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Die Welt · 1908-11-27 · 47 (27.11.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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-*f r;y '—«^ " -^--v^j, ^-v--^^^^^^^^^v~^p^^^ 4 =- DIE3£ großen Kampfes, von dem Paris, Europa, ja die ganze Menschheit durchtpbt war! Weder Pinsker noch Herzl haben den Zionismus geschaffen. Seit Jahrtausenden bestand er vor. ihnen. Sie waren nur die Verkünder einer aus dem Grabe erstandenen Hoffnung, die Rufer und die Wecker, Pinsker in einem engern Kreise und Herzl in der großen Welt. - . Lichter und klarer ragt Herzls Gestalt empor, je mehr der Jahre die rastlos wandelnde Zeit zwischen ihn und die .Geschlechter legt, denen er die Pfade bereitet, und tiefer nur und eindringlicher tönen die Mahnungen nach, die er in den großen Kongreßtagen' für sein Volk gesagt, in denen wir atemlos an seinen Lippen hingen. Er lehrte uns, uns auf uns selbst zu besinnen. Wie sich in ihm die Entwicklung zum Zionismus vollzog, ganz unbewußt, ganz ohne zu wollen, so hat er es auch verstanden, in vielen von uns diese Entwicklung hervorzurufen. Es ist bekannt, welchen Erfolg die erste Broschüre Herzls „Der Judenstaat" hatte. Aber weniger bekannt ist es, welchen Einfluß das Erscheinen dieser Broschüre auf das neubeginnende Leben Herzls ausgeübt hat. Drinnen war er und konnte nicht mehr heraus. Drinnen nämlich in der zionistischen Bewegung, die in allen Ländern der Welt durch diese Broschüre entfesselt wurde. Herzl sah -sich plötzlich inmitten einer den ganzen Menschen ausfüllenden Tätigkeit. Und das wiederholte sich bei den Allergeringsten, die dieser Neuerwecker unseres Volkes, der Gründer der zionistischen Partei, in seinen Kreis gezogen hatte. Er besaß das Geheimnis der Seeleneroberung, weil er rein war in seinem Drange nach Freiheit und unbeugsam in seiner Forderung nach ftecht. Deshalb merkte man an ihm eine verschleierte Traurigkeit, eine wissende Traurigkeit. Er hatte neben aller modernen Herrlichkeit seiner eleganten Erscheinung die schaurig große Schwermut des Goluth. Er war mehr als die frühern Programme und mehr als seineignes Programm. Er war ein historisches Erlebnis des jüdischen Volkes. Sein Charakter war wie aus einem Guß, sein Wesen zeigte nicht den geringsten Widerspruch, nicht die kleinste Ritze. Gewiß hatte er wie jeder Mensch Launen, gewiß entschlüpfte seinem Munde oder entglitt seiner trauten Feder heimlich manches harte Wort, manches ungerechte Urteil, aber all das war von einer tiefen Ehrlichkeit durchpulst, und auf allem lag der milde Sonnenschein seiner unvergleichlichen Grazie. Er blieb unter allen Umständen fest in seinen Grundsätzen, nichts vermochte ihn davon abzubringen; seine Handlungen wie auch seine Gefühlsäußerungen zeichnete ein edles Maßhalten, eine mächtige Selbstbeherrschung und eherne Beständigkeit aus. Mächtig in seinen Gemütsbewegungen und zugleich mimosenhaft zart, mutig und zugleich rührend und herzlich, praktischen Sinnes und zugleich erstaunlich durchgeistigt und fein, vereinigte er in sich die allergrößten Gegensätze. Rein und hell klangen in ihm Wort und Tat zu- sammen wie "ein silberner Schild. Mit seinem Mut stürmte er zuvörderst allein, bevor er noch Mitarbeiter fand, die Festung der Vorurteile, unerschrocken, unbeugsam und unerschüttert. Er konnte nicht mit der Idee paktieren gehen, das Feilschen war seinem Wesen verhaßt. Er war ein stolzer Fahnenträger eines idealen' Volksstrebens. Niemals, auch in der schwierigsten £ELT ' ■■■■■■ ■ --■ ■ ■ NoL 47 Lage nicht, -verließ ihn sein Selbstvertrauen. Er war ein Held des jüdischen Ethos mit einem Herzen voll edler Gefühle und einer hochsinnigen Seele. So grimm er auch die Gegner bestritt, so mild zeigte er sich im Verkehr. Er täuschte sich oft. über die Menschen^ aber das Mißtrauen war ihm fremd wie. die"Heimtücke. In ihm wohnte kein Falsch und keine persönlichkleinliche Herrschsucht, darum hielt er nichts höher und heiliger als den Volkswillen, wie er sich im Kongreß äußerte, und nichts bindender als ein gegebenes Wort. Jede Unehrlichkeit im Kampfe hielt er für schmachvoll, entwürdigend, ehrlos. Aber der Geisterkampf war sein Lebenselement. Nie fühlte er mehr Freude, als wenn es galt, einen solchen Kampf auszuf echten. Dabei war ihm jedwedes Anzeichen von Überhebung fremd. Sein Selbstgefühl war das Selbstgefühl eines Führers, der das Verdienst überall anerkennt, wo er es just findet. Auch das gekränkte Selbstbewußtsein wurde bei ihm nicht zu unwürdiger Eitelkeit, zu gerneiner Rachsüchtelei. Jede kleinliche und widerliche Art war ihm fern. Offenheit und Geradheit, Hochherzigkeit und Gesinnungsadel zeichneten alles aus, was er getan und gesprochen hat. Kein Wunder, daß eine solche-Persönlichkeit zum Brennpunkt der Ereignisse und zum Pol wurde, um den sich alle Gedanken und Gefühl^ eines großen Teils unseres Volks drehten und daß auf ihn das Volk alles vereinigte, was seinen Geist beschwang und seine Seele bewegte. Ohne Krone und Szepter war er ein Fürst voll Herrscherwürde. Ohne Staat war er ein Staatsmann voll Kraft. Diejenigen, die die Staatskunst zu einem System brutaler Gewalt, mit einem Firniß von anmutiger Heuchelei, übertüncht, hinabgedrückt haben, -zu einem System, Ümter dem alle Rechte angeblich hoch und heilig gehalten, aber trotzdem kein Besitz sicher ist, sollten sich zu seinen Füssen setzen. Sie könnten von ihm lernen, wie man ohne Macht einen großen Gedanken auch den Mächtigen dieser Erde nahebringt, wie man sich auf den Flügeln der Phantasie zu den schwindelnden Höhen eines Ideals schwingt, ohne daß die Füße den festen Boden nüchterner Wirklichkeit und kühler Berechnung verlassen. Sie könnten von ihm lernen, wie es das Genie vermag und der Charakter fertig bringt, daß ein Einzelner, ohne Amt und Reichtum, ein Jude, ein Schriftsteller und Idealist, die geheime Kraft in sich findet, nicht als ohnmächtiges Werkzeug im Gleis des zermalmenden Geschicksrades zu liegen, sondern als Meister und Herr dessen Speichen lenken zu können. Und die Demokraten und die Aristokraten! Die ersteren wurden nicht müde, vor dem Höfling und Diplomaten zu warnen. Sie konnten sich mit den „Audienzen" und den politischen Allüren nicht befreunden. Für die letzteren war er hingegen der leibhafte Volksaufwiegler, der die Massen heranguiert. Ja, die Demokraten! Wir kennen sie, wie sie Unter den ihrigen großmäulig die Machthaber bespötteln und wie sie vor diese Machthaber, ja vor einen Kammerdiener eines Machthabers gestellt, fügsam und dressiert in Bücklingen zusammenfallen. Herzl war insofern ein Höfling, daß er das verwegene Krakehlertum haßte, sein Wesen war vornehm, seine Art edel. Aber er war eine stolze Rütli-Natur. Vor den Mächtigsten stand er wie eine Libanonzeder fest da und beugte sich nicht. „Bis Dr. Herzl zu mir kam — äußerte sich Plehwe — wußte ich nicht, daß es Juden gäbe, die

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