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Die Welt · 1908-11-27 · 47 (27.11.1908) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Die Juden und die städtische Selbstverwaltung in Polen Die aus Petersburg eingetroffene Nachricht, daß die Frage der Einführung der städtischen Selbstverwaltung im Königreiche Polen von der Regierung ausgearbeitet und der Duma vorgelegt werden soll, bat wieder die Frage der Beteiligung der Juden an den Selbstverwaltungsorganen auf die Tagesordnung gestellt und wird von verschiedenen politischen Gruppen auf verschiedene Art gelöst. 'Nach dem von Rechtsanwalt Suligowski im Jahre 1905 ausgearbeiteten Projekte der städtischen Selbstverwaltung im Königreiche Polen haben alle Einwohner, welche Polnisch lesen und schreiben, das Recht sich an den Wahlen in die städtische Selbstverwaltung zu beteiligen. Nach diesem Projekte besitzen also fremde Juden wie auch solche polnische Juden, die Polnisch weder lesen noch schreiben, kein Wahlrecht Dieses Projekt wird gegenwärtig von allen konservativen Parteien stark bestritten; es ist ihnen zu fortschrittlich und in seiner Behandlung der Judenfrage zu radikal. Die gegenwärtige Stimmung aller konservativen Parteien geht dahin, daß man Juden von der Selbstverwaltung vollständig ausschließen soll. Die extrem klerikale Partei verlangt, daß man den Juden ganz einfach kein Stimmrecht verleihen soll,"" daß aber die höhern lokalen Behörden das Recht haben sollen, nach ihrem Gutdünken einige Juden in die Stadtduma mit beratender Stimme einzuladen. Die weniger klerikale und politisch reifere „Partei der realen Politik" hat einen andern Ausweg gefunden, der aber zu demselben Ziel führt Sie schlagen vor, daß die Wahlen nicht nach Revieren, sondern nach Wahlkreisen stattfinden sollend Auf diese Weise wird man dieMöglichkeit habend immer eine christliche Majorität zu besitzen. Die Nationaldemokraten und andere Parteien haben sich über diese Frage noch nicht ausgesprochen. Unter den Bergjuden. Sehr interessante Mitteilungen über die Bergjuden bringt der Petersburger „Rasswiet". In Derbent wohnen 5090 Bergjuden. Sie bevölkern einen Teil der Stadt und bilden so eine Art. von jüdischem Ghetto. Die von ihnen bewohnten Hütten sind schmutzig. Eine jede Hütte besteht aus einem viereckigen Räume, welcher der ganzen Familie als Schlafzimmer, Wohnzimmer und Speisezimmer dient Die Straßen sind eng und schmutzig, und nach dem Regen ist der Straßenverkehr absolut unmöglich. Ihrem Äußeren nach lassen sich die Bergjuden von den Persern nicht unterscheiden, dieselbe „Papacha" (Pelzmütze) auf dem Kopfe, derselbe „Tschucho" (Mantel) bilden ihre Kleidung. Nur die „Jungen", . die mutigen' „Revolutionäre", entschließen sich, "einen Hut und ein europäisches Hemd anzulegen. In der letzten Zeit unternahm die städtische Selbstverwaltung die ersten Schritte zur Besserung der Lage der Bergjuden: sie will ihnen ein kleines Subsidium aus dem städtischen Fond zur Verfügung stellen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in andern Stadtteilen niederzulassen. Schon jetzt verlassen die wohlhabenderen und Intelligenteren unter den Bergjuden das Ghetto. Es gibt unter ihnen schon. solche, welche die europäischen Sitten und Kultur angenommen haben. Die Beschäftigungen der Bergjuden sind sehr mannigfaltig; es gibt unter ihnen Besitzer von Weingärten, Weinhändler, Teppichhändler usw. Die Arbeit verrichten nur die Männer, eine Ausnahme bildet nur die Gärtnerarbeit, an der sich auch Frauen beteiligen. In der letzten Zeit treiben die Bergjuden auch Handwerk:. es. gibt unter ihnen Tischler, Schlosser, Maler usw., doch ist es ihnen schwer, •mit den Handwerkern anderer'Nationalitäten zu konkurrieren. .Sehr-traurig ist die.Lage derEjaüen bei den Bergjuden. Vom Tage der Geburt wird , das Mädchen von ihrem Vater und ihren Brüdern , verachtet, weil sie das Unglück hatte, als Mädchen auf die Welt zu kommen. Den Mädchen gibt man gar-keine Bildung, und mit 10 bis J1 Jahren werden sie verheiratet. Die ganze Lage der Frauen bei den Bergjuden trägt alle Merkmale der orientalischen Sklaverei. Aber-auch hier-läßt sich in der letzten Zeit ein Drang nach Freiheit verspüren. Es gibt sogar Fälle, wo Eltern. ihre Töchter ins Gymnasium ' senden und sie höhere Bildung genießen lassen. Der Prozeß der Bruder Brodsky in Kiew Vor-kurzer Zeit fand im Kiewer Kriegsgericht der Prozeß des Studenten Grigorii Brodsky statt, den man des Tötens eines Hooligans während des Kiewer Pogroms beschuldigte. - Der Beschuldigungsakt. lautet,, daß während des Oktobergpgrorns 1905 während der Plünderung des Hauses von Baron Ginzburg aus dem gegenüberliegenden Hause Grigorij Brodskv gelaufen kam und aus einer Flinte und einem Revolver in die Menge schoß, wobei er einen Hooligan getötet und zwei verwundet hat. Dieser Prozeß wurde schon einmal in Angriff genommen und unterbrochen, jetzt aber dank den Bemühungen des „Verbandes des russischen Volkes" wieder aufgenommen. Brodsky war bis jetzt verhaftet und litt im Gefängnis an einer starken Nervosität. Trotz aller Bemühungen ist es seinen Verwandten nicht gelungen, ihn unter Kaution zu befreien. Als Verteidiger des Angeklagten fungierten die Rechtsanwälte Andrejewskij aus Petersburg und Nemetti aus Kiew. Es wurden 24 Zeugen und ein Experte 'zur ärztlichen Untersuchung des Angeklagten vorgeladen. Während des Zeugenverhörs erklärte der Zeuge Kommissär Mischin, daß, trotzdem das Haus von Brodsky von einer Soldatenrotte verteidigt wurde, doch die Soldaten die Plünderung nicht gehindert haben. Der Zeuge Baron Ginzburg erzählte, daß der Offizier, welcher mit den Soldaten das Haus bewachte,-auf ihn schoß und ihm den Fuß verletzte. Der Zeuge Koschman erklärte, daß seine Aussagen auf Verlangen des Prokuratorgehilfen geändert wurden. Der zweite Bruder Joseph Brodsky wurde beschuldigt, daß er in die Menge, welche sich über seinen Bruder warf und ihn mißhandelte, geschossen und dabei den Kommissärgehilfen verwundet habe. Nach glänzenden Reden der Verteidiger wurden die beiden Brüder Brodsky freigesprochen. Der Chacham Baschi beim deutschen Botschafter Konstantinopel, 20. Nov. Der stellvertretende Oberrabbiner der Türkei, Kaimakam Chacham Baschi Nah um ist gestern vom Botschafter Freiherrn Marschall von Bieberstein auf Empfehlung der deutschen Regierung empfangen worden. Ägypten Die Kommission, welche die „Alliance Israelite Universelle" zur Besichtigung ihrer Schulen nach Alexandrien sandte, kam vergangene Woche an. Der Korrespondent des „Jewish Chronicle* besuchte die Kommission und erfuhr, daß alle vollkommen zufrieden» ja. sogar entzückt waren von. den Erziehungsinstitutionen der Stadt Man hatte die Schüler der zwei Allianceschulen in allen Fächern geprüft und die Kommission war besonders erfreut über die Tüchtigkeit der Schüler im Hebräischen und in der Religion. Die Mitglieder der. Kommission beglückwünschten herzlich M. und Mme. Danon, welche während sieben Jahren die Knaben- und Mädchenschule geleitet und während dieser Zeit viele Beweise ihres Eifers und ihrer Selbstverleugnung und großes Interesse für die zivilisatorische Arbeit der Alliance gezeigt haben. Die Kommission besichtigte auch die Gemeindeschulen, und die Mitglieder waren angenehm überrascht von der Ausdehnung der Gebäude und der großen Anzahl Schüler. Am andern Tage besuchten sie die Schule Menasse und das Hospital. Die Vorsteherin Mme. Levy wurde herzlich beglückwünscht wegen der Art und Weise, wie sie das Hospital leitet. Rabbi Israel Levi sagte zu Baron Felix de Menasse, daß er eher glaube, inmitten von Europa zu weilen als in Ägypten. In Tantah, einer zwei Stunden von Alexandrien entfernten Stadt, verweilten die Inspektoren nur einen Tag. Sie fanden die Schulen, welche vor zwei Jahren errichtet worden waren, in ausgezeichneter Verfassung. Die Schüler sind froh, jetzt jüdische Schulen besuchen zu können, da sie früher nur christliche Schulen besuchen konnten. Es scheint daß, als die Alliance Israelite von der Gemeinde in Alexandria eine Subvention verlangte und dieses in Anbetracht des schlechten Standes der Finanzverhältnisse nicht möglich war, man sich auf sehr gute Weise herausgeholfen hat Dicht bei den Gemeindeschulen liegt ein großer Komplex, welchen die Gemeinde der Alliance geschenkt hat Sie will auch zu einem niedrigen Zinsfuße den ganzen Betrag vorstrecken, welcher zur Errichtung der Gebäulichkeiten für zwei große Schulen,' die der Alliance gehören werden, nötig ist Nach Privatmeldungen wird die Alliance, sobald die neuen Schulen fertig sind, beginnen, das Schulwesen neu zu organisieren. Unsere Glaubensbrüder werden dann nicht mehr länger nötig haben, ihre Kinder in die Schulen der Jesuiten zu senden.

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