Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Schweiz Wintert hur: Der diesjährige Vortragszyklus des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur wurde am 8. November abends durch Herrn Dr. Pinkus aus Zürich mit dem Vortrag „Die türkische Umwälzung und das jüdische Volk" eröffnet. Der Vollzug der Umwälzung von dem absolutistischen Staate in einen konstitutionellen ist in emer seit Jahrhunderten unbekannten, vielleicht noch nie dagewesenen relativ ruhigen und unblutigen Weise verlaufen. Der Orient bzw. die Türkei, vom übrigen Europa sozusagen tot geglaubt, hat plötzlich ihre aus dem Jahre 1876 stammende Verfassung erhalten. Die Perspektive, die sich durch diese politische Neugestaltung der Türkei den Juden eröffnet, ist überaus günstig, und da wir Juden keine Macht besitzen, unserm Willen mit Gewalt Achtung zu verschaffen, so müssen wir uns eben in das wirtschaftliche Kleid hüllen, wobei es Pflicht aller, im besondern aber der jüdischen Plutokratie ist, uns zu unterstützen. Das Heranziehen der Juden von seiten der Türken ist ebenso sehr gegeben, wie das des Hineinkommens der'Juden nach dem Orient, denn die Türkei mit ihren 3 Millionen Quadratmeter Flächeninhalt und nur 24 Millionen Einwohner fühlt zur Zeit recht wohl, daß es ihr not tut ihre Provinzen besser zu bevölkern. Es liegt deshalb im Selbsterhaltungsinteresse der Türkei, daß sie eine geeignete Besiedlung ihrer Provinzen fördert, und diese Gelegenheit muß den Juden, weil für die osteuropäischen jüdischen Massenabwanderungen die bisherigen großen Aufnahmegebiete New-York, London, Manchester usw. ebenso wenig mehr in Betracht kommen als Argentinien, wo die Hirschsche Kolonisierung, vielleicht mit aus dem Grunde des moralischen Tiefstandes dieses Landes, mißglückt ist, willkommen sein, denn in der Tat ble'bt ihnen nur -noch der Orient, im speziellen Palästina und Syrien, diese alten Judenländer. Zur Besiedlung dieser Länder eignen sich, wie die Erfahrung dartut, in der Hauptsache eben nur die Juden, und ein weiterer, günstiger Faktor dabei sei, daß die Juden in Palästina und Syrien durch die Beschäftigung, der sie seit zwei Jahrtausenden, fast nicht mehr obliegen konnten, auf die Bebauung des Bodens angewiesen seien und sich ihnen dort die Möglichkeit zur freien volkswirtschaftlichen Entfaltung bietet. Die.zionistische Bewegung, ihre geschaffenen Institutionen und bereits erzielten, nicht auf politischem "Gebiete liegenden Erfolge erwähnend, schloß der Redner mit einem kräftigen Appell an alle Juden seinen ausgezeichneten und anregenden, von* allgemeinem Beifall begleitet gewesenen Vortrag, der einer stärkeren Frequenz von Seiten der verehrlichen Mitglieder wohl wert gewesen wäre. Türkei Im Anschlüsse an den in Salonik bestehenden zionistischen Zirkel hat sich jetzt auch in Brussa eine zionistische Gruppe konstituiert. Auch in Smyrna sind Bestrebungen zwecks Bildung eines zionistischen Vereins im Gange. Südafrika Zionismus in Namaqualand Am Schlüsse des Versöhnungstages beschlossen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Garies, einen Zionistenverein zu begründen. Zahlreiche angesehene Gemeindemitglieder haben sich der Vereinigung angeschlossen. An die Landesorganisationen! Das Aktionskomitee hat mit Bezug auf die Schekelsammlung folgende Bestimmungen erlassen, auf deren Einhaltung strengstens zu achten ist: 1. Es dürfen überhaupt nur solche Schekel verausgabt werden, die vom Aktionskomitee bezogen oder aber in seinem Einverständnisse und unter seiner Kontrolle hergestellt worden sind. Andere als solche Schekel sind ungiltig und gewähren keinerlei Wahlrecht zum Kongreß. 2. Die Landesorganisationen sind verpflichtet, die eingegangenen Schekelgelder allmonatlich vollzählig und ohne Abzug an das A. C. abzuführen. 3. Die Landesorganisationen sind verpflichtet, allmonatlich in noch näher zu bezeichnenden Zeitungen (je einer besonderen für jedes Land) die Schekeleingänge nach Ortschaften geordnet auszuweisen, und zwar derart, daß aus diesem Ausweis die Summe des in dem betreffenden Monate aus jeder Ortschaft resp. jeder Gruppe eingegangenen Schekels ersichtlich ist. Für solche Länder, die über eigene Ausweisorgane nicht verfügen, wird die Veröffentlichung in der „Welt" vorgenommen. _ Die Schekel für das neue Jahr sind bereits an alle Landesorganisationen versandt, so weit diese die Schekelabrechnung des verflossenen Jahres mit dem A.C. vorgenommen haben. Die Vereine und Vertrauensmänner werden ersucht, sofort von den Landeskomitees die erforderliche Zahl Schekelhefte zu verlangen und mit der Sammlung zu beginnen. NACHRICHTEN Palästina (Von unserem Berichterstatter) Handarbeitskurse in Jaffa . Durch die Bemühungen des Palästina-Amtes ist ein wichtiger Fortschritt im Schulwesen Jaffas zu verzeichnen. Als Herr Dr. Ruppin s. Zt. nach Palästina übersiedelte, brachte er aus Berliner Handarbeitsgeschäften Muster, Material, und Aufträge für weibliche Handarbeiten mit Man hoffte damals, dadurch sofort einer Anzahl von Mädchen Beschäftigung und Brot geben zu können, denn in Berlin verdienen junge Mädchen mit diesen Handarbeiten 2.50 bis 3.—Jl pro Tag, und in Jaffa wäre ein Verdienst von 1.— Frs. täglich für ein junges Mädchen schon ein sehr erwünschter. Der Versuch ist aber trotz Aufwendung von Mühe und Geld daran gescheitert, daß die jungen Mädchen hier von Handarbeiten absolut nichts verstehen und mit 14 Jahren infolge mangels jeder Unterweisung und Übung ungeschickter sind als ein deutsches Mädchen von 6—7 Jahren. ' Dies wird hier allgemein als Mangel empfunden, nicht nur, weil es die Mädchen der Möglichkeit eines Verdienstes beraubt, sondern auch, weil sie später alsprau im eignen Haushalt zu jeder Handarbeit für den eignen Gebrauch unfähig sind. In Anerkennung dieser Verhältnisse hat das Palästina-Amt im Einverständnis mit dem A.-C. und zusammen mit dem Odessaer Komitee den Plan gefaßt, die Schülerinnen der beiden obern Klassen der Mädchenschule des Odessaer Komitees und eventuell noch andere geeignete Mädchen zu einem einjährigen Handarbeitskurse zu vereinigen. Diese Kurse haben inzwischen schon begonnen und stehen unter der technischen Leitung der Frau Hirschenberg, der -Witwe unseres jüngst verstorbenen großen Malers. Die Absetzung des Chachambaschi von Jerusalem Die in unserer vorigen Nummer gemeldete Absetzung des Chachambaschi Panigel erfolgte durch telegraphische Verfügung des Chachambaschi von KonstantinopeL Es äst noch nichts darüber bekannt, wer der Nachfolger des abgesetzten Chachambaschi werden soll. Es verlautet, , daß in Jerusalem selbst kein geeigneter Kandidat zu finden sei. (?)