Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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20 übermäßigen Dezentralisation. "Es ist aber ein ungesunder Zustand, daß man einerseits innerhalb der gesamtösterreichischen Organisation das Prinzip der Autonomie der Distrikte und Gaue zum Durchbruch kommen läßt, indes in Wien selbst, ohne Rücksicht auf die territoriale Erstreckung der einundzwanzig Bezirke, straffem Zentralismus huldigt. Der Zentralverein kann unbeschadet der Einheitlichkeit der Aktion Einzel- und Bezirksvereine, wie sie einmal bereits existierten, gründen. Sie könnten ^Sammelpunkte für Hunderte und Tausende von zionistischen Bürgern werden, die bei Wahlen und andern Arbeiten, die eine Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte erheischen, eine große Werbekraft besitzen würden. Die Bürgerorganisationen würden nicht nur einige Wochen vor der Wahl, sondern im täglichen Verkehr mit den Schichten der jüdischen Bevölkerung Fühlung haben, die für den zionistischen Gedanken gewonnen werden können. Bezirksvereine allein können auch die Verbindung zwischen der Leitung und den auf einem gewaltigen Gebiet zerstreuten Zionisten herstellen, die eine Vorbedingung kontinuierlicher Arbeit ist. Sollte das mißglückte Wahlergebnis zu einer durchgreifenden und heilsamen Reorganisation führen, so wird es nach zwei Jahren nicht schwer fallen, die Scharte auszuwetzen. Rücktritt Dr. v. Uriels Der Chef der militärärztlichen Verwaltung; Generalstabsarzt Dr. v. Uriel tritt zurück. Er war ein konsequenter_Judenfeind im Amt und verdrängte systematisch die jüdischen Ärzte aus der Armee. Seine Tätigkeit war oft Gegenstand von Interpellationen des Abg. Dr. Gabel im Reichsrat. An seine Stelle tritt Dr. Mirdäz. Eine Kursänderung ist kaum zu erwarten. I Lektor Friedmann ~ S> *VS£-S ~'«£«Sä5?^ — No.47 - DIE^ELT ein Zeugnis mit ausgezeichnetem Erfolg erhielt. Mit diesem Dokument und mehreren Rabbinerzeugnissen ausgerüstet, begab sich Friedmann nach Wien. In Mannheimer fand der junge Gelehrte einen Protektor, der väterlich für ihn sorgte. Mit einem Heißhunger stürzte sich nun Friedmann auf das bis dahin ihm unbekannte Gebiet der modernen Wissenschaften. Klassische Philosophie, Physik, "Mathematik und Philosophie, all das hörte und studierte Friedmann an der Wiener Universität, an welcher er als außerordentlicher Hörer inskribiert war. Er vernachlässigte jedoch dabei seine talmudischen Studien nicht, vielmehr reifte in ihm jetzt der Entschluß, den „Sifre" zu edieren. Jellinek, der gar bald Friedmanns Kraft erkannte, stellte ihn als Leiter in dem. soeben ins Leben gerufenen Beth Hamidrasch an. Hier beginnt die eigentliche Wirksamkeit Friedmanns. Durch sein gediegenes Wissen und seine ausgezeichnete Vortragsweise zog Friedmann die Leute förmlich in. das Beth Hamidrasch. In erster Reihe suchte er seinen Zuhörern jüdischen Geist' einzuimpfen oder das, was wir jüdisch-nationales Bewußtsein nennen. Seit Tag und Jahr bereitet daher Friedmann den Boden vor, auf dem die zionistische Saat gedeihen kann. In demselben Sinne wirkte er auch als Lehrer an der isr.-theol. Lehranstalt. Lektor Friedmann hat sich stets frei und offen zum Zionismus bekannt. Jahrelang stand er dem zionistischen hebräischen Sprachverein vor. Die wissenschaftlichen Werke Friedmanns, hauptsächlich der Herausgabe alter Midraschim gewidmet, sind in einem klassischen Hebräisch geschrieben und Muster von Genauigkeit Aus seiner Feder erschienen: „Escheth Chajil" (Wien 1878), „Har- Zijon" (1882) „Dabar al odoth ha-Talmud" (1885), „Masseket Makkot" (1888), „Sefer. Schofetim" (1891) „Me'ir Ajin" (1895), „Tanna debe Elijahu" (1900) usw. In deutscher Sprache gab er heraus: „Worte der Erinnerung an Isaak Noah Mannheimer" (1873), „Die Juden, ein ackerbautreibender Stamm" (1878), „ZerubabelM(1890), „Onkelos und Akylos" (1896). Von 1881 bis 1886 war er zusammen mit Isaak Hirsch Weiß Herausgeber der Monatsschrift „Beth Talmud". Dem ausgezeichneten Gelehrten, dem guten Juden, dem treuen Zionisten ist ein ehrendes Andenken sicher! Wien, 24. Nov., 11.50 vorm. (Privattelegramm.) Lektor Friedmann ist gestern abend 7 Uhr im Altervon 78 Jahren gestorben. Mit dem Hinscheiden von Lektor Friedmann (Meier Isch Schalom) hat die jüdische Wissenschaft einen schweren Verlust erlitten. Er war geboren am 10. Juli 1831 in Kraczna bei Kaschau in Ungarn. In seinem dreizehnten Jahre trat er in die Jeschibah in Ungra ein, wo er insbesondere mit dem Chassidismus und der Agadah vertraut wurde. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er eine Berufung nach Taja zum Gemeinderabbiner; er schlug jedoch diese Berufung aus, weil er alles eher als Rabbiner werden wollte. Er glaubte am besten für das Judentum wirken zu können, wenn er Lehrer würde. Er begann zu lehren. Von Stadt zu Stadt ziehend, sei es aus eignem Antriebe, sei es auf Einladung seiner Bekannten, hielt er in den Bethäusern bald biblische, bald talmudische Vorträge. Seine Vortragsweise erregte indessen bei den Strenggläubigen Anstoß. So entschloß er sich denn nach Wien zu gehen, wohin ihn der Name Jellinek besonders zog. Da er aber wußte, daß er mit dem jüdischen Jargon und mit den wenigen Brocken der ^ungarischen Sprache schwer Zutritt finden werde in jene Kreise, um derentwillen er sein Heimatland verließ, begann er in seinem 30. Lebensjahre Deutsch zu lernen und brachte es in drei Monaten sp weit, daß er sich einer Prüfung in der vierten Volksschulklasse unterzog und Rußland (Von unserem Berichterstatter) Ein Prozeß der Poale-Zion Vor kurzer Zeit fand im Warschauer Kriegsgericht der Prozeß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei-Poale Zion statt. Angeklagt waren: G. Sonntag, Sch. Turschawski, M. Neuhaus. I. Zajontschkowski und der Soldat Sch. Babickij; alle waren beschuldigt der Partei Poale-Zion anzugehören, welche die gewaltsame Niederreißung der in Rußland existierenden Staatsform bezweckt, wobei die Partei über Waffenlager verfügte und die Bevölkerung mit Steuern belastete, die sie zugunsten der Organisation verwendete. Laut der Anklage stand Sonntag an der Spitze der Organisation und übte den Mitgliedern das Schießen aus den Revolvern ein. Das Warschauer Kriegsgericht verurteilte den Angeklagten Sonntag zu 6 Jahren Zwangsarbeit, Babicki, Zajontschkowski und Rauff zu je 4 Jahren und Turzawski zu 2 Jahren 8 Monaten Zwangsarbeit. Kutschinski und Neuhaus bekamen als Minderjährige je 3 Jahre Gefängnisstrafe. Das Hauptkriegsgericht hat die Kassationsanklage abgelehnt und das Urteil des Warschauer Kriegsgerichts bestätigt. Zur Judenfrage in der Duma In der ersten Sitzung der Dumakommission für Religlonsangelegenheiten hat Herr Ispclatow die Meinung des Synods über das Recht des freien Überganges von einem Glauben zu dem andern mitgeteilt. Ohne sich prinzipiell gegen das vomministeriellen Gesetzprojekte bestimmte Recht des freien Oberganges von einem Glauben in den andern auszusprechen, erachtet der Synod es für notwendig, daß der vom griechisch-orthodoxen Glauben Scheidende sich einer 40tägigen priesterlichen Ermahnung unterziehen muß. In der sich darauf entspinnenden Diskussion kamen deutlich zwei entgegengesetzte Meinungen zum Vorschein. Die einen behaupteten, daß eine solche priesterliche Ermahnung dem Prinzip der Gewissensfreiheit widerspricht und die vom Synod vorgeschlagene Bedingung leicht in polizeiliche Vorschrift ausarten könnte. Die andern dagegen verteidigten die Ansicht, daß in einem christlichen Staate die christlichen Konfessionen und in Rußland speziell der griechisch-orthodoxe Glaube einem speziellen Schutze unterliegen müssen.