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Die Welt · 1908-11-27 · 47 (27.11.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE35EELT FEUILLETON EINE NEUE BIBEL er alte Wunsch jüdischer Kreise schickt sich soeben an, in Erfüllung zu gehen.. Es erscheint eine Bibel von einem jüdischen Künstler und nach jüdischen Motiven illustriert. Kein Geringerer als E. M.-Lilien hat 'sich der Aufgabe unterzogen und uns zu den Werken jüdischen Buchschmucks, die wir seinem Griffel verdanken, ein neues, geschenkt, vielleicht nicht mehr ein Werk, sondern das Werk. Es war seit einiger Zeit bekannt, daß Lilien eine neue illustrierte Bibel schaffen wollte, und man sah mit Spannung den ersten Blättern entgegen. Sie liegen jetzt vor*). Die ersten drei riefte der neuen Bibel sind erschienen und gestatten uns, uns jetzt schon ein vorläufiges Urteil über die Qualitäten dieses neuesten Werkes unseres zweifellos markantesten Zeichners zu bilden. Wir waren dazu um so mehr in der Lage, als uns durch die Freundlichkeit des Künstlers und das Entgegenkommen des Herausgebers möglich gemacht worden war, auch Einsicht in einige der Blätter zu nehmen, die erst in den demnächst erscheinenden rieften enthalten sein werden. Ehe Lilien sich an dieses Werk gab, weilte er längere Zeit in Palästina. Die -Früchte seines palästinensischen Aufenthaltes leuchten uns aus diesen Blättern entgegen. Nicht, als ob es sich darum handelte, daß- „Land und Leute" nun besonders treffend wiedergegeben seien; sondern es will uns dünken, als ob es dem Künstler darauf angekommen wäre, sich in die örtliche Atmosphäre dieses Buches, des Buches, zu versenken, mit Leib und Seele die Eigentümlichkeiten, die feinen Nuancierungen und Schwingungen des Landes und des Geistes in sich aufzunehmen, die Rahmen und Ursprung dieses Buches gewesen sind. Ist doch Palästina heute noch das Land der Bibel! In seinen Ebenen und Bachläufen, in seinen Schluchten und Berggipfeln, in seinen Höhlen und Wüsten, aber auch in seinen Beduinen und sogar in seinen Juden, den armen gehetzten Juden des Golus, die aus. der Verbannung hierher „vertrieben" worden sind, lebt ja und webt ja noch ein Hauch jener göttlichen Zeit, da Abraham seine Zelte aufstellte und da David die Saiten schlug. Es ist eine der Eigentümlichkeiten der Lilienschen Kirnst, daß er die Landschaft, ja sogar die Umrahmung des Bildes in seine Idee hineinbezieht. Wir wissen, welche Bedeutung Lilien der Symbolik beimißt. In seinen letzten Blättern, in einigen der Zeichnungen zu Rosenfelds „Lieder des Ghetto", ist nicht mehr ein Strich, dei nicht im engsten Zusammenhang mit der Idee des Bildes steht. Da gibt es kein zufälliges Ornament, nicht eine Falte des Gewandes, nicht ein Zug der Landschaft, die uns nicht deutlich, vielleicht hin. und wieder allzu deutlich, auf den Inhalt der Zeichnung hinweist. Einer solchen *) Die Bücher der Bibel, herausgegeben von F. Rahlwes, Zeichnungen von E. M. Lilien. Erster Band: Übeilicferung und Gesetz. Verlag von George Westermann, Braunschweig. künstlerischen Richtung mußten für ein Bibelwerk aus dem Bibelboden reiche Quellen fließen. Es ist kein Geheimnis, daß der Künstler Lilien mit einer gewissen Begrenzung seiner Phantasie zu kämpfen hat. Seine Typen waren nicht sehr mannigfaltig, seihe Einfälle nicht eben variabel, die schon berühmten Dornen und der noch berühmtere „Alte Jude" mit dem bekannten Sehnsuchtsblicke und den segnenden Händen waren uns schon recht vertraut. Mit Genugtuung sehen wir daher, daß diese Zeichnungen auch in bezug auf die Erfindung einen namhaften Fortschritt darstellen. Es sind nicht nur neue Themen, es sind auch neue Physiognomien — und das will vielleicht bei diesem Künstler besonders viel heißen —, es sind neue-Arrangements,- es sind heue Ornamente und Vignetten. Das Buch bedeutet eine wesentliche Bereicherung unseres jüdischen Formenschatzes. Allerdings treten uns auch in diesem Buche Beispiele für ein Bleiben und Verharren auf dem alten Zustande entgegen. Es sind da einige Zeichnungen, die sich auf den ersten Blick fast in nichts unterscheiden von denen, die wir im „Juda" und in den „Liedern des Ghetto" gesehen, haben. Manchmal scheint es, als ob der Künstler Lilien gewisse Stellungen und Formen nicht mehr vermeiden könnte. Das soll uns aber nicht •hindern, mit aufrichtiger Freude die große Entwicklung* den bedeutsamen künstlerischen Fortschritt zu konstatieren, die aus diesen Blättern zu uns sprechen. Am innigsten berührt uns dieses Neue, wo»' es offenbar aus palästinensischem Geiste geboren ist. Mit Genuß betrachten wir einige Zeichnungen, aus denen das Ringen des Künstlers mit dem wohl schwierigsten künstlerischen Problem des heiligen Landes uns offenbar wird, die Bewältigung des heißen Lichtes auf der weiten trocknen palästinensischen Ebene. Das will etwas sagen bei. einer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Fast schmerzhaft grell steht da das pflügende Paar im Felde. Und zu welcher Größe erwächst Abraham unter dem wuchtend heißen Himmel über dem schweren Wege, da er seinen Sohn Isaak zum Berge Moriah zum Opferaltar führt. Gerade bei diesem Bilde enthüllt sich uns noch eins der Geheimnisse Lilienscher Kunst: das Monumentale. Es ist technisch interessant, dem|~nach zu gehen, wie er die Wirkung des Großartigen .erzielt. . Drei Viertel des Bildes nimmt der weiße, unendlich weiße Himmel ein. Niedrig und eben hingeworfen die Landschaft, und doch so deutlich, daß sie den weißen Pfad in grellen Gegensatz zu dem weißen Himmel bringt. » Eine kräftig gezeichnete Palme schließt das Bild rechts in entschiedenen Strichen ab. Inmitten aber der Patriarch. Drei breite schwarze Streifen laufen senkrecht von oben nach unten über das weiße Gewand, fesseln den Blick unentrinnbar auf den bekümmerten Mann, der eben in tiefem Seelenschmerz leise die Hand des Sohnes an die Lippen zieht, während dieser, in dessen Zeichnung jeder schwere Ton fehlt, gerade durch die Leichtigkeit, mit der er hingestellt ist, den Vater um so bedeutender erscheinen läßt. Wie leuchten die schwarzen Streifen des Gewandes!

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