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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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daß seine frohe Lebensstimmung getrübt, daß er zwischen der Fettsucht eines Materialismus und der Dürre abgezogener Begriffe und leerer Denkhülsen hin- und hergeschleüderf worden ist„ — das war die „Zerstörung"! Nur ein Trieb, der sich nicht täuschen ließ, wirkte im „Goluth"<. weiter: der. Hunger. - Der einzige, den man nicht mit Allegorien-abfinden kann. Und deshalb artete dieser bis zu einem Materialismus aus. Alle andern Triebe haben durch die scheinbare Unmöglichkeit, befriedigt zu werden, Vorstellungen ohne sachlichen Rückhalt an den Tag gefördert. In allen Ecken des Goluth blühten Metaphern auf, funkelten die Augen von Phantasiepersorien; alles Tote lebte, alles Wirkliche verschwand und machte Nichtigkeiten Platz. Und je mehr Geister aufkamen, desto _ geistloser blickte man die Welt an, denn durch das Übernatürliche wurde die Natur nicht erklärt, durch das Übersinnliche wurden die Rätsel des Sinnfälligen nicht gelöst. Die Überlieferungen waren klar und einfach, in den nationalen Erinnerungen strahlte ein natürlicher Sinn auf; aber um sich schlecht und recht in einer ganz anders gearteten Welt zurechtzufinden, begann man sich auf Gleichniskrücken durchs Dasein zu bewegen, und man wurde gewohnt, am Richtigen und Gegenständlichen yorüberzugleiten. Der Trieb, die Wahrheit durch klares Denken zu ergreifen, der naturverwandte Genius unseres Stammes wurde in Kasuistik und Symbolik erstickt. Keinem Gegenstand unseres Lebens und unserer Geschichte wurde das Umsetzen in eine Allegorie erspart. Und haben die ersten glaubensfesten Epochen "durch das Allegorisieren wenigstens den religiösen Sinn kräftig angeregt, so tritt in neuerer Zeit auch diese. Wirkung nicht mehr zutage. Denn, wenn das assimitatorische Klügeln daran geht. Allegorien zu erfinden, so büßen diese meist ihren poetischen Charakter ein und arten zu einer öden Phraseologie aus. Von diesem Geschick wurde auch Palästina betroffen, Es bekam einen Adelsbrief, vom Glauben ausgestellt. Seine Würde und Vornehmheit wurden anerkannt, aber ein Mytenkranz legte sich darauf, der es schier erdrückte. Die weihevollen Benennungen und die zärtlichen Kosennamen mehrten sich: das verheißene, das heilige, das geliebte Land, das Land der Herrlichkeit, der Pracht, der Ahnen, der Ewigkeiten — alles was der Sprachschatz an hochgestimmten Bezeichnungen besitzt, das ganze Füllhorn lobhudelnder Worte wurde auf das Land ausgeschüttet, aber so beräuchert wurde es zu einer Abgezogenheit, welche aller anschaulichen Elemente entriet. War diese Auffassung ein Zug der jüdischen Denkweise überhaupt? Nein! Der hebräische Genius neigte nie zu hohlen Vorstellungen. Nur die Gottesidee war geistig vollkommen, aber die Welt durfte nicht anders als konkret und das Leben nicht anders als praktisch und vernunftgerecht aufgefaßt werden. War das ja der Scheideweg, an dem das nationale, wurzelfeste und bodenständige Judentum mit jener neuen Lehre nicht übereinstimmen konnte, die ein Reich, welches nicht von dieser Welt sei, gründen wollte! Entsprach diese Art des Phantasiedenkens, dieser Landkultus ohne Land den alten Überlieferungen?- Weit gefehlt! Die Geschichte Israels drehte sich -nicht um einen .Begriff ohne sachlichen Inhalt, sondern um eine wirkliche Stätte mit bodenplastischen Verhältnissen; diese Stätte war der Gegenstand der jüdischen Gesetzgebung mit. ihrem Jubel- und Schemittajahren, sie war das Objekt der jüdischen Naturpoesie, um sie .vergoß ~ das Volk sein edelstes Blut! Oder vielleicht war diesei; Hang'' zu Einbildungen religiöser; Natur?,,; , Aiich' ein : großer Irrtum! Hat ja die Religion die Blesiedeliing . des Landes als ein Gebot •aufgestellt u4ö: wurde ja das Höchste, zu dem jede Religion sieh empbrring^: die Erlösung, nicht wie bei andern Völkern an die Sütrne oder das Seligwerden, sondern an die" Rückkehr^näch dem Lande geknüpft. , - *• Palästina als Vorstellungund gegenstandslose Metapher war weder national-psychologisch,, noch historisch oder religiös gerechtfertigt; eswarbloßdieZeCT-und Mißgestalt, . in der sich die Ohnmacht des Goluth von ihrer eigenen dürftigen Phantasie foppen ließ. Die Virtuosität der Selbsttäuschung, hat einen Prozeß vom konkreten zum begrifflichen Denken gefördert und eine muskellose Sippe unfaßlicher und unbegreiflicher Objekte, die in der Tat noch existieren und; leben wollen, wie das jüdische Volkstum, die hebräische Sprache, in Symbole, umgewandelt, die, weil alles Sinnliche, an ihnen verneint wird, nicht mehr hinderlich sein können. Man vergaß b,l.ps, daß wenn etwas so ausgeglättetwifd, daß es aufhört sinnlich zu sein, es überhaupt abgetan ist. . Deshalb ist der Zionismus eine Rückkehr zur Wahrheit, zum Formbildungs- und Gestalfungsdrang, zur Naturfrische und Hellfarbigkeit, zu sinnlich gedächten Besonderheiten und konkreten Verhärtnissen. Der Ziohisr mus setzt die Allegorien in Sinnenfälliges um und strebt aus der begrifflichen Dürre zu vernünftiger Selbstbesinnung heraus. Palästina ist für uns kein abstrakter Begriff, der die Gemüter beherrschen soll, sondern ein; Land, das bebaut und besiedelt, von uns bebaut7 und -' besiedelt werden muß. Wir haben gesehen, zu welchen Absurditäten die hohle Symbolik dürch ihre phraseologischen Gestaltungen führt. Zunächst macht man das geliebte Objekt zu einem Symbol, dann gerät das Symbol in die Reihe elastischer Begriffe, bis es zuletzt dem Bewußtsein ganz entrückt wird. Durch Übersetzungen, Umschreibungen, Täuschungen und Abgezogenheiten, durch das Überhandnehmen der Metapher yrird unsere ganze Sonderexistenz zum Nachklang einer Mythe und dann wird auch diese Mythe durch das konkurrierende Leben mit all seinen Machtmitteln aus dem Felde geschlagen. Der Zionismus aber nahm die „Mythe* wieder auf und machte sie zu einem Stück Leben. , Es war ein grausamer Scherz, daß man Zion zu einem Gipfelstein einer mystischen oder homiletischen Begriffspyramide gemacht hat.. Mari wollte .uns einreden, es stände unter unserer Würde, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und uns so zu erhalten, - wie sich andere erhalten. Wir müßten Allerweltsmissiönäre. sein, im Weltäther müßten wir schweben —, das fordere das Bewußtsein unsrer Erhabenheit. Es war aber nur, das Bewußtsein unserer Verlegenheit. Der Zionismus ging daran, den unter ünsern Füßen weggespülten Boden wiederzugewinnen und weil er so konkret handelt, hat < er mehr Poesie und mehr Symbolik an den Tag ge-/ fördert als die hohlen Phantasiewesen der Mystik oder der Assimilation. *••' Den richtigsten Gradmesser für den Wert der Systeme bilden die Tatsachen. Was haben andere Ideenrichtungen .und was hat der Zionismus aus Palästina, gemacht? Der heiligsprechende, salbungsvolle ÄberV glaube hat ein armseliges, überfrommes Ghetto,. die Assimilation hat fremde Kultusmuster künstU^'-.einzurv.

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