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Die Welt · 1908-11-27 · 47 (27.11.1908) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Miffionensummen an Transprtkosten — für die Hinfahrt der Hoffenden und oft genug auchfür die Rückfahrt der Enttäuschten — verloren, ohne zur Linderung der Not oder gar zu ihrer Ausrottung beigetragen zu haben. Es gibt einen bessern, rationellem Weg, der zu dauerndem Erfolge führt: das ist die Kolonisation. Man versuchte, — vor allem in Palästina und Argentinien, — östliche Juden als Bauern anzusiedeln und so ihre Lage nicht für den Augenblick, sondern für alle Zeiten zu einer glücklichen und normalen zu gestalten. Der Anfang des Werkes war schwer; heute aber blicken wir auf ein ermutigendes Resultat zurück. So finden wir in Palästina 24 jüdische Dörfer, die zum größten Teile gut gedeihen, deren einige sogar zu ansehnlichem Wohlstand gelangt sind. Und so richten sich heute die Augen der Juden, die eine Befreiung der östlichen Brüder aus ihrer unhaltbaren Lage herbeisehnen, nach dem Orient. Hier dehnen sich weite, dünn bevölkerte Länderstrecken, die der fleißigen Hand des Bebauers harren. Hatte man die verwahrlosten Gefilde früher für unfruchtbar gehalten, so hat die Erfahrung nun längst gelehrt, daß dem Land, dem jahrhundertelang die Segnungen der Kultur ferngeblieben sind, die alte sprichwörtliche Fruchtbarkeit durch den Fleiß des Bauern wiedergewonnen werden kann. An das alte historische Palästina aber schließen sich weitere fruchtbare, dünn bevölkerte Länderstrecken von ungeheurer Ausdehnung an, die allmählich der Kultur erschlossen werden sollen und mehr als genügend Raum zur Aufnahme unserer hilfsbedürftigen Brüder bieten. Die türkische Regierung, die über diese Länder herrscht, hat sich von jeher als judenfreundlich erwiesen; nie hat es in der "Türkei Judenverfolgungen gegeben, selbst nicht im finstersten Mittelalter, als alle westeuropäischen Staaten ihre großen Judenabschlachtungen hatten. Wie einst den vertriebenen spanischen Juden, so ist sie auch heute den verfolgten russischen Juden ein rettendes Asyl. Unter den neuen Verhältnissen, wie sie durch die Einführung der Verfassung geschaffen worden sind, werden auch Justiz und Verwaltung gründlich reformiert werden, und es ist für uns auch von großer Bedeutung, daß die Juden der türkischen Regierung als Kolonisten, die das menschenleere Land erfüllen und aus seinem Schlafe erwecken sollen, aus naheliegenden Gründen willkommener sind als Angehörige irgendeines andern Volkes oder einer andern Rasse. Auch die Liebe, mit der gerade der östliche Jude an Palästina, dem Lande der großen jüdischen Vergangenheit, hängt, verbürgt uns einen sichern Erfolg, als ihn die Kolonisation in irgendeinem wildfremden Lande erhoffen läßt. Diese Liebe zur Scholle läßt ihn die Schwierigkeiten, mit denen er in den ersten .Jahren seines Bauernlebens zu kämpfen hat, leichter ertragen und überwinden, sie verhindert allzu rasche Enttäuschung und Entmutigung. Freilich sind heute diese Schwierigkeiten nicht mehr von jener schier unüberwindlichen Größe, wie sie sich den wackeren Pionieren vor zwei Jahrzehnten geboten hatten: heute tritt der Neuling bereits in einen Kreis von Tausenden bodenständiger jüdischer Bauern ein, «r fühlt sich hier in der „Fremde" vom ersten Tage an heimisch, er lebt im Lande der Ahnen unter frohen und glücklichen Glaubens- und Stammesbrüdern in jüdischer Sitte und Gesinnung ein freies, arbeitsreiches Leben, ohne — wie im Auslande— zu dem nur allzuoft mißglückenden Versuche gezwungen zu sein, sich einer neuen, gänzlich fremden Umgebung anzupassen. Auch macht er sich die Erfahrungen der ältern Genossen zunutze. Und so soll sich denn Baustein zu Baustein fügen, bis sich im Orient das schützende Asyl für die Bedrängten unseres Volkes erheben wird. In immer größerm Stile muß die Auswanderung nach dem Orient organisiert werden, immer neue Unternehmungen landwirtschaftlicher und industrieller Natur müssen begründet werden, die die wirtschaftliche Kraft des Landes erhöhen und für neue zahlreiche Juden Arbeitsrnöglichkeiten schaffen sollen. Die meisten dieser Unternehmungen müssen auf rein geschäftsmäßiger Basis begründet und betrieben werden und müssen durch den hohen Gewinn, den sie abwerfen, das Kapital zu weitern Unternehmungen anregen. Die neuen Zuwanderer aber werden, wenn das Werk einen gedeihlichen Fortgang nimmt und sich nach den Gesetzen der wirtschaftlichen Ausbreitung spontan fortentwickelt, nicht mehr ein Plus an Geldopfern, sondern ein Plus an brauchbarer, gewinnbringender Arbeitskraft bedeuten. Auch den Gesichtspunkt schließlich haben wir zu berücksichtigen, daß die Oberfahrt nach Palästina nur 1 \ der Summe kostet wie die Oberfahrt nach Amerika. Vor den Toren des russischen und rumänischen Reiches dehnt sich das große Land der jüdischen Erinnerungen, das Land, dessen Regierung bereit ist, arbeitswillige Elemente, vor allem Juden, aufzunehmen, das Land, das darauf zu warten scheint, seine alte Fruchtbarkeit von den intelligenten Söhnen des alten Volkes wiedererwecken zu lassen. Wozu da ungezählte Millionen für die Überfahrt von. Hunderttausenden nach den überozeanischen Ghetti verschwenden? Hier gilt es zu handeln, rasch zu handeln, denn gerade in den nächsten Jahren wird sich eine so rapide wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Orients -vollziehen, daß uns sehr bald das werbende Kapital zuvorkommen wird, wenn wir nicht entschlossen zugreifen. Wir hatten die Frage gestellt: Weshalb ist es die Pflicht eines jeden Juden, die Kolonisation Palästinas zu fördern? Daß der fromme Jude diese Pflicht als heilig anerkennt, ist selbstverständlich; ist doch die tatkräftige Förderung des „Jischubt, der Besiedlung des Heiligen Landes, für ihri; ein bedeutsames Gebot der jüdischen Lehre. Und da er auch mit Liebe an allen Söhnen des jüdischen Stammes hängt und für dessen' glückliche Zukunft die innigsten Wünsche hegt, so würde er sich mit den Grundlagen seiner Oberzeugung in Widerspruch setzen, wenn er das Werk der jüdischen Kolonisation Palästinas nicht fördern würde. Aber auch für jeden andern Juden ist diese Pflicht unabweisbar. Bei wem sollten die unglücklichen Juden des Ostens Schutz suchen, wenn nicht bei ihren Stammes- und Glaubensbrüdern, die sich in glücklicherer Lage befinden, — sie, die von den Regierungen der Länder, in denen sie seit Jahrhunderten wohnen, wie Fremde, wie Sträflinge behandelt werden? Ist es also schon aus diesem Grunde die Pflicht eines jeden Juden, das Werk zu fördern, das Millionen unserer Brüder zu normalen Existenzbedingungen verhelfen und der •Laune ihrer Tyrannen entziehen will, so wird sie noch durch die Pflicht der Dankbarkeit verstärkt. Zu vielen Tausenden sind im Mittelalter die schwer bedrückten Juden, besonders die in Deutschland wohnenden, nach Polen hinübergeflüchtet, wo sie von ihren hilfs-» bereiten Glaubensbrüdern aufgenommen wurden; ja, jene Unglücklichen, denen wir heute beizustehen haben, sind zum großen Teile die Nachkommen jener Flüchtlinge. Gerade den deutschen Juden sollte diese historische Erinnerung ihre Pflicht zur Mitarbeit lebhaft vor Augen führen. Auch sollte man gerade von ihnen ein warmes Empfinden für die Not der östlichen Juden voraussetzen dürfen, weil die Scharen der russischen Emigranten oft das deutsche Gebiet passieren und so dem deutschen Juden oft genug Gelegenheit bieten, aus der Nähe an den einzelnen Flüchtlingen die Spuren, des unermeßlichen, jenseit der Grenze herrschenden Elends zu beobachten. Der ostdeutsche Jude vollends bleibe dessen eingedenk, daß er es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken hat, wenn er dem grausen Schicksal seiner Brüder entronnen ist Wäre bei der Teilung Polens die Grenze nur um ein weniges anders festgesetzt worden, wie viele unserer jüdisch-deutschen Familien seufzten heute unter demselben Druck wie die unglücklichen Emigranten! Vor etwa 100 Jahren, im Frieden zu Tilsit, kam der preußische Grenzbezirk Bialystock an Rußland, jenes Bialystock, das in jüngster Zeit der Schauplatz eines fruchtbaren Pogroms gewesen ist. Möge der deutsche Jude sein Schicksal preisen, das ihn vor dieser geschichtlichen Zufälligkeit bewahrt hat, aber um so stärker fühle er die Pflicht in sich, an dem Werk der Befreiung der Unglücklichen mitzuarbeiten! Der Befreiung! — aber er fühle nicht sein Gewissen beruhigt, wenn er zur kurzen Stillung des momentanen Elends ein Almosen hergegeben hat. Doch wir behaupten, daß diese Pflicht einem jeden Menschen nicht nur dem Juden, obliegt, einem jeden, der Freude hat am Fortschritt der Menschheit', der dem Unrecht auf Erden steuern und den Enterbten des Glücks zu einer menschenwürdigen Existenz verhelfen will. Bedenket! Millionen von Menschen, Kinder einer großen Vergangenheit, intelligente Männer, die überall, wo ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Kräfte geboten wird, bedeutende Fähigkeiten entwickeln, Millionen dieser Menschen drohen im Osten unter barbarischen Gesetzen in grausamer Not zu versinken, führen ein jammervolles Dasein und sind bereits zum großen Teile in ein Lumpenproletariat verwandelt Und nah vor ihnen liegt ein heute schon, blühendes Land, das Raum und Nahrung hat für viele Millionen, und das ebenso dringend das Volk braucht, wie das Volk das Land. Lasset nicht weiter kostbare Zeit verstreichen, sondern schaffet den Unterbau für das kolonisatorische Werk, das, einmal in Gang gebracht, mit immer größerer Leichtigkeit in Gang zu erhalten ist; helfet über die ersten Schwierigkeiten hinweg, auf daßLsich das Werk in künftigen Jahrzehnten aus sich selbst heraus weiter fortentwickle! Schaffet die geknechteten Proletarier in das neue Land hinüber, wo sie zufreien Bauern werden sollen, wo „ein jeder unter seinem Weinstock, ein jeder unter seinem Feigenbaum" sitzen soll, lebend von der Frucht seiner Arbeit und neue Kulturwerte schaffend, — der Menschheit zum Wohle und dem Judentume zur Ehre. Adresse für Zuschriften: Kommission zur Erforschung Palästinas, Berlin W'15, Uhlandstr. 175.

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