Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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als Ergänzung das ähnlich angelegte „Palästina-Handbuch" von Davis Trietsch zur Hand, dessen zweiten, speziellen Teil wir mit Ungeduld erwarten. Alle diese Werke — und es ließen sich ihnen weitere aus den allerletzten Jahren anfügen — wandeln in den Bahnen des Frankischen Buches. Sie sind wie Wegweiser in das heilige Land und wollen helfen, dies Land nach seiner landschaftlichen Eigenart, nach seinen wirtschaftlichen, politischen, religiösen, archäologischen Problemen kennen zu lernen. Freilich, das ist ja keine Frage: Nichts, auch keine noch so sachkundige oder formvollendete Darstellung, kein noch so farbenfreudiger Pinsel kann das ersetzen, was wir die Kraft der eignen Anschauung nennen. Und insofern sind auch alle diese Werke, so trefflich, so dankens- und beherzigenswert sie sind und so gewiß wir sie nicht missen möchten, im letzten Grunde doch nur Surrogate, die zu einer vorläufigen, vorbereitenden Kenntnis des Landes verhelfen. Aber man muß die Dinge kennen, wirklich kennen, um sie zu lieben, sagt einmal der geistvolle Pascal in seinen Pensees. Wie wahr das Wort . ist, das kommt einem voll erst durch den Aufenthalt im heiligen Lande zum Bewußtsein. Erst die Einsicht in den Stand der Dinge und die Anschauung von diesem Stande schafft die Liebe, die den Gegenstand der Betrachtung hoch hinaushebt über jede Art von Liebhaberei- oder Sport, die ihn mit dem Herzen verknüpft und das Herz auch zu Opfern an Zeit und Kraft und Geld befähigt. Ich möchte sagen, die Berührung mit dem Boden des heiligen Landes übt eine magnetische Kraft aus; das Land erscheint dem, der es mit eignen Augen gesehen hat, ebenso wie es dem Historiker erscheinen muß, der es mit den Augen der Weltgeschichte betrachtet: als der fabelhafte und nun doch Wirklichkeit gewordene Magnetberg, der immer wieder aus den Wogen der Geschichte nicht nur, sondern auch aus den fließenden Bildern des Tages auftaucht und Herz und Sinne auf sich zieht. Von dieser magnetischen Kraft zeugen in unsern Tagen die Fürsten und Bettler, die sich im Lande einstellen, — es sind gerade zwei Lustreu " her, da zeltete der deutsche Kaiser vor den Toren Jerusalems. Davon zeugen die Pilgerzüge und Reisegesellschaften der alten und der neuen Welt. Davon zeugen die biblischen Studienfahrten, die Lehrerorientfahrten und die jüdischen Gesellschaftsreisen, die sich in kürzester Frist eingebürgert haben. Aber alle diese sind gekommen und gegangen: besser noch als sie zeugen von dieser magnetischen Art diejenigen, die da kommen und nicht gehen, sondern bleiben und in dem Lande sich und andern Heimatswerte schaffen. E. M. LILIEN: KOPFLEISTE ZU „DIE WÜSTEN WANDERUNG" aus „Die Bücher der Bibel", Verlag von George Westermann Weshalb ist es Pflicht eines jeden Juden, die Kolonisation Palästinas zu fördern? Die Kommission zur Erforschung Palästinas verbreitet nachstehendes Flugblatt: Kaum drei Jahrzehnte Sind verflossen, seit man unter dem Eindruck der furchtbaren Krisen, die über die schwergeprüften Juden des Ostens hereinbrachen, den Gedanken einer jüdischen Kolonisation, einer Verpflanzung der unglücklichen Massen auf einen gesunden, glücklichern Boden in die Tat umzusetzen begann. Solange die Juden über die Erde zerstreut sind, haben sie einander hilfreich die Hand geboten, wenn irgendein Teil der jüdischen Gesamtheit in Bedrängnis geraten war. Selbst im Mittelalter, unter den ungünstigsten äußern Umständen, haben die Juden Deutschlands und Frankreichs, Spaniens und Italiens, Hollands und Englands, Polens und der Türkei einander beigestanden; sie taten es in dem Bewußtsein, daß,jeder Teil ihres Volkes nur an der Gesamtheit eine Stütze finden könne, da er sonst nirgends in der Welt auf sichere Hilfe zu rechnen habe. Und die Rollen wechselten gar oft: die Glücklichen von heute wurden die Hilfesuchenden von morgen. In der Blütezeit der spanischen und polnischen Juden ging es den Juden in Deutschland herzlich schlecht, und heute, wo sich die deutschen Juden in günstiger Lage befinden, sind die Juden aus Spanien gänzlich verschwunden, und die in Polen seufzen unter unmenschlichem Druck. . Inzwischen aber ist eine neue Zeit angebrochen. Wir verfügen heute über modernere Mittel, um dem Obel zu begegnen, modernere und wirksamere, als es Almosengeben und Bittschriftenüberreichen sind. Die Not der östlichen Juden, insbesondere der russischen und rumänischen, hat einen Grad erreicht, daß es unmenschlich grausam wäre, weiter in Untätigkeit zu verharren, ohne den unglücklichen Brüdern einen Ausweg aus der Not zu weisen. Heute hat fast alle Welt erkannt, daß es nicht genügt, bei hereinbrechenden Katastrophen Almosen in die östlichen Länder zu schicken, mit denen man kaum dem augenblicklichen Elend abhelfen, vor allem aber eine Wiederkehr der Katastrophe, eine Steigerung der unheilvollen Situation nicht verhüten kann. Heute gilt die Losung: Heraus aus dem Sumpf! Mehr als hunderttausend verlassen alljährlich ihre östliche Heimat, um einem ungewissen Schicksal in den freien Ländern des Westens entgegenzuziehen. Doch was erreichen diese Armen zumeist? Sie bereiten ihrem Elend eine neue Stätte, sie errichten jenseits des Ozeans neue Ghetti, in denen sie zwar ihres Lebens sicher sind, ohne aber ihre elende ökonomische Lage verbessern zu können. Sie verdorren in den Schwitzhöllen Amerikas ebenso wie in den Ghettostädten des russischen Ansiedlungsrayons. Ja, sie schleppen mit ihrem Elend den Antisemitismus in die freien Länder ein, und so ist der Tag, an dem diese Massenwanderung ein Ende nehmen wird, nahe: haben doch England und die Verei-* nigten Staaten bereits eine bedeutende Verschärfung der Einwanderunesbestimmuneen eingeführt. Bis dahin aber gehen alljährlich