem ffürmifchen Leben liebt er nicht und hafjt Tie auch nicht. Haffen kann er überhaupt nicht. Bei all feiner Belefenheit, ruffifchen Bildung, vielfeitigen Lebenserfahrungen und bei all dem, was er auf den vielen Reifen gefehen und gelernt hat, bleibt er immer der kleinftädtifche 3ude, mit der Freude am kleinen Späh und dem Sinn für einfache kleinftädtifche jüdifche hebensvorgänge. Und gerade diefe Eigentümlichkeit gibt feiner Kunft eine eigne, unnachahmliche Iloie. 3m Leben wie in der Kunft ein guter, kluger und lachender «i Ballon». Die 3agd nach dem Glück ift ihm übel bekommen. Furchtbar ift er gezwackt worden, und erft fpät hat er den Weg nach seinem «Kafrielowka« zurückgefunden. Ohne jedwede flbwechflungslust, merklich abgekühlt nach all den Kiews und Odeffas, jefct auch nach all den Berlins, Londons und üew Vorks, fieht er Kalrielowka fiiedsam wieder. Buch in nervi, bei Genua, wo der arme Dichter jefct Heilung nicht, ift er von der fltmofphäre feines Ghettos ganz umhaucht. Schon die Winzigkeit und Enge diefer Heimat, die Kleinheit und Befchränkung der in ihr vorkommenden üragödien laffen fie humoriftifch erfcheinen. Schalom Bleichem kennt weder den Zorn, noch die auf Stelzen einherfchreitende Begeifterun 3. Wozu loll man zürnen untf wofür foll man fich begeifrern? Wenn alles fo klein und armfe.ig? «Coiwie, der milchiger», ift ein Berditfchewer, aber ift er denn ein Berditfchewer? «Eigentlich»» ftammt er aus Smiela; am Ende hellt es fich heraus, dafj er '»eigentlich)' auch aus Smiela nicht ftammt. Was liegt denn am Ende daran? Und was liegt denn am Ende an allem? Das Leben ift fo fchön und fo klein; aber eigentlich ift es weder fchön noch klein, man weih am Ende gar nicht, woran man ift. nichts ift in abgezirkelte Formen eingezwänqf. Es ift ein Chaos, ein guter herzlicher Chaos. Leben und Leiden des Ghettos, Liebe und Haft, gefefcliche Befchränkungen und Ilahrungsforgen, Heiraten und Kinderzeugen, Gefchärte und Gefelligkeit, üeugierde und Kurzweil, Intelligenz und ITlaffe, — gewifj find all das momentan und für die Betreffenden fehr ernfte Dinge. So oft Schalom Hleichem über all diefe Dinge fchreibt, und noch beffer, deklamiert, intereffieren diefe Vorgänge den Lefer und mehr noch den Zuhörer augenblicklich fehr lebhaft; aber man empfindet es fchon während der Lektüre und während des Zuhörens, dafj all diefe Dinge am Ende uns doch gleichgültig fein müffen. Ulenachem ITlendel «handelt» und renommiert, renommiert und handelt; er fcheint fchon ülillionen zu befitzen, inzwifchen fehlt ihm noch das nötige Kleingeld für das erfte Frühfrück. 3ft er ein Lügner? nein. Sagt er die Wahrheit? Ruch nichtl Seine Frau fchreibt ihm fo mild und ernft, fo herzlich und warm z. Schick doch lieber einige Rubel für den Unterhalt der Familie. Hat fie recht? Vielleicht, — aber auch nicht ganz: Diese Widerfprüche find es, die den Humor erzeugen, diefe rührend komifche Wahrheit, dafj das Leben fo klein und doch fo groft, fo weisheitsvoll und doch fo dumm ift. Und im Grunde ift es nicht das Leben in Kafrielowka, das der Dichter Fchilderf. Es ift das Leben im allgemeinen. So ift es überall. Schalom Bleichem befifjt nicht die Brt zu abftrahieren und zu genera ifieren; er fchält nicht aus dem Einzelfall das Uypifche heraus, er befchörrigt und entfchuldigt nicht. Er wäre auch kein Humorift, wenn er diefe Art befähe. Er fchildert nur den Einzelfall, das Abstrahieren und Generaliiieren überlädt er unfereinem, die wir nicht fein Calent befifcen und desha.b auch in Allgemeinheiten uns bewegen müffen. Schalom Bleichem hat eine Reihe von Vorftellungskreifen, Situationen und Empfindungen, die er bevorzugt und die er mit Sicherheit überall findet, für die er auch mit Sicherheit bei uns immer eine lüftige Wirkung erzielt. Er fpricht auch gar nicht felbff und moralifiert noch weniger. Er läfjt die andern fprechen. mit einer wahren Wolluit veifenkt er fich in das Charakteriftifche. Er gibt die jüdifche Denk- und Busdrucksweife mit einer Creue wieder, die das Original überragt; er verfteht es, Pokale und Silben zu wählen, die die feinften Seelenregungen und die fubtilfte Situationskomik in einer Weife Schildern, die die weitfchweif endften Befchreibungen in jeder Beziehung übertrifft. Er liebt veraltete Redeflofkeln aus dem Weiberteitfch, Provinzionalismen und wolhynifche Wendungen, aus dem Krämerjargon des Ularkfes; es ift ihm gleich, wo er Worte und Wendungen hernimmt; fie müffen nur charakteriftif ch für den Gegenftand und für den Sprecher fein. Schalom Bleichem ift der eigentliche Schriftfteller des 3iddifch. Was flbramowitfch gefchrieben hat, kann vielleicnt nicht ebenfoguf, aber doch ungefähr mit derfelben Bedeutung in einer andern Sprache gefchrieben werden. Was Perez gefchrieben hat, kann beftimmt in einer andern Sprache ebenfogut gefchrieben werden. Schalom Bleichem hingegen ift der reinfte Repräfentant des Genres. Er hat aus dem 3iddifch ein gefügiges Werkzeug gemacht, das er wie kein andrer nach feiner Art zu handhaben vermag. Diefe eigenartige ülaffenfprache liefert ihm alle mittel für feine Kunlt Die Krone feiner Kunft ift der ITlonolog. So fpricht ein kleinftädtifcher Sude, fo muh er fprechen, wenn er die Synthefe feiner Eigenart verkörpert, nicht alles, was Schalom Bleichem gefchrieben hat, ift wertvoll und gleichwertig. Befonders feinen frühern arbeiten muh man heute recht kühl und fkeptifch gegenüberftehen. Buch «Stempeniu»», trofcdem man es fo leicht in andere Sprachen zu übertragen vermag, und trofcdem die jfoerfefcung keinen üblen Eindruck macht, ja auch mit 3ntereffe gelefen wird, kennzeichnet nicht Siialom Bleichems Ualent. Es find mittelmäßige Erzählungen und Schilderungen des Lebens. Das Reiffte und Rundefte von dem, was er gefchaffen hat, ift das Feuilleton und der Hlonolog. Hier reihen fich Schilderung an Schilderung, wie Perlen an einer Schnur. Und all diefe Dinge find voll groher Grazie. Die bizarren Übertreibungen und Verrenkungen ftören nicht den Eindruck des Gefchmacks und der Gefälligkeit. Wir können viele Schriffteller anerkennen, fchäfcen, ja auch verehren, aber lieben können wir nur wenige. Und zu diefen wenigen gehört Schalom Bleichem. : - ■ - . IL S.

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