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Die Welt · 1908-11-27 · 47 (27.11.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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hervorriefen, die der Wirklichkeit oft wenig entsprachen. Das ist heute anders geworden. Der Wirklichkeitssinn unseres Geschlechts hat mit solcher Färbekunst, sei es idealisierende Schönmalerei, die das Land in den Goldglanz des Heiligenscheins tauchte, seien es die dunkelnden Gläser der Pessimistenbrille, die nur den auf dem Lande lastenden Fluch wahrzunehmen .meinte, gründlich gebrochen. Wir haben gelernt, das heilige Land so zu betrachten, wie es ist und wie es sich nach seinen mannigfachen Beziehungen dem Forscher darstellt. Und das verdanken wir nächst dem Wirklichke'itssinn unserer Lage jenem Zuge unserer Zeit, der sich kundgibt in der Losung: Nach Jerusalem! Diese Losung ist heute durch die verschiedensten Motive ausgelöst. Waren es in alten Zeiten ausschließlich religiöse Triebkräfte, die einzelne oder auch größere Gruppen an die Wiege der Religion lockten, so hat sich ihnen neuerdings ein freierer, der Überlieferung selbständig gegenüberstehender Geist beigesellt:; es ist der Geist wissenschaftlicher Forschung, der sich der Natur des Landes und dem Leben der Bewohner zuwandte. Aber wenn sich auch die Palästinasehnsucht im Laufe der Jahrhunderte in ihren Antrieben stark differenziert hat, so ist doch eins sich gleich geblieben: Zu allen Zeiten ging dieser Sehnsucht, wenn sie ihre Schwingen rührte, ein literarischer Niederschlag zur Seite. Er liegt aus den ältern Zeiten in der talmudischen Literatur und den christlichen Pilgerschriften des Mittelalters vor; er liegt aus dem vergangenen Jahrhundert in den Schriften von Forschern wie Seetzen und Burckhardt, Robinson und Tobler vor, die recht eigentlich die moderne wissenschaftliche Palästinaforschung eröffnen. Diese wissenschaftliche Erforschung des Landes liegt nun seit etwa vierzig Jahren nicht mehr auf den Schultern einzelner-Männer, sondern auf den breiteren Schultern ganzer Gesellschaften, vor allen Dingen der englischen Pälästinagesellschaft (PEF) und des deutschen Palästinavereins (DPV) Sie haben durch den Spaten im Norden und im Süden des Landes eine Reihe alter kananitischer Kulturstätten freigelegt, so daß wir heute die Kulturgeschichte einer altpalästinischen Stadt durch einen Zeitraum von vier Jahrtausenden verfolgen können. Ihre Arbeit gilt der Vermessung der Landoberfläche, der Erforschung der Landessitte und Landessprache, : Untersuchungen geologischer und meteorologischer Art. Die Zeitschriften dieser Gesellschaften bieten geradezu eine Fundgrube der palästinischen Volks-, und Landeskunde. Aber eine willkommene Ergänzung dieser Arbeiten bringt die Tätigkeit des Palästinaressofts (früher: Zionistische Kommission zur Erforschung Palästinas) zu Berlin mit seinem Palästinaamt in Jaffa. Das Pälästinaressort hat es auf die Untersuchung der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes in der Gegenwart und für die Zukunft abgesehen, die Ergebnisse des einschlägigen Studiums Hegen ebenfalls in einem literarischen Organ, in der trefflichen Monatsschrift „Altneuland" _ bzw. „Palästina" vor. So fehlt es für den, der ein ernsthaftes Interesse an dem Lande nimmt, nicht an Quellen zur Volks- und Landeskunde. Und um so weniger wird er sich entgehen lassen, aus ihnen zu schöpfen, als dieses von -der Natur so scharf begrenzte und doch. in den Schnittpunkt dreier Erdteile gebettete Ländchen immer mehr in den Gesichtskreis der gebildeten Welt und in den Vordergrund des Interesses tritt.. Es ist geradezu ein Charakteristikum unserer Zeit im Blick auf Palästina, daß auch in weiteren Kreisen an die Stelle der kritiklosen, dürftigen, ja zumeist völlig versagenden Kenntnis des Landes, die noch vor zehn Jahren die Regel bildete, eine wirkliche, wohlbegründete Kenntnis von Land und Leuten zu treten, beginnt. Die „Palästinakunde" ist heute nicht mehr bloß ein; Bedürfnis, sondern sie wird Wirklichkeit und Tatsache auch für weitere Kreise. Und in dieser Tatsächlichkeit stellt sie sich .dar als die Resultante aus zwei Strömungen unserer Zeit, aus" dem Zuge unserer wissenschaftlichen Forschung auf Popularisierung ihrer Ergebnisse und aus dem Charakter unseres Zeitalters als dem des Verkehrs..;r. Das Zeitalter des Verkehrs ist auch für Palästina Wirklichkeit geworden. Von Jahr zu Jahr verbessern sich die Verkehrsverbindungen nach dem heiligen Lande wie auch innerhalb des heiligen Landes.. Alleinstehende Damen oder junge Mädchen sind auf den großen Gesellschaftsreisen, längst keine Seltenheit mehr, und zu den Pilgerzügen aus der ganzen Welt stellen allein die Russen Jahr für Jahr zwischen Weihnachten und Ostern durchschnittlich 7000 Pilger. Diese Verkehrsverbindungen sind natürlich nicht ohne Rückwirkung auf den Handel geblieben, und so haben sich zu den religiösen und historischen Gesichtspunkten kommerzielle hinzugesellt. Wie sehr mit der wirtschaftlichen Erschließung Produktions- und Konsumkraft, d. h. also Einfuhr und Ausfuhr im Lande, sich heben, davon geben die jährlichen Statistiken in den deutschen und englischen Konsulatsberichten von Jaffa und Haifa ein interessantes Bild. Es ließe sich noch auf die politischen Beweggründe hinweisen, die Staaten wie Rußlands England, Frankreich zu einer stetig wachsenden Teilnahme an der Entwicklung des Landes veranlassen, aber es wird auch ohnedem erhellen, wie heute die verschiedensten Nationen und Konfessionen, die mannigfachsten Berufs- und Lebenskreise diesem wunderbaren.Ländchen ein Interesse entgegenbringen, dessen sich kein anderes Land rühmen kann. Und diesem Interesse trägt unsere heutige Publizistik Rechnung. Es will doch etwas besagen, — namentlich für den etwas besagen, der mit dem Herzen zu diesem Lande steht, daß populär-wissenschaftliche Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens wie die Sammelungen: „Aus Natur und Geisterwelt", „Wissenschaft und Bildung", „Sammlung Göschen", „Monographien zur Erdkunde" an diesem Streifen Landes nicht mehr vorüber können, sondern in Wort und Bild Stellung zu ihm nehmen nach seiner großen Vergangenheit, nach seiner bunten, oft ungeklärten Gegenwart und nach seiner hoffnungsfrohen Zukunft!*) - Und jeder Palästinafreund kann aus diesen kleinen preiswerten Beiträgen zur heutigen Volks¬ und Landeskunde Palästinas von der Hiand berufener Gelehrter mancherlei Anregung und Belehrung entnehmen. Wer sich dazu über die jüdischen Verhältnisse oder die Entwicklungsmöglichkeiten unterrichten will, der nehme *) Die einschlägigen Bändchen sind in der obengenannten Reihenfolge: Prof. D. von Soden, Palästina und seinev Geschichte (Leipzig, Teubner 2. Aufl. 1904, 1.25 JL); Prof. M. Lohr, Volksleben im Lande der Bibel (Quelle und Meyer 1907, Leipzig 1.25-^); Lic. Dr. G. Hölscher, Landes- und Volkskunde Palästinas (Leipzig, Göschen 1907, 0.80 J£); Prof. Dr. Guthe, Das heilige Land in Wort und Bild (Leipzig, Velhagen und -Klasing 1907, 4.— .M.)

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