Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6\s/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG ML. JAHRG. KÖLN, 27. November 1908 purfc □"nn'e* t>03 "j THEODOR HERZL In einer Nummer dieser Zeitung, die für die große Öffentlichkeit bestimmt ist, muß vor allem desjenigen gedacht werden, derfür unsere Zionsidee überhaupt eine Öffentlichkeit geschaffen hat. Seine Gestalt und sein Charakter müssen in einer zu neuen Taten erfreuenden Überlieferung unversehrt erhalten werden. •Theodor Herzl! Der Zauber des Mythus umfließt ihn schon- und zwingt selbst den Widerspruch, sich in Ehrfurcht vor ihm zu neigen. Sein Dasein scheint zur Bildung einer modernen Legende auserlesen zu sein. Denn.es birgt eines jener innern Erlebnisse, das zu allen Zeiten die Propheten von den Weltkindern schied. In flammenden, begeisterten Worten schilderte er es selbst in seiner kurzen Selbstbiographie. Eine gewisse Golutherscheinung hatte ihn erschüttert. Es könnte ebensogut eine andere Erscheinung dieser Kategorie sein. Nicht das filend an sich ist das Wichtige, sondern wie der Mensch es empfindet. Die einen erleben alle Schrecknisse der Pogrome und vergessen sie schnell, die andern bäumen sich gegen jedes beleidigende Wort auf. Welche Form der Sklaverei Moses, der „zu seinen Brüdern hinausging", auch erblickt hätte, der Eindruck wäre derselbe. Man muß nur eine Mosesnatur haben. Für Pinsker waren es die Pogrome in Südrußland, für Herzl war es die Dreyfusaffäre. Es waren Impulse, die den Anstoß gegeben haben, Symptome, an deren Hand die Diagnose aufgestellt worden ist. Sie weeken die schlummernde Erkenntnis, und damit ist ihre Rolle ausgespielt. Nur etwas bleibt doch von dem zufälligen Impuls haften. Und über dieses „etwas" möchte ich einige Worte sagen, um so mehr, da bei all dem Philosophieren, über den Unterschied zwischen Herzl und Pinsker die Hauptsache noch nicht herausgesagt worden ist. Das Goluthsymptom Pinskers war derb, knüppeldick wie die Faust eines Chuligans, groß und weit wie die bessarabische Steppe, grauenvoll und blutig wie die Massakres von Balta und Jelisawetgrad. Das Goluthsymptom Herzls hingegen warein fein nuanciertes Produkt eines tiefen Rassenhasses, eine Mißbildung der raffiniertesten Überkultur, eine Giftpflanze auf dem Boden der Politik, der Öffentlichkeit, der Presse, des Parlaments und der Rednertribünen. Das kennzeichnet auch den Unterschied zwischen dem Pinskerschen Chowewe-Ziontum und dem Herzischen Zionismus. Das Chowewe-Ziontum war unmittelbar und suchte das Unmittelbare. Man mußte fliehen, und da hatte man keine Zeit, über Sicherheiten lange nachzudenken. Die Politik? Ja, man kannte_ sie "wenig, und man traute ihr noch weniger. In die Öffentlichkeit treten? Man kannte die Wege nicht, und man wollte auch lieber ganz allein sein. Dort ist das Land der Väter, und dring hinein, wie du kannst! Schaffe einen kräftigen Bauernstand, hefte dich an die Scholle des Stammlandes, und kannst du es nicht selbst tun, so hilf denjenigen, die es tun! So war das Chowewe-Ziontum. Es konnte nicht anders sein. Auf die Größe Pinskers fällt hierdurch " kein Schatten. Die Periode der Selbstaufopferung und der Grundsteinlegung jüdischer Siedlungen in Palästina bleibt eine der schönsten in der jüdischen Geschichte der letzten Jahrzehnte. All' diese Etappen bezeichnen einen Weg, der nach-den Höhen unserer Zukunft führt. Der Zionismus hingegen ist mittelbar, vielgliedrig, mit Flächen und Perspektiven wie das moderne Leben. Man muß das sittliche Empfinden der Völker anrufen. Die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Vernunft werden Zeit brauchen, um sich durchzuringen, aber sie müssen siegen. Die Politik beherrscht die Welt, wir müssen also in dieses Räderwerk eingreifen und den gestaltenden Faktoren die Überzeugung beibringen, daß es in ihrem klaren und eigensten Interesse liegt, unsere Sache zu fördern. Und unser Bestreben muß eine Form finden, eine Form, die die große Öffentlichkeit verstehen kann, klangvolle Worte, imposante Versammlungen, Presse und Finanzinstnimente, eine eigne größe Macht und schätzbare Beziehungen und Zusammenhänge nach außen — für die Erreichung des Zieles in großem Maßstabe. Das ist der Herzische Zionismus, Politik,. öffentliche Meinung, Parteigestaltung, Syndikate und im Hintergründe die Überzeugung, daß. die Wahrheit siegen müsse. Wie leicht erkennt man die Elemente des