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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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billig denkender Mensch kann. uns das verargen. — Aber kann die jüdische Religion wirklich von allem nationalen Gehalt befreit werden? Ist eine Zukunft des religiösen Judentums bei schwindendem nationalem Bewußtsein und Leben überhaupt denkbar? Der Kundige,. und wer die jüdische Geschichte der letzten hundert Jahre befragt, weiß, daß beide Fragen verneint werden müssen. Das religiöse Judentum kann von seiner historischen Wurzel, dem nationalen Judentum, nicht losgelöst werden, ohne daß es verkümmert und verdorrt. Das aber drängt immer mehr zu einer Lösung des Judenproblems, wie sie der Zionismus anstrebt. Der Zionismus will ein gesundes, volles .nationales Leben schaffen, und damit wird er auch dem religiösen Judentum die Entfaltungsmöglichkeit bieten. So wird man es verstehen, wenn die heranwachsende Theologengeneration, die sich von den aus der Emanzipationszeit vererbten Vorurteilen freigemacht hat, überwiegend zum Zionismus neigt. Weiter! Das Einleben in die uns umgebende Kultur hat die Tendenz zur innern Auflösung eines besondern religiösen und kulturellen Judentums mit unverkennbarer Deutlichkeit hervortreten lassen. Was es heute noch an Judentum in Westeuropa gibt, das lebt in der Hauptsache von des Antisemitismus Gnaden. Im Grunde aber ist die Erstarkung des neuesten Judentums nicht einmal religiöser Natur, sie bedeutet vielmehr weit, weit überwiegend nur eine Erstarkung des jüdischen Stammes- und Zusammengehörigkeitsgefühls. Die Theologen sollen sich da nicht selber Sand in die Augen streuen. Man achte z. B. darauf, wieviel und wie gediegene religiöse Bildung unsere religiösen Judenblätter verzapfen! Bei weitem das Meiste, was in diesen Blättern zu lesen ist, setzt kein religiöses Interesse, sondern nur jüdisches Stammesgefühl voraus. Man forsche darnach, Vie viele bei uns religiöse Schriften lesen! Man forsche nach der religiösen Bildung selbst der Vorsteher und Repräsentanten in den Grpßgemeinden! Bei uns schreibt man über das „Wesen des Judentums" — aus apologetischem Interesse. Einer von denen, die über das Wesen des Judentums ein ganz brauchbares Buch schrieben, klagte sehr beweglich: Unsere Zeit begehrt die guten Bücher, aber sie liest sie nicht... Die Perspektive für die Zukunft ist also: Absterben aller besondern Kultur, Schwinden alles eignen geistigen Gehalts des Judentums — bei starkem jüdischem Stammesgefühl. Daß dieses Gefühl nicht stirbt, dafür sorgt der Antisemitismus und die Not der Zeiten, dafür sorgt auch die innere und äußere Festigkeit des jüdischen Rassentypus, die eine durchgehende gesellschaftliche Mengung mit der Umgebung erschwert. Wir haben also die Aussicht, eine Gemeinschaft ohne gemeinsame geistige Kulturgüter zu werden. Allzu weit von diesem rühmlichen Ziele sind wir nicht mehr. Ist das aber ein auf die Dauer denkbarer Zustand? Und glaubt man, daß die Welt ihn sich gefallen lassen werde? Und doch! wie wollen wir nach den bisher gemachten Erfahrungen gemeinsame Kulturgüter haben und behalten, ohne daß wir uns ein neues nationales. Leben schaffen! Weiter! Die Stärkung des jüdischen Stammesgefühls, ursprünglich aus der Not der Zeiten geboren, suchte bald Nahrung in der Selbsterkenntnis des Judentums. Wir erkannten die hohe kulturgeschichtliche Bedeutung und Kraft des Judentums, wir hörten von dem hohen Wert der religiösen Wahrheiten, die es der Welt geschenkt hatte. Man fing also an,; stärker-auf die Erziehung der Jugend in jüdischem Geiste zu. dringen. Das Interesse am Religionsunterricht wurde immer lebendiger. Der jüdische Religionsunterricht kann aber gar nicht anders, als, dem ganzen nationalen-Charakter des Judentums entsprechend, durch die Betrachtung unserer ruhmvollen Vergangenheit von selber das nationale Gefühl anregen. Die besten und begabtesten Religionsschüler werden in der Regel Monisten. Diese Umsetzung des erwachten nationalen Gefühls in Zionismus geht beim Stand der Dinge ganz von selber vor sich. Weiter! Auch wir Zionisteii kämpfen für die Gleichberechtigung. Unser nationales Bekenntnis kann uns: daran nicht hindern. Dieses Bekenntnis steht in keinerlei Widerspruch mit der Staatsidee. Der umgekehrte Standpunkt ist moralisch unhaltbar. Die treue Hingebung an das Vaterland kann uns nicht von der Pflicht gegen unser angestammtes Volkstum, und seine Zukunft entbinden. Allein so energisch wir auch den Kampf um die Gleichberechtigung mitkämpfen, um möglichst viel zu erreichen, wir vermögen uns nicht darüber zu täuschen, daß wir nicht alles erreichen werden. Diese Hoffnung aber haben unsere Gegner noch nicht aufgegeben. Zwar daß in Rußland — und dort wohnt fast die Hälfte aller Juden — die Verwirklichung dieser Hoffnung in irgend absehbarer Zeit so gut wie ausgeschlossen ist, das wird auch ihnen immer klarer. Aber in Deutschland? Ob uns /hier eine Aussicht winkt? Bei der Stimmung der Bevölkerung, die zuletzt ausschlaggebend bleibt und in dem stark abweichenden Rasseninstinkt^ dauernd Nahrung findet? Jeder Tag, den wir vergeblich hoffen, muß die Chancen des Zionismus erhöhen. Daß unsere Freude am ehernen Gang der Dinge in diesem Punkte keine reine ist, das brauchen wir nicht erst zu sagen, obwohl wir freudig auf alle Emanzipation verzichten würden, wenn dadurch die nationale Wiedergeburt im heiligen Lande ausgeschlossen würde. Aber wo gibt es eine ganz reine Freude auf dieser Welt? Weiter! Unsere großen" Hilfsorganisationen, die wir für unsere leidenden und wandernden Brüder geschaffen haben, sind, wie wir längst wissen, bei aller Anerkennung ihrer dankenswerten Leistungen doch völlig unfähig, das Problem der'Judenwanderung wirklich zu lösen. Amerika und England verschließen sich gerade den Ärmsten unter den Armen. Aber nicht nur dies! Die Ausgewanderten bleiben auch im neuen Lande zum größten Teil im Elend, konzentrieren sich trotz aller Gegenmaßregeln In einigen großen Städten und verschleppen den Antisemitismus in die freien Länder. Es war daher nur konsequent, daß eine jüdische Notabelnversammlung vor kurzem beschlossen hat, eine umfassende Kolonisationsorganisation ins Leben zu rufen, mit der besondern Aufgabe, den Orient .für eine Massen-, kolonisation ins Auge zu fassen. Die politische Umwälzung in der Türkei kam da gerade, im rechten Augenblick. Und daß unterdessen in Palästina das Hebräische sich als Umgangssprache auszubreiten begonnen hat, wie von hervorragender nichtzionistischer Seite bestätigt worden ist* erscheint für die .weitere Entwicklung der Dinge auch: nicht unerheblich. Ob die neue Organisation auch wirklich in Aktion treten und lohnende Arbeit verrichten wird? Wir wollen es hoffen. Sicher ist nur, daß diese.-Arbeit den Nationalismus, mächtig fördern müßte.:. Sicber-ust es auch,* daß diese

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