Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht um etwas bitten. Ich hatte bis jetzt "nur mit zwei Klassen von Juden zu tun — mit solchen, die zu mirgekommen, um mich zu bitten, ich möchte dies und jenes gegen sie nicht unternehmen, oder mit solchen, 'die zu mir gekommen, um_ mich' zu bitten, .ich möchte etwas für sie selbst tun.. Nur bei Herzl war es keine Angst und kein Bitten." Das Zeugnis dieses „Rascha" ist bezeichnend. Und die Aristokraten! Sie hielten Herzl für einen Demagogen. Hätten sie auch nur einen Hauch jener Vornehmheit, die ihn auszeichnete! Er kannte nicht die aufgeblasene Arroganz, den faulen, matt- und kaltherzigen, hohlen und langweiligen Egoismus der Geldprotze, ihren widerlichen Hochmut den Ärmeren, und die kriecherische SpeicKelleckerei den mehr Besitzenden gegenüber, er kannte nicht die Furcht vor'dem Plebs, die Ästhetik heuchelt, aber im Grunde um den Besitz zittert, er geißelte und verhöhnte dieses Elend in vielen seiner Schriften, insbesondere im „Altneuland", aber Aristokratismus müßte man bei ihm lernen. Man kann sich kaum eine vornehmere Erscheinung, ein vornehmeres Wesen vorstellen. Er verschönte und bereicherte einige Jahre unseren finsteren, bitteren Goluth. Wenn die historische Muse dereinst die kurze Summe zieht, so wird sie ein eigenes Blatt mit „jüdischer Schönheit" überschrieben, Herzl widmen müsseh. Denn schön war sein Wirken, wie seine Seele. Unabhängig von dem Standpunkt, von dem aus rückschauend der einzelne den Weg betrachten mag, auf dem wir dem zionistischen Ziele entgegenschreiten, ist in uns das Bewußtsein eingewurzelt, daß wir nie darauf verzichten können, was uns Herzl lehrte. Einer heiligen Flamme gleich lodert jetzt in vielen jüdischen Herzen das begeisterte Gefühl für die nationale Würde, glüht der Glaube an Zion, lebt das Vertrauen, daß der Geist Herzls in schweren Stunden dem Volke ein nicht minder strahlender .Leuchtstern .sein wird als früher. Er hat in den fünf Jahren seit seinem Tode nichts an lebensvoller Gegenwart in der Erinnerung verloren. Noch anziehender als jemals" zuvor wirkt seine von allen Reizen jüdischer Eigenart umflossene Gestalt auf die Einbildungskraft des Volkes, und wir, die ihm näher standen, sehen ihn noch und hören noch seine Stimme, wie sie klar und schneidend, mit unnachahmlichem Tone aus. seinem Munde klang. Ihm, der das Band der Einheit um die Juden der ganzen Welt für Zion geschlungen, gilt unser erstes Wort in dieser Zeitschrift, die er geschaffen, ihm, dem Mühsalbeladenen, dem Heldenträumer, der ein kleines Geschlecht gefunden, dem Kämpfer, der das Leben hinopferte, dem Pionier, der alle guten Geister geweckt, ja, der auch zu den Bösen gegangen für das Gute,, aber immer auf den unantastbaren Höhen seiner Würde geblieben ist. Er war „ein Stein des Anstoßes" und ist eine Grundsäule geworden. So ist er für unsere Empfindung lebendig geblieben. Er wird in dem Gedächtnis aller Zeiten festgewurzelt bleiben. Herzl kann nie vergessen werden. An seiner Größe werden wir größer, und im Vollgefühl ernster Verantwortung zionistischer Pflichten richten wir den Blick hinaus in die Zukunft und sehen uns gestärkt in der Erkenntnis, daß eine Generation, die einen Herzl erstehen ließ, nicht umsonst gelebt hat und daß sie noch Großes zu vollbringen vermag. Der Vergangenheit das feiernde Gedächtnis, der Gegenwart das tätige Schaffen! N. S-. Neue Aufgaben Wenn nicht alles trügt, so stehen dem Orient große Umwälzungen, bevor. Die Türkei wird durch die innere Reorganisation sicherlich gekräftigt werden, und die bisherigen Maßnahmen der neuen Regierung erscheinen verständig und zweckmäßig. Dem neuen türkischen Parlament werden zahlreiche Vorlagen zugehen. Der Arbeitsminister hat eine Reihe von Gesetzentwürfen über die in den nächsten Jahren auszuführenden öffentlichen Arbeiten vorbereitet. Er plant den Bau von 30 000 km Straßen, von 4000 km Eisenbahnen und von Hafenanlagen, die .Regulierung der mesopotamischen Flüsse, die Reorganisation der Kohlenminen von Heraklea, die Gründung einer Schule für Straßen- und Brückenbau, von Schiffahrts- und Industriegesellschaften usw. Nach der türkischen Zeitung „Serveti-Funun" sollen zunächst Eisenbahnlinien in der Gesamtlänge von 3200km gebaut werden. Zweifelhaft bleibt allerdings, ob alle diejenigen, die bisher gewohnt waren, sich als Erben des kranken Mannes zu betrachten, ruhig zuschauen werden, daß er wieder gesund wird. Rußland und Österreich, Serbien und Montenegro, Bulgarien und Griechenland haben sich an" türkischem Lande bereichert, und für die vier kleinen Raubstaaten, über die Europa zärtlich seine schützende Hand hält, ist diese Erbschaft am Lebendigen das Ziel aller Hoffnungen und der Gegenstand aller Wünsche. Allerdings würde die Türkei mit dem Balkangesindel schnell fertig werden, wenn man ihr freie Hand ließe. Griechenland wäre ohne das Dazwischentreten der Mächte wohl schon 1898 wieder ein türkischer Tributarstaat geworden. Aber die Türkei hat nichts zu gewinnen, weil man sie doch nicht die Früchte ihrer Siege genießen ließe, und so sieht sie sich zur Tatenlosigkeit gezwungen. Die kleinen Staaten aber haben nichts, zu verlieren. Schlimmstenfalls lassen ein paar tausend Mann ihr. wenig wertvolles Leben, und die Regierung bezahlt mit europäischem Gelde die Kriegskosten. Also spielt man mit dem Feuer, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß im Frühling die große Auseinandersetzung vor sich gehen wird. Wäre es nicht eben Winter, so würden wohl schon die Gewehre knattern. Aber was auch das kommende Jahr bringen möge, — die Geschehnisse verlangen unsere gespannteste Aufmerksamkeit, und wir müssen uns auf alle Möglichkeiten gefaßt machen. Die Umwälzung in der Türkei bringt uns wahrscheinlich große neue Aufgaben, zu deren Lösung wir uns rüsten müssen. Die Arbeit in Palästina ist heute nicht mehr erschwert durch die rechtlose Unsicherheit früherer Tage, und darum muß sie in großem Stile begonnen werden. Wenn wir in einigen Monaten wirklich sehen, daß das neue Regime sich zu halten vermag und daß unter ihm Ordnung und Rechtlichkeit ihren Einzug halten, so wird man ernstlich die Frage einer Kolonisierung des eingeborenen jüdischen Elements in großem Maßstab zu «rwägen haben. Man wird die Frage einer Versorgung größerer Einwanderungsmassen durch Inangriffnahme industrieller Tätigkeit studieren müssen, und die. Organisierung der türkischen Judenheit wird zur Notwendigkeit. Sie muß politisch einflußreich werden, und ihre Führung darf nicht uns abgeneigten Elementen zufallen. Dazu gehört dann wieder die Unterstützung oder Begründung von Zeitungen, und _ 2*