Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 48 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316345--51301-3378927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
führen versucht; der Zionsgeda&ike,-gleichviel von diesen oder jenen vertreten, hat' eine jüdische Kolonisation geschaffen. Der trostlosen Öde ließ der Zionismus neues Leben-entströmen. Und dieses sinnenfällige Tun, dieses neue Aufleben eines Landes nach zweitausendjähriger Verwahrlosung und dieser mächtige Drang, der jetzt die jüdische Brust in allen Teilen der bewohnten Erde schwellt —, ist das nicht das größte der religiösen Wunder? Das war eben das Geheimnis des alten Judentums: diesem Ursprünge der Lebenswahrheit entstieg seine Überlebungsgr,öße. Weil es sachlicher Rückhalt hatte, war es so geistig. Und das ist jauch das Merkmal des Zionismus. N. S. Der eherne üang Von Rabbiner Dr. Max Joseph-Stolp Gewiß, jeder von uns möchte gern noch ein gutes Stück des zionistischen Endziels verwirklicht sehen. Und zwar möglichst bald. Aber die Dinge gehen ihren ehernen Gang. Wir müssen Geduld haben. Wer nicht glaubt, mag oft bittere Stunden durchmachen. Hat er die historische Notwendigkeit des Zionismus begriffen, dann arbeitet er mit persönlichem Verzicht und mit Entsagung für die Zukunft seines "Volkes. Das ist schön und . edel, aber für den, den es angeht, nicht; gerade herzerfreuend. Nicht gar zu viele, können sich unter kraftvollem, unermüdlichem Schaffen für das große, ferne Ziel zu solcher Resignation entschließen. Daher die Müdigkeit mancher Zionisten in den letzten Jahren. Wer da glaubt, der wird nicht müde. Es klingt so wenig modern, aber wir müssen es doch sagen: den Weg und die Wege zum Ziele kennt nur Gott. Welche Wege Gott geht, das können wir im voraus nicht wissen. Wir müssen froh sein, wenn wir sie hintennach erkennen. Gottes Antlitz kann der Mensch nicht schauen, nur sein Rücken kann gesehen werden; bei dem unentwirrbaren Durcheinander in allem geschichtlichen Werden, im Keimen und Wachsen jeder großen, komplizierten Bewegung erschien es uns stets so über-, aus kindlich, zu glauben, ein Mensch oder viele, und seien sie noch so schaffensmächtig, könnten den Dingen ihre Richtung geben. Auch bei den besten Werken und der wahrsten Erkenntnis reichen wir mit unserer Macht nicht allzuweit. Wir können nur den richtigen Weg für uns zu erkennen, in jedem Augenblick unsere Pflicht zu tun bemüht sein, das übrige müssen wir der Vorsehung überlassen. Immerhin 1 Eine Freude können wir Zionisten alle haben, ob wir glauben oder nicht glauben. Oder müssen wir nicht oft herzlich lachen, wenn wir etwas genauer auf den ehernen Gang achten, den die Dinge in unserm lieben Judentum gehen? Es geht für unsere Ungeduld _ und für unsere Sehnsucht etwas sehr langsam vorwärts, gewiß! Aber es geht doch Vorwärts, immer vorwärts, unserm großen Ziele entgegen! Da gab es ein Sichsträuben und Wehren mit Händen und. Füßen: aber immer enger und enger zieht das Netz sich zusammen. ' Schon von manchem, der zuerst der zionistischen Bewegung fremd oder gar feindlich gegenüberstand, gilt das Wort: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin!" Und auch ein anderes Wort wird leider Gottes Wahrheit werden: Volentem fata' du cunt,; nolentem trahunt. Das anfängliche ganze Nein-vklirig^> heute schon moderato, bald wird es piano, und endlich nur noch pianissimo klingen. Das halbe Ja aber scheint mehr und mehr dem Mond im ersten und zweiten Viertel gleichen zu wollen: da geht es crescendo. Der Lauf der Dinge sorgt schon dafür, daß man mit der zionistischen Idee immer vertrauter wird, und so wächst im nähern Umgang die Sympathie. Wenn wir gezwungenermaßen mit einem Menschen häufig zusammentreffen, dann pflegt - sich ihm unser Herz mehr und mehr zu erschließen, auch wenn wir anfangs nur mäßige Sympathie für ihn empfunden haben. Doch man mißverstehe uns nicht! Wir wollen nicht spotten. Wir kennen die Hindernisse auf dem Wege zum Zionismus und verstehen unsere Gegner. Nur die Freude an dem ehernen Gang der Dinge soll man uns nicht mißgönnen. Sie ist ohnedies nicht ganz so hell ~ und so rein, diese Freude, wie wir es ersehnt hatten. Wer von uns hätte nicht gewünscht, daß die jüdische Renaissance, wir sagen nicht rascher, aber schöner, strahlender sich vollzogen hätte, ohne die Triebkraft negativer Ausgangspunkte, mit mehr Freiwilligkeit und Begeisterung in den führenden Kreisen und in den breitern Schichten unseres Volkes! Aber lassen wir das! Die Bitterkeit, die naturgemäß im ersten Kampfe oft hervortrat, ist nun vorüber. ■ Wir verlangen nach Verbindung, wenn möglich nach Zusammenschluß. Von mancher Seite ist dieses Verlangen vielleicht sogar etwas zu heiß und zu leidenschaftlich. Man läßt dort lockende Friedensschalmeien ertönen. Bei aller, Friedfertigkeit und bei aller Freundschaft werden wir nie aus den Augen verlieren dürfen, was wir eigentlich wollen. Wir wollen die geistige und moralische, wir wollen die kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes!. Das soll man nie vergessen! Steht das Fundament zu dem Neubau, den wir errichten wollen, auf dem sumpfigen Boden von Kompromissen, dann wird der Schwamm in dem darüber aufgeführten Hause nicht ausbleiben. Zum mindesten werden Generationen an den Schäden herumzuflicken und herumzubessern haben. Die nationale Erziehung im heiligen Lande darf beim Zusammenarbeiten nicht gefährdet werden. Doch wir kommen von der Sache ab. Wir sagten, die Entwicklung der Dinge dränge mit jedem neuen Tage mehr zum Zionismus hin. Der Zionismus ist das Zentrum, zu dem alle lebendigen, keimfcräftigen Regungen im gegenwärtigen Judentum von allen Seiten her wie Radien hinstreben. Wir wollen hier nur auf einige dieser Radien in aller Kürze hinweisen. Zu einer innern, völligen Verschmelzung der zerstreuten Juden mit den Völkern, in deren Mitte sie wohnen, ist die restlose Abstreifung des nationalen Charakters des Judentums zweifellos erforderlich. Ob das allerdings ausreicht, ist noch sehr fraglich. Allein die Entnationalisierung des Judentums wurde von draußen vielfach gefordert, und die gebildeten Juden bemühten sich mehr und mehr, diese Forderung zu erfüllen. Fehlte nur noch der Nachweis für die weitere Existenzberechtigung des. Judentums. Denn wegdekretieren konnte man das Judentum nicht. Auch mochten die meisten nicht an ein völliges Verschwinden desselben denken. So entstand die mosaische Konfession und die etwas dehnbarere und vornehmere israelitische Religionsgemeinschaft. Unsere -religiöse Oberzeugung wollen und dürfen wir festhalten. Kein anständig und