Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 47 t>IETOELT : 19 versorgen. Die Kosten, der Errichtung der Wasserleitung werden auf etwa 2 Millionen Francs veranschlagt Diesen Betrag will die Jerusalemer Stadtverwaltung durch eine zu 5—6 °/o verzinsliche und in dreißig Jahren amortisierbare Anleihe, deren Rückzahlung durch Verpfändung des Grundeigentums der Stadt Jerusalem gesichert werden soll, aufbringen. Zur Finanzierung des Unternehmens soll sich eine Aktiengesellschaft bilden. Man hofft auf einen leichten Absatz dieser Aktien nicht allein in Jerusalem, sondern auch im Auslande, zunächst unter jenen Konfessionsgemeinschaften, die größere Kolonien in Jerusalem unterhalten. Die Juden mit ihrer großen'Majorität unter der Jerusalemer Bevölkerung haben naturgemäß das lebhafteste Interesse am Zustandekommen dieses Werkes. In der heutigen franzößisch-arabischen Beilage der „Haschkafa" wendet sich Direktor Levy mit einem warmen Appell an die Einwohner Jerusalems, durch Zeichnen von Aktien das Unternehmen zu fördern. Die Abgeordneten des Sandschaks in Jerusalem Jerusalem, 8. November. Vor einigen Tagen verließen die drei Abgeordneten unseres Sandschaks Jerusalem und begaben sich nach Konstantinopel. Alle 3 Abgeordnete entstammen sehr angesehenen Jerusalemer Familien. Rouchi el Halidi, gewesener Konsul in Bordeaux, ist ein moderner, feingebildeter, von echt liberalen Anschauungen durchdrungener' Mann, im Alter von 35 Jahren. Auch Said . Effendi, der am Anfang der 30er Jahre steht, besitzt ein umfangreiches Wissen und kennt auch gut die hebräische Sprache. Als mehrjähriger amtlicher Zensor der hebräischen Zeitungen in Jerusalem hatte er auch Gelegenheit, sich mit den modernen Bewegungen innerhalb des Judentums bekannt zu machen. Hafez-Bey, zuletzt Kaimakam in Gaza, im Alter von 60 Jahren, ist wegen seines rechtschaffenen Charakters und seiner judenfreundlichen Gesinnung allgemein bekannt. AbsetzungdesChacham-BaschiRabbiMeierPanizel Jerusalem, 8. November. Wie ihnen bereits berichtet wurde, brach kurz nach der Bekanntmachung der Konstitution ein heftiger Kampf gegen den Inhaber des Chacham-Baschi-Amtes R. M. Panizel in Jerusalem aus. Die Gegner des R. Panizel, an deren Spitze der Direktor der Allianceschule, Antebi, stand, warfen ihm vor, daß er unrechtmäßigerweise in den Besitz eines Amtes gelangt sei. Trotzdem R. Meier zahlreiche Verteidiger fand, gelang es der gegnerischen Partei doch, die Stellung des Chacham-Bachi zu untergraben. Durch Anklagen, die sie gegen R. Meier vor dem Pascha in Jerusalem und dem Oberrabbiner für alle jüdischen Gemeinden im türkischen Reiche, dem Chacham-Baschi in Konstantinopel erhoben, erreichten sie, daß zwei Vertrauensleute zur Untersuchung dieser Anklagen aus Konstantinopel nach Jerusalem entsandt wurden und schließlich gestern durch ein Telegramm aus Konstantinopel R. Meier seines Amtes enthoben wurde. Wer sein Nachfolger werden soll, ist noch gänzlich unbekannt. ,In Jerusalem scheint überhaupt kein passender Kandidat für diesen Posten zu sein. Doch ", wird von einigen die Kandidatur des R. Eliaschar, Sohnes eines früheren Chacham-Baschi genannt. Feuersbrunst in Jerusalem Jerusalem, 9. November. Heute Abend gegen 8 Uhr brach in der großen Dampfmühle Serubabel, deren Eigentümer 3 Juden sind, plötzlich Feuer aus, das mit rasender Schnelligkeit, das zum großen Teile aus liolz gebaute Mühlengebäude ergriff. In kurzer Zeit war dieses Gebäude, in dem sich große Mengen Getreide und Mehl befanden, bis auf -die Umfassungsmauern vollständig ausgebrannt. Obwohl die Mühle in zwei Zisternen genügend Wasser -hatte, war es unmöglich, das Feuer durch Spritzen wirksam zu bekämpfen, weil die einzige Dampfspritze in Jerusalem, die dem russischen Hospiz gehörte, gerade in Reparatur war. Man mußte sich begnügen, die in der Nähe des Brandherdes befindlichen Gebäude, durch Beseitigung der leicht brennbaren Stoffe zu schützen und tatsächlich gelang es auch, das Feuer auf das Mühlgebäude zu beschränken und insbesondere das Maschinenhaus zu erhalten. Die Gebäude und das Inventar sind bei einer englischen Gesellschaft versichert; 25 jüdische Arbeiter sind durch das Unglück brotlos geworden. Ober die Entstehungsursache des Feuers ist nichts bekannt Agrar-Bewegung unter den Fellachen . Aus Galiläa wird berichtet daß die dortigen Fellachen die ihnen durch die; Konstitution gewährte Freiheitdahin mißverstehen, daß sie keinen Oscher mehr zu zahlen brauchen und das Recht haben, Ländereien, die ihnen früher einmal gehört hätten, und die sie an andere verkauft haben, zurückzunehmen. Sie haben verschiedentlich Unruhen gegen die arabischen Großgrundbesitzer ins Werk gesetzt. Auch auf der jüdischen Farm in Kinereth verursachten sie vor zirka 10 Tagen eine Störung, indem sie die jüdischen Arbeiter von den Feldern verjagten und die am Bau der Wirtschaftsgebäude beschäftigten Maurer an der Fortsetzung der Arbeit hinderten. Auf energische Reklamation bei der Regierung entsandte diese ein Militärkommando, das die Ruhe alsbald wiederherstellte. Um die Wiederholung von solchen Störungen zu vermeiden, bleiben vorläufig einige Soldaten in der Nähe der Farm stationiert. Zu irgendwelchen Verletzungen von Sachen oder Personen ist es nicht gekommen. NACHRICHTEN Österreich (Von unserm Berichterstatter) Ergebnisse der Kultuswahlen Die Wiener jüdische Gemeinde erlebte nach einem lebhaften Wahlkampf einen bewegten Wahltag. Eine derart starke Wahlbeteiligung konnte bis nun in den Chroniken der altehrwürdigen Gemeinde nicht verzeichnet werden. Von den 11 000 zur Wahl zugelassenen Steuerzahlern — es gibt deren 25 000 — erschienen 5019, also fast die Hälfte, an der Urne. Diesmal war es die Kahalpartei, — im Wiener politischen Jargon kurz „die Offiziellen" benannt, — die alle "ihre Reserven herangezogen hat Von den 5000 Stimmen entfielen bloß 979 bis 1139 auf die einzelnen Kandidaten der Opposition, von denen Herr Brecher, der vor zwei Jahren in die Stichwahl gelangt war, die höchste Stimmenzahl erzielte. Die „offiziellen" Kandidaten des Kulturvorstands erhielten von 3187 bis 3961 Stimmen. Während also auf einen Oppositionellen im Mittel 1060 Stimmen entfielen, vereinigte die „offizielle" Liste im Durchschnitt 3574 Stimmen. Das Stärkeverhältnis der Parteien ist also 1:3,5. . Die Opposition erlitt somit eine empfindliche Schlappe. Während sie vor zwei Jahren 44°/o der Stimmen gewonnen, vermochte sie diesmal nur 220 o der Wähler um sich zu scharen. Auch die absolute Stimmenzahl fiel um rund fünf- bis sechshundert Das ungünstige Ergebnis des Wahlkampfes ist zunächst auf die drakonische Maßregel des Kultusvorstands zurückzuführen, der allen rückständigen Steuerzahlern — und zwar 14 000 an der Zahl! — das Wahlrecht entzogen hat. Der Herr Präsident Dr.. Stern wußte, als er diese nie in Anwendung gebrachte engherzige und vergilbte Bestimmung hervorholte, daß er einen Todesstoß gegen die Opposition führte. Die Reihen der oppositionellen Wähler, die sich vergeblich bemühten, diesen Streich abzuwehren, wurden stark gelichtet. Dagegen führte diesmal die Kahalpartei all' ihre Streitkräfte in den Kampf. Wie von einem panischen Schrecken ergriffen, durch das unsinnige Argument aufgehetzt, die Zionisten wollen das" Millionenbudget der Gemeinde für ihre Parteizweckevergeuden, eilten Hoch- und Höchstbesteuerte zur Wahlurne, um ihre Steuergelder zu schützen. Die innere Stadt lieferte dem Vorstand" 700 Wähler. Ein derartiges Massenaufgebot von Xaijuden war noch nie ausgerückt Im ersten Bezirk allein — der City Wiens — errangen die „Offiziellen" einen Vorsprung von 700 Stimmen. Auch in der Leopoldstadt siegten sie -mit 600 Stimmen Majorität. Das wirtschaftlich mächtige und in sozial gehobener Position stehende Bürgertum, das hinter dem Kultusvorstand steckt machte die größten Anstrengungen, um die Vorherrschaft in der Gemeinde zu erhalten. Alle Anhänglichkeiten, Beziehungen, der ganze Einfluß einer Gesellschaftsschicht, um die so viele kreisen, die vielen ihre ökonomische Übermacht zum Bewußtsein bringen kann, all das wurde diesmal verwertet und ausgenützt Wir glauben, es war die höchste Kraftäußerung, der die Kahalpartei fähig ist. Es wäre jedoch verfehlt, nur die äußern Gründe des Miß- erfolges' in Betracht zu ziehen. Die Tatsache, daß die Opposition kaum ein Viertel der Wählerschaft erobern konnte, hat auch innere, leider lange Zeit hindurch nicht beachtete Gründe. Die gesamte Agitationsarbeit lastete auf der zionistischen Studentenschaft, die durch wiederholte anstrengende Wahlkämpfe ermüdet ist und von den letzten*-Vorfällen auf akademischem Boden abgelenkt wurde. Dabei sind die Studenten keineswegs das richtige Material für eine Werbearbeit, die in bürgerlichen Kreisen geleitet werden muß. In - Wien fehlt eine wohlgegliederte und geschlossene zionistische Bürgerorganisation. Wir sind keine .Anhänger der