Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 7× ep/1047930
- Beirut 2× ep/1047833
- Aleppo 1× ep/1047811
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vollen Betrachtungen einlädt. Von Haifas Lage am Meere war bereits die Rede. Seit einigen Jahren' ist nun eine Eisenbahnverbindung mit Damaskus hergestellt worden; die Linie durchläuft die Ebene Jesreel, überschreitet den Jordan, berührt die Südspitze des Tiberiassee, erklimmt alsdann talaufwärts das Hochland jenseits des Jordans und mündet bei Derät in die Hedschasbahn, jenen gewaltigen Schienenstrang, der nordwärts über Damaskus nach Aleppo, südwärts bis nach den heiligen Stätten Arabiens, nach Mekka und Medina, führt.. Heute versorgt der Hafen Haifas nur Galiläa und den von dec Bahn erschlossenen Teil des Haurän (im Ostjordanland), während der Süden, besonders ganz Judäa, von Jaffa versorgt wird. Auch Beirut hat einen — schwer zu bestimmenden — Anteil an der Versorgung Palästinas. Im Besitze eines guten Hafens wird sich Haifa 2U einem Zentralhandelspunkt für ganz Palästina entwickeln, - der auch einen Teil des Beiruter Handels zu sich hinüberziehen wird. Schon jetzt wird das in der Ebene Jesreel, im Jordantal und im Haurän geerntete Getreide statt auf Kamelen mit der Bahn nach Haifa befördert. Eine hervorragende Bedeutung aber wird der Hafen erst dann erlangen, wenn infolge des wirtschaftlichen Aufschwunges von ganz Palästina eine mächtige Steigerung der Konsumtion und Produktion des Landes eingetreten sein wird; von großem Nutzen wird dann die bereits projektierte Bahnlinie sein, die von Haifa in schräger Richtung durch das äußerst fruchtbare Samaria nach Jerusalem führen wird. Doch auch das weitere Gebiet der Hedschasbahn wird den Güterverkehr Haifas beleben, vor allem das gesamte Ostjordanland, zumal wenn erst durch die weitere Erschließung und Kolonisierung dieser Länderstrecken, wie sie ja gerade infolge des Bahnverkehrs zu erwarten ist eine Steigerung des Getreide- und Rosinenexports eingetreten sein wird, die wiederum einen vermehrten Import zur Folge haben wird. Ja selbst auf einen Teil des Güterverkehrs zwischen Europa und Arabien wird Haifa rechnen dürfen. Es wird somit nicht nur als Hafen für das aufblühende Palästina, sondern auch sozusagen als ein wichtiger Hafen der Hedschasbahn Bedeutung erlangen. Heute befindet sich der Hafen noch in so schlechtem Zustande, daß die Schiffe draußen vor Anker gehen müssen. Er ist so wenig ausgebaggert, daß die Schiffe sich nicht an die nahezu »fe km lange steinerne Mole, die mit großen Kränen armiert ist, legen können. Die Hafenmisere des Landes ist ein beredter Ausdruck seiner Verwahrlosung. Jahrhundertelang hat die Meeresströmung vom Nildelta her Sand an die Küste geworfen, ohne daß gegen die zunehmende Versandung der Häfen Wesentliches unternommen worden wäre. Der Hafen von Jaifa ist wegen seiner Klippen gefürchtet. Der von Tyrus, im Altertum von großer Bedeutung, spielt heute kaum noch eine nennenswerte Rolle. Das Interesse an dem Ausbau des Hafens von Haifa ist nun aber seit der Herstellung eines Anschlusses an die Hedschasbahn mit Macht erweckt worden. Schon im vorigen Jahre wurde bekannt, daß der Sultan den leitenden Ingenieur des Hedschasbahnbaues, Meißner Pascha, mit der Ausarbeitung eines Planes beauftragt habe, nach dem der neue Hafen von Haifa die vierfache Größe des von Beirut erhalten sollte (woraus hervorgeht, daß Haifa von den leitenden Kreisen als der eigentliche Hafen der Hedschasbahn betrachtet wird). Meißner sei aber der Ansicht gewesen, daß die Finanzlage des Staates die gleichzeitige Ausführung zweier Projekte, wie des Hafenbaues und der Vollendung der Hedschasbahn, nicht gestatte. Inzwischen ist die Bahn bis Mekka geführt worden und strebt mit raschen Schritten dem Endziele zu. Zudem ist inzwischen eine energische Regierung -ans Ruder gelangt, von der man ein besonders hohes Interesse an der wirtschaftlichen Erschließung dieser Länder und Verständnis für die Bedeutung des Hafenbaues erwarten kann. Nach neuern Nachrichten soll sogar bereits die Konzession für den Hafenbau an zwei ■ Unternehmer erteilt worden sein. Es kann mithin keinem Zweifel unterliegen, daß Haifa einer der zukunftsreichsten Plätze. Palästinas ist . Darum haben wir gerade^ diesem Orte ein erhöhtes Interesse, zuzuwenden. Werfen wir.zunächst einen Blick in das Innere der Stadt. Haifa liegt unmittelbar am Meeresstrande, am .Südrande des Golfes von Akka. Die Schönheit |der Landschaft ergibt sich, daraus daß die Stadt gewissermaßen zwischen dem Meere und der im Süden aufragenden Bergwand eingebaut ist Wie in einer Mulde breitet sich die Stadt, undi ihre fruchtbare Umgebung .bis zum Abhang des Karmel aus,- wö sich ein am Abhang, emporsteigendes „Villenviertel" — wenn dieser Ausdruck im Orie/it erlaubt ist — entwickelt. Die Altstadt hat das typische Aussehen einer türkisch-arabischen Stadt. Kleidung und Gebaren der mohammedanischen Bevölkerung,- die Bauart der Häuser, Straßen und Moscheen, das Leben in den Basaren, der frei auf die Straße mündende Gefängnishof mit den bettelnden Gefangenen, — es ist dasselbe.Bild wie in den mohammedanischen Vierteln der andern Städte. An der Peripherie befinden sich modernere Stadtteile. Ein besonderes Interesse beansprucht. die Niederlassung der Deutschen. Auf einer von" der Altstadt westwärts führenden Straße, die >nähe am Strande läuft, gelangen wir sehr bald in die Kolonie, die uns wie ein hübsches schwäbisches Dorf anmutet Hier haben sich 1869 .die würtembergischen Templer angesiedelt Wir finden in dem schönen Karmelhotel freundliche; Aufnahme. Ein Bück auf die Straße dieses deutschen Dorfes genügt um zu ermessen, welche Kulturarbeit hier von den Deutschen geleistet worden ist Freundliche Häuser, meist mit blühenden Vorgärten versehen, grüßen von beiden Seiten des peinlich säubern, kiesbedeckten und mit wohlgepflegten Alleen*, geschmückten Weges. Wie daheim in der deutschen Schule hören wir eben in jenem Hause die Schulglocke läuten, und bald strömen die flachsköpfigen Knaben und Mädchen heraus und rufen den Fremden* ihr. „Grüß Gott" zu. Die Gemüsefelder, das Ackerland, die Weinberge befinden sich in musterhaftem Zustande. Am . nördlichen Ende der Straße steht ein Haus in geschmackvollem Villenstil, das deutsche Konsulat; wenige Schritte, und wir stehen auf einem in das Wasser hineingebauten Stege, wo sich's herrlich ins Meer hinaus träumen läßt Die Deutschen, deren Hauptbeschäftigung der Weinbau ist und die sich durchweg in befriedigenden Verhältnissen befinden, haben sich hier als Kulturpioniere große Verdienste erworben. Sie wirkten und wirken vorbildlich durch die Einführung - moderner landwirtschaftlicher Geräte und Methoden, durch die Versorgung der Stadt mit Milch und Gemüse,, durch Betreibung von Handwerken und Gründung von Industrien (Bierbrauerei, Dampfmühle,, Seifenfabriken). Das infolge des Mangels an kürzern Bahnverbindungen" recht lohnende Fuhrwerkswesen befindet sich hier wie in Jaffa fast ausschließlich in deutschen Händen. Fast der ganze Handel von Akka, das geradeüber am nördlichen Ende des. Golfes liegt ist durch die Deutschen nach Haifa hinübergezogen worden. Gewiß sind die Erfolge der Energie und der höhern Bildung der Deutschen zuzuschreiben, doch hatten sie vor vielen andern Kolonisten das voraus, daß sie von jeher unter dem Schutze eines, einflußreichen Konsuls standen. Die Zahl der Deutschen in Haifa beträgt etwa 500. Daß die Stadt mehrere Moscheen, Kirchen, Klöster, Hospize und Schulen — fein säuberlich nach konfessionellen Schattierungen geschieden — und endlich auch eine Mission besitzt, ist bei einer palästinensischen Stadt selbstverständlich. Zu erwähnen wäre noch ein Kastell, das sich im Süden, schon in mäßiger Höhe, erhebt. Die Gesamtbevölkerung ist in den letzten 30 Jahren von 6000 auf etwa 20 000 gestiegen, doch erfolgte die Steigerung in den letzten Jahren besonders rasch, so daß Wohnungsmangel und Teurung eintrat. Reichlich die Hälfte der Einwohner sind Moslems (Türken und Araber), 8000 Christen .verschiedenster Schattierung und kaum 2000 Juden.' Die Anzahl der Deutschen, 500, war bereits erwähnt ' •.