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Die Welt · 1908-12-04 · 48 (4.12.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6\# ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIL JAHRG. KÖLN, 4. Dezember 1908 pnnb D"nn'e< ibDS*"' No. 48. PALÄSTINA Das jüdische -Volk war eine Organisation, ein Gemeinwesen, eine Kollektivität, wie jedes andere. Und so lange es kein Ahasver der Lüfte war, gab es sich über sein menschliches Leben und seine Stellung im Natufhaushalte keinen Täuschungen hin. Es faßte die ' Dinge ganz einfach an, ohne Verknotungen mystischer Gedanken, mit gesundem, vernünftigem Sinn. Es ent-. : behrte. nicht der anmutenden Jugendfrische der Natür- Ü lichkeit und trug keinen senilen Charakter. Es schwebte nicht in einer unbegreiflichen Geistigkeit außerhalb der : Natur. Seine Ideale schimmerten im Leben; die Gegenstände wurden so aufgefaßt, wie sie wirklich sind. Nichts ist realistischer als die Bibel. In ihr atmet eine Poesie, eine Fülle zarter und sinniger, grundlegender und ewiger Ideen, aber sie befaßt sich mit konkreten Dingen, sie leitet und durchleuchtet das Leben und hat für das. Nachdasein nur geringe Andeutungen. Sie zwängt nicht den menschlichen Geist in das Joch der Dogmen; sie stellt für die nationale Selbsterhaltung und Fortpflanzung Gesetze auf, die als Lebensregeln gewahrt werden müssen. Alles bezieht sich auf reale Verhältnisse: das Land ist ein wirkliches Land, und die Menschen sind lebende, wirkliche Menschen. Der . Erwerb, der Besitz, die Arbeit, die gesellschaftlichen Einrichtungen wurden in den Kreis einer* höhern Ordnung eingeführt. Das Leben sollte verbessert und ge^ ' adelt werden, aber es sollte das menschliche Leben bleiben. Nirgends kam die Naturpoesie, die Zusammengehörigkeit des Volkes mit seiner Siedelstätte, der WirkliQhkeitssinn mehr zum Ausdruck als in der jüdischen Vorsteilungswelt. Das war der Grundzug. des Judentums. Deshalb widersetzte^ es sich der weltfremden Gefühlsduselei des Himmelsbürgertums, die in seiner Mitte von einer seiner Sekten großgezogen worden ist bis sie zu einer Spaltung geführt hat. Die Verhimmelung und das Aufgehen ins allgemeine, die engelgleiche Moral, die der' Einbildung entflatterte, man könne mit einemmal alle Menschen vereinigen und ihre Glückshoffnungen in das Himmelreich stellen, wo ihnen die Wonnen blühen sollen, fanden bei dem praktisch angelegten jüdischen Volk keinen Anklang, nicht weil es diese Ziele gering einsehätzte, — waren es ja auch seine Endzieler — sondern weil es diesen Weg der Allegorien nicht einschlagen wollte. Die Großwirtschaft der Liebe, für die man die eigne Existenz aufgeben und die Gesetzeüber den Haufen werfen sollte, kam ihm zu illusorisch vor. Man schalt es als verstockt und engherzig; in: der Tat war es nur menschlich, bescheiden und weise. Es wollte bis zu jenem „Ende der Tage", das seine Propheten herbeisehnten, seine kleine Wirtschaft einermusterhaften Gesittung und eines gesunden Gemeinwesens erhalten. Daß manches Altgold seiner pro-, phetischen Weissagungen in den Bestrebungen" der andern schimmert, mochte ihm nicht unbekannt sein, aber für .sich hielt es an der Oberzeugung fest, die Unzerstörbarkeit der lebenspendenden Ursache seiner. Existenz sei in seinem Lande und in seiner Lebenslehre gegeben. Lebendig, gesund und aufrecht erhielt, sich das jüdische Volk, solange, es Boden unter seinen Füßen hatte. Notbedrängt glaubte es an eine Erlösung; aber wie tief gedacht und wie edel empfunden war dieser Glaube! Es war die Erlösung durch den Bodenbesitz, nicht das Inkognito, sondern die kenntliche Eigenart, nicht das Flattern in den Wolken, sondern die freie Bodenständigkeit! Der unverdorbene Volkssinn kannte nicht das haltlose Übersinnliche; es wollte seine Heimstätte haben, und es sehnte sich darnach,, daß ihm das Antlitz der Erde lächle. In dieser Geistesverfassunghat das jüdische Volk alles Große geschaffen, was es für sich und die Menschheit überhaupt geschaffen hat.. Wenn wir den Geist des jüdischen Volkes erkennen wollen, wie er in seiner Natürlichkeit war, so müssen wir ihn im Rahmen jener normalen Existenz suchen.. Der Verlust des Landes wurde für die ganze Geistesentwicklung unseres Volkes wahrhaft verhängnisvoll. JDas Stoffliche ist vom Geistlichen, das Natürliche vom Übernatürlichen verdrängt worden. Die Spinnerin- Phantasie hat unsere ganze Naturbetrachtung in ein Gewebe von Vergleichen eingehüllt, und die so Belehrten mußten es bei dieser lückenhaften Weltanschauung bewenden lassen. Nicht nur, daß das jüdische; Volk heimatlos umherirrt, sondern daß der jüdische- Geist durch den Zwang der Verhältnisse der Plastik ureigner Lebenswirklichkeiten entrückt worden ist, ■ v 1*

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