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Die Welt · 1908-11-20 · 46 (20.11.1908) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Universitätsbehörden zur Erlangung gewisser Begünstigungen für Juden vollständig erfolglos, da Minister Schwarz ganz fest auf der. Resolution des Ministerrates besteht. Diese Resolution, die Anfang dieses Monats angenommen wurde, lautet, daß in denjenigen höheren Lehranstalten, wo keine Prozentnorm für die Aufnahme der Juden vorgeschrieben ist, 3 °,o für die Residenz, 5 °/o für die Städte außerhalb des Ansiedlungrayons und 10 "o innerhalb des Ansiedlungsrayons bestimmt werden. Eine Interpellation Nisselowitsch Nach der Mitteilung der russischen Blätter beabsichtigt der Deputierte Nisselowitsch, die Duma zu interpellieren, warum das Ministerkabinett der Beschränkung der Prozentnorm den Charakter eines Gesetzes verliehen hat. Nisselowitsch ^betrachtet das als Überschreitung der Befugnisse. Derselben Meinung ist auch die Partei der Kadetten, weiche auf ihrer letzten Konferenz beschloß, die Interpellation von Nisselowitsch zu unterstützen und die Frage der Prozentnorm in einer speziellen Kommission zu behandeln. Wie leicht vorauszusehen war, führten diese Beschränkungen zu vielen Taufen unter der jüdischen Jugend. So sind in der letzten Woche in Warschau 19 junge Leute zum Christentum übergetreten, um an dem Warschauer Polytechnikum angenommen zu werden. Dieselbe Erscheinung läßt sich auch in andern Universitätsstädten Rußlands bemerken. So berichten die Odessaer Blätter, daß in Odessa 18 Juden den mohammedanischen Glauben angenommen haben, um an der Universität angenommen zu werden. Das.Ministerium.des Innern hat die Erlaubnis zur Veranstaltung des Kongresses für Ärzte und Naturforscher am 6. Januar 1909 in Moskau nur unter der Bedingung gegeben, daß Juden, welche kein Wohnrecht in Moskau besitzen, am Kongresse nicht teilnehmen werden. Zur Statistik der judischen Bevölkerung in Polen Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitees betrug die Zahl der Juden in Polen am 1. Januar 1908 1 716 064, und zwar in Warschau 277 787, in Gouvernement Warschau 189 597, Gouvernement Kaiisch 100 080, Gouvernement Kielce 104 515, Gouvernement Lomza 103 394, Gouvernement Lublin 205 894, Gouvernement Petrikau 282 075, Gouvernement Plosk 69 781, Gouvernement Radom 150133, Gouvernement Suwalk 80599 und Gouvernement Siedice 149317. Im allgemeinen machen die Juden 14,5 °/o der ganzen Bevölkerung Polens aus. Ein krasses Beispiel für die Härte der russischen Gerichte bot .die Bestätigung des Urteils gegen die Warschauer „Poale-Zion" durch das Hauptkriegsgericht. Wegen Zugehörigkeit zur Partei der Poale- Zion, die sich die Niederwerfung der bestehenden Staatsordnung in Rußland zur Aufgabe gestellt hätten, waren nämlich Sontag zu 6 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien, Babiatzki, Sajontschkowsky und Rauf zuje 4 Jahren, Turschawsky zu 2-,s Jahren verurteilt worden, während die minderjährigen Kutschinsky und Neuhaus je 3 Jahre Gefätjgnis erhalten hatten. Gegen das unerwartet harte Urteil war Berufung eingelegt worden. Der Appell an die höhere Gerechtigkeit erwies sich jedoch als fruchtlos. Freisprechung der beiden Brodsky In dem bekannten Prozeß gegen die beiden Söhne des jüdischen Millionärs Brodsky, die während des Kiewer Pogroms auf die Hooligans geschossen und einen derselben schwer verwundet hatten, wurden die beiden Angeklagten dieser Tage von dem Kiewer Bezirksgericht freigesprochen. Damit sind glücklicherweise die Befürchtungen beseitigt, daß sogar diese Notwehrhandlungen den Juden noch als Schuld angerechnet werden könnten. Es ist bezeichnend, daß man in Rußland auch diese Selbstverständlichkeit noch besonders anerkennen muß. England (Von unserm Berichterstatter) Ein jüdisches Hospital im Eastend Die jüdische Gemeinde in Manchester hat durch Errichtung eines eignen Hospitals ein Beispiel gegeben, das geeignet war, in andern Städten Nachahmung zu finden. Die ersten, die dem guten Beispiel folgten, waren die Juden im Osten Londons. Während der letzten 3 Jahre war ein jüdischer Hospitalverein ununterbrochen tätig, um einen Fonds zur Errichtung eines jüdischen' Hospitals zu sammeln. Versammlungen in Synagogen und Sälen wurden abgehalten, Wohltätigkeitskonzerte und Bazare fanden von Zeit zu Zeit statt zu dem Zwecke, Stifter zu gewinnen, und die erforderlichen Beträge zu bekommen. Interessant ist, daß die anerkannten Führer der Gemeinde dem. Plane durchaus abhold waren, weil sie von der Ansicht ausgingen, in den verschiedenen Krankenhäusern Londons sei für jüdisch sprechende Patienten, die koscheres Essen verlangten, ausreichend Vorsorge getroffen. Die Eastend-Juden ließen sich indessen nicht beirren und haben ohne jede Ermutigung von außen mehr als 10 000 £ zusammengebracht die hauptsächlich in kleinen wöchentlichen Beiträgen eingingen. Sie sind jetzt schon in der Lage, Verhandlungen wegen Erwerb eines Grundstückes in Stepney Green zu führen. Die Grundbesitzer verlangen 6500 £ dafür, das Komitee will aber mehr als 5000 £ für den Grunderwerb nicht ausgeben. Der Hospitalverein umfaßt über 10 000 Mitglieder, die in verschiedenen ' Untervereinen im Osten und Nord-Osten Londons organisiert sind. Am verflossenen Sonntag fand im Pavilion-Theater eine Reihe von kinematographischen Vorführungen zum Besten des Fonds statt. Die Juden und die- Wahlen Die Diskussion über das gesonderte Auftreten der Juden bei allgemeinen Wahlen, die Frage der sogenannten „Jüdischen Stimme", erregt immer noch die Gemüter der Gemeinde. Sonntag abend fand bei den Maccabaeans eine Debatte über diesen Gegenstand statt, bei der mehrere jüdische Parlamentsmitglieder zugegen w.iren. Herr Israel Abrahams, der die Debatte eröffnete, behauptete, die ganze jüdische Geschichte beweise die Unfähigkeit der Juden zu harmonischer Zusammenarbeit. Die Differenzen seien bei ihnen immer größer als der Trieb zur Gemeinsamkeit; eher würde der Löwe sich zum Lamm legen, als daß der Hilfsverein der deutschen Juden mit der französischen Alliance zusammenginge. Eine jüdische Partei außerhalb des Parlaments sei daher eine durchaus unmögliche Idee, denn es werde niemals eine einheitliche jüdische Politik geben. Die Abgeordneten selbst aber wür4en unmoralisch handeln, wenn sie sich zu einer jüdischen Partei zusammenschlössen, da sie doch genau wüßten, daß sie von ihren Wählern nicht yi ihrer Eigenschaft als Juden gewählt worden seien. Was den einzelnen Wähler anbetrifft, so sei das eine ganz andere Sache. Er sei der Meinung, daß jeder Jude durchaus das Recht habe, sich von den Ansichten und Erwägungen beeinflussen zu lassen, die sein Gewissen am tiefsten bewegen. Herr Stuart Samuel, Mitglied des Parlaments und Bruder des Unterstaatssekretärs im Ministerium des Innern, sprach von dem Fremdengesetz, von dem er behauptete, es sei nicht gegen die Juden gerichtet. Er mißbilligte durchaus die Gründung einer besondern jüdischen Partei. Es sei kein Bedürfnis für die Bildung einer solchen Körperschaft, sagte er, da man versichert sein könne, daß die Mitglieder des Unterhauses keine Gelegenheit vorübergehen ließen, um im Interesse ihrer Glaubensgenossen zu wirken. Das Jüdische Theater Herr Sigmund Feinman hat soeben einen Zyklus regelmäßiger jüdischer Theatervorstellungen im Pavilion-Theater in Whitechapel beendet. Trotz der ungünstigen Erfahrungen, die er im Vorjahre mit diesem Theater gemacht hat geht er mit der Absicht um, dem jüdischen Theater an dieser S'ätte ein dauerndes Heim zu schaffen. Er gedenkt von Februar ab das Theater auf 6 Monate zu pachten. Sollte der Versuch gelingen, so wird er es auf weitere 5 Jahre mieten. Er vertraut darauf, daß die Unterstützung des Publikums hinreichend sein wird, um sein Unternehmen nutzbringend zu gestalten. Diese Woche ist er nach New York abgereist, von wo er im Januar mit einer vollständigen amerikanischen Truppe und einer Anzahl neuer Stücke zurückzukehren hofft, die bis dahin weder in England noch in Amerika je aufgeführt wurden. Die Parlamentswahlen in der Türkei Konstantinopel, 18. Oktober. (Von unserm Berichterstatter.) In Smyrna wurde unter andern ein Jude. Mazliah, ins Parlament gewählt In Konstantinopel hat der jüdische Kandidat Faraggi die meisten Aussichten. In Saloniki ist bekanntlich ebenfalls ein Jude, Rechtsanwalt Caraszo, gewählt. . Kongreß für hebräische Sprache und Kultur ln Berlin hat sich ein Komitee gebildet, das die Einberufung eines allgemeinen Kongresses aller derjenigen vorbereitet die ernstlich gewillt sind, für die Neubelebung der hebräischen Sprache und Literatur das notwendige Fundament zu schaffen. Das Programm des Kongresses soll alle Gebiete des geistigen Lebens berücksichtigen. Erhaben über alle parteipolitische Engherzigkeit, soll es ausschließlich von allgemeinen jüdischen Grundprinzipien bestimmt

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