Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316343--51259-3378883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schankwirtetag Am 10. November hielten die Schankwirte Galiziens in Przemysl eine Konferenz ab. Es erschienen 570 Schankwirte, in der überwiegenden Majorität Juden. Der wichtigste Verhandlungspunkt war die gesetzliche Regelung der Propinationsfrage ab 1910, in welchem Jahre das alte Propinationsgesetz außer Wirksamkeit tritt; ebenso lebhaft wurde die von der Volkspartei und den Antialkoholikern geforderte Sonntagssperre besprochen. Der Referent Herr Moses Frostig meinte, die Sonntagssperre werde eher 35 000 Seelen, die vom Schankgewerbe leben, als den Alkoholismus zugrunde richten. Eine Resolution, die gegen die Sonntagssperre, die alle jüdischen Schankwirte ernstlich bedrohe, Stellung nimmt und die Herabsetzung der Landeskonsumsteuer von 8 auf 6 Kronen verlangt, wurde angenommen. Die jüdische Nationalität an der Lemberger Universität Die jüdische Studentenschaft Lembergs hat in ihrem Kampfe um die Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Universität einen Erfolg zu verzeichnen. Der Rektor berief die Vertreter der Jüdischnationalen Rotfeld und Richter und teilte ihnen mit, daß der Senat beschlossen hat, die in den Doktordiplomen übliche Bezeichnung der Nationszugehörigkeit — wobei bei jüdischen Kandidaten stets die Formel „polnischer Nationalität" gebräuchlich war — bei der Verleihung des Doktorats an jüdische Kandidaten fallen zu lassen. Damit ist für die Anerkennung der jüdischen Nationalität ein Präjudiz errungen. Die jüdischen "Studenten verwahrten sich stets energisch gegen diese willkürliche Feststellung, die „mit den Tatsachen nicht in Einklang zu bringen ist". Es ereignete sich häufig, daß Juden die Entgegennahme der Diplome mit dem Hinsweis auf die Klausel „nationalpolnisch" verweigert haben. Der akademische Senat wurde schließlich gezwungen, von der zwangsweisen "„Polonisierung" der jüdischen Doktoren Abstand zu nehmen. Scholem Aleichem-Abend in Wien Der akademische Verein „Jüdische Kultur" gab den Wiener Verehrern Scholem-Aleichems die erwünschte Gelegenheit, dem geliebten Dichter anläßlich seines 25jährigen Schriftstellerjub'läums zu huldigen. Der Sprecher des am 14. d. M. im „Goldenen Widder" stattgehabten Abends war Dr. Abraham Coralink. Er bezeichnete Scholem-Aleichem als den jüdischsten und volkstümlichsten Dichter. Natürlichkeit, Lebenswahrheit, Humor und echter jüdischer Witz — die mit Satyre nicht zu verwechseln sind — sind die Grundzüge seines dichterischen Schaffens. Der sehr beifällig aufgenommenen Konferenz folgten Rezitationen und Vorträge. Morris Rosenfeld-Vorlesungen Der vom zionistischen Volksverein „Theodor Herzl" in Trautenau am 31. Oktober veranstaltete Rosenfeldabend bedeutet für die zionistische Sache nach jeder Richtung hin einen vollen Erfolg. Dahin dürfen wir auch den Umstand rechnen, daß in dieser Gegend, wo die Juden bisher ihrem Volke ganz entfremdet waren, trotz der Unruhen der Saal bis aufs letzte Plätzchen von einem aus allen Schichten der' Bevölkerung bestehenden Publikum erfüllt war. Den Abend eröffnete der Obmann des Vereins, Herr Dr. Hugo Rappaport, mit einigen herzlichen Worten der Begrüßung, worauf Herr Dr. Emil Marguli es die Persönlichkeit des Dichters, seine Stellung und Bedeutung in der kulturellen und literarischen Entwicklung des jüdischen Volkes und sein Werk besprach. Dem Redner, welcher es mit als Aufgabe des Abends bezeichnete, den Dichter, der der Interpret des Lebens und Leidens von 90 Prozent des jüdischen Volkes ist auch dessen übrigen zersprengten Teilen nahe zu bringen,, gelang es, das Interesse des Publikums, dem zum Teil der Name Morris Rosenfeld bis dahin fremd gewesen war, derart zu wecken, daß es den Gast, als er das Podium betrat, als einen der Seinen begrüßte. Herr phil. Heinrich Wittmann aus Prag trug in musterhafter Weise einige Gedichte jn deutscher Übersetzung vor. Morris RosenfeJd kam mit einem glänzend fewählten Programm, aus welchem das Publikum alle Seiten seines chaffens und Könnens würdigen lernte. Niemand im Saale konnte sich des erschütternden und ergreifenden Eindrucks erwehren, daß hier ein Dichter von Gottes Gnaden stehe. Darum dürfen wir, obwohl das Wort Zionismus während des Abends keinmal ausgesprochen wurde, sagen, daß er ein voller Erfolg für unsere Sache war, weil auch ganz ihrem Volke entfremdete Menschen in dem Werke und der Persönlichkeit des. Dichters sich eins fühlten mit der Gesamtheit. Protest gegen die Vorgänge an der Wiener Universität Czernowitz. Am Montag, um 10 Uhr vormittags, fand im Hörsäle V unserer Universität eine von den hiesigen vier jüd.-nat. Studentenverbindungen einberufene Versammlung mit der Tagesordnung „Stellungnahme zu den jüngsten Vorgängen an der Wiener Universität" statt. Die Versammlung, zu der sich die jüdische Studentenschaft massenhaft eingefunden hatte, wurde von Herrn cand. iur. Kaiman Schapira („Zephirah") eröffnet. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen und wies in kurzen Worten auf den Zweck der Versammlung hin. Hierauf ergriff der Referent Herr cand. iur. Israel Taubes („Emunah") das Wort und betonte in seinen Ausführungen, daß die Juden jetzt nicht nur die klerikale Bewegung zu bekämpfen haben, sondern einen viel ärgern Feind, nämlich die verkappten Gegner, welche die nationale Begeisterung auf ihre Fahne geschrieben haben und unter „Freisinn" Unterdrückung der Juden verstehen. Der Referent gibt in seinen weitern Ausführungen ein Bild der letzten Vorfälle an der Wiener Universität und findet den Grund dieser traurigen Ereignisse in der Tragik der jüdischen Geschichte. Hatte man nämlich früher die Juden als Keil im eignen Fleisch und als frechen Eindringling gehaßt, weil sie Deutsche sein wollten, greift man sie heute auf bestialische Weise an, weil sie Juden sein wollen. Redner befaßt sich weiter mit der angeblichen Gefährdung des deutschen Charakters der Wiener Universität durch die Juden und weist auf die Verhältnisse an unserer Universität hin, welche am eklatantesten die Unrichtigkeit und Böswilligkeit derartiger Behauptungen beweisen, und bespricht ferner die Haltung des Wiener Rektorats in dieser Angelegenheit. Er schließt mit einem heftigen Proteste gegen die Auswüchse des Chauvinismus, der so weit geht, jüdischen Studenten Satisfaktion zu verweigern. Der Referent legt der Versammlung folgende Resolution vor, welche mit großem Applaus einstimmig angenommen wurde: „Die am 15. d. im Hörsaale V tagende jüdische Studentenversammlung an der k. k. Franz-Josephs-Universität in Czernowitz protestiert energisch gegen die unerhört niedrige und tückische Art des Oberfalles von deutsch-nationalen auf einzelne jüdisch-nationale Studenten. Sie sieht in den letzten Überfällen nur den Ausbruch einer schon seit Jahren geführten systematischen Hetze gegen die jüdischen Studenten an der Wiener Universität, einer Hetze, die darauf gerichtet ist, die jüdischen Studenten, nachdem ihnen durch die Weidhofener Beschlüsse die soziale Gleichwertigkeit abgesprochen wurde, auch noch von der Universität selbst zu verdrängen. Die Versammlung verwahrt sich auf das entschiedenste dagegen, daß der Wiener akademische Senat, dem Drucke der deutsch-nationalen Studenten nachgebend, die in gerechter Abwehr um ihr Recht kämpfenden jüdischen Minoritäten unter Ausnahmegesetze stellt, und erwartet von jener Behörde, daß sie den gefaßten Beschluß außer Kraft setzen werde. Die Versammlung drückt der für die Ehre und Vollberechtigung kämpfenden jüdischen Studentenschaft die herzlichsten Sympathien aus und erklärt feierlich, mit allen Mitteln sie in ihrem gerechten Kampfe zu unterstützen." Rußland (Von unserem Berichterstatter) Die Reaktion Die Reaktion ist im vollen Gange, und jeder Tag beraubt uns der Illusionen über die Besserung der Lage der Juden in Rußland. Die Tendenz läßt sich am deutlichsten in der Schulfrage erkennen. Die neuen, von Minister Schwarz bearbeiteten Universitätsstatute riefen eine Unzufriedenheit nicht nur in den oppositionellen Kreisen, sondern sogar unter den bis jetzt regierungstreuen Oktobristen hervor. Einer von ihnen, Graf UwaTOw, beabsichtigt, eine Interpellation in der Duma einzubringen. Um die Regierung davon in Kenntnis zu setzen, begab er sich zum Ministerpräsidenten. Dieser erklärte dem Grafen, daß die Politik des Ministers für Volksaufklärung die Meinungen des ganzen Ministerkabinetts ausdrückt, und ließ durchblicken, daß ein Hervortreten gegen den Minister Schwarz als eine regierungsfeindliche Aktion angesehen werden wird. Ob diese Erklärung des Ministerpräsidenten die Oktobristen in ihrem Vorhaben befestigen wird, ist sehr zu bezweifeln. Nach der Erklärung des Grafen Urusow wird ein Teil sicher diese Interpellation zusammen mit den Kadetten und den Linken unterstützen. Vorläufig kann man nur auf die Kadetten rechnen, welche beschlossen haben, gegen die Universitätsstatute im allgemeinen und diejenigen ihrer Punkte, welche die Aufnahme der Juden in höhere Lehranstalten betreffen, im besondern -vorzugehen. Wie -sich die Oktobristen zu dieser Frage verhalten werden, wird die Zukunft zeigen. Vorläufig bleiben alle Bemühungen der