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Die Welt · 1908-11-20 · 46 (20.11.1908) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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<No. 46 t>IE3SgELT „Um des Himmelswillen, schweiget, es tut weh, und ich fürchte mich ..." Die Ketten hatten viel Elend und Schmerz gesehen und flüstern: „Einmal kam ein junges Weib im gesegneten Zustand, ihren Mann hatten die wilden Horden halb tot geschlagen. Hier gebar sie ihr totes Kind, und das war wirklich ein Jammer." Die Gefesselte leidet furchtbare Qualen. Sie fühlt den Schmerz der unglücklichen Frauen tausend- und tausendmal. Ihr ist, als wenn sich ein blasser Mund mit bläulichen dünnen Lippen öffne, um die schrecklichen, grauenhaften Geschichten zu erzählen. Und die Ketten klirren und rasseln und rasseln und kürren ohne Ziel und ohne Ende . . . „Wir haben Hände umschlossen von herkulischer Kraft. Es waren tatkräftige Männer, die eine Zukunft in sich bargen. Und weil sie ein unzerreißbares Band der Liebe und des Mitgefühls um alle Menschen knüpfen wollten, hat man sie hergebracht. Wir, vereint mit dem Dunkel und dem Schmutz, haben ihre glänzenden Augen starr und glanzlos gemacht und ihre Willenskraft gelähmt." „Ketten, Ketten, grausame, schreckliche Ketten! Kennt ihr kein Erbarmen? Mein Herz zerspringt in der Brust, es wird sich dehnen und die enge Zelle sprengen. Es wird hinauslaufen in die weite Welt und die besudelten Helden rächen ..." Die Ketten klirren ganz, ganz leise. Es ist wie ein spöttisches, nachsichtiges Lächeln. „Sei ruhig, auch das haben wir gesehen. Die haben geschrien und sich den eigensinnigen Kopf an der Türe halb zerschellt. Da hat man sie in die Zwangsjacke gesteckt und nannte sie Wahnsinnige!" Wahnsinnig! Etwas Neues steigt vor der Gefesselten auf. Es ist die häßliche Grenze, die sie mituneingestandener Angst erfüllt. Auch sie hatte das Unglück, gutmachen zu wollen, was andere mit böswilligem oder verstocktem Herzen verdarben. Liebevolle Eltern hatte sie verlassen, und ihrem Studium, das ihr eine schöne Zukunft versprach, hatte sie Lebewohl gesagt, um dem Volke zu nützen. Da begann die Polizei, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie lief davon, über Warschau nach Deutschland. Sie wollte nach dem freien Amerika. Die Kommission kam und wollte sie untersuchen. Sie legte ihre feste Hand an das Kleid, um es vorschriftsmäßig abzulegen. Da bemerkte sie unversehens ein frivoles Lächeln auf dem Gesichte eines Herrn.' Ein kurzes Zaudern. Röte und Blässe wechseln in ihrem Gesicht. Nein, lieber alles, nur nicht das. Man schickte sie in das gefürchtete Rußland zurück. Sie hoffte der Polizei zu entgehen und eine segensreiche Tätigkeit beginnen zu können. Aber man empfing sie mit höhnischem Gelächter und Kolbenschlägen . . . „Ketten, Ketten, habt ihr gar kein Erbarmen? Gebet mich frei, ich beschwöre euch ..." Die Ketten rasseln wieder leise. Es ist das frühere spöttische Lächeln. „Wir haben in heroischen Männern und Frauen den Seelenadel und die Heldengröße herabgedrückt bis zu Wahnsinn und Tod." „Ich will nicht hören, gebt mich frei . . ." „Beruhige dich. Wir werden dir die Zeit vertreiben in all den Jahren, in denen du hier weilen wirst. Höre: Es ist eine alte, uralte und doch so neue Geschichte. Bevor du kamst, . umschlossen wir einen alten Mann mit eisgrauem Bart und tiefgebeugtem Rücken. Er wohnte in einem Dorfe, wo ein Kind auf rätselhafte Weise verschwand. Gleich tauchte das Blutmärchen auf. Vom Sederabend hatte man ihn hergebracht, er hatte noch das Feiertagsgewand an. Er schmachtete in Ketten, bis das Kind sich wiederfand, und als man ihn freigeben wollte, war er tot . . ." Die Gefesselte hört nicht mehr. Ein modernder, blutgeschwängerter Duft steigt vor ihr auf, unzählige Gemordete, Tote, Wahnsinnige. Ein Gewoge' von Leichen, aufgeschlitzte Leiber, abgenittene Mutterbrüste, ausgerissene Haarbüschel, lauter Schatten und Tote. Es entrollt sich Bild auf Bild mit unbarmherziger Genauigkeit. Sie fühlt in sich ein ganzes Volk. Das Volk, das jahrtausendelang mitleidslos gepeinigt wird. Es ist das alte jüdische Volk, an dem man die tierische Wildheit ausläßt, auf das man Jagden macht wie auf flüchtiges Wild. . . . Eine zersetzende Fäulnis nimmt von ihr Besitz. Und trotzdem sollte sie hier tatenlos die Zeit verbringen, anstatt die Fackel der Empörung und Auflehnung mitten ins Volk zu schleudern? Aber die Fackel war ja schon lange im Volke, und sie hat gezündet. Schon schüttelte es die Ketten der Sklaverei verächtlich von den Sohlen. Das Feuer der Begeisterung loderte hell auf, nur sie konnte an dem großen Werke der Befreiung nicht mitwirken. Da möchte sie vor wildem Schmerz am liebsten lachen, lachen, bis der Leib zerbersten und das Uhrwerk drin zerspringen wird. Eine dumpfe Hitze steigt ihr vom Halse herauf. Wildwütend reißt sie sich die Kleider vom Leibe und wirft sich auf den steinernen Boden. Klirren die Ketten schon wieder? oooooool; AUS DER BEWEGUNG f o o o o o o o Deutschland Köln. In der Zionistischen Ortsgruppe sprach am verflossenen Samstag Herr Julius Berg er über das Thema: „Der Zusammenschluß der jüdischen Organisation." Der Referent der den Vortrag an Stelle des plötzlich verhinderten Herrn Dr. Bodenheimer in allerletzter Stunde übernommen hatte, skizzierte den Verlauf der von verschiedenen Seiten ausgehenden Bemühungen auf einen Zusammenschluß der großen jüdischen" Organisation. Der Plan wurde zuerst in konkreter Form von zionistischer Seite auf der Brüsseler Konferenz zur Diskussion gestellt Neuerdings haben diese Bemühungen, eine greifbare Form angenommen als Ergebnis mehrerer Konferenzen, die auf Veranlassung eines aus Angehörigen fast aller großen jüdischen Organisationen bestehenden Komitees in Berlin getagt haben. Der Plan verfolgt die Zusammenfassung der jüdischen Organisationen zu einer Vertretung der Gesamt judenheit in Fällen von Katastrophen. Parallel damit laufen die Bemühungen, die jüdische Auswanderung nach dem Orient zu lenken und die jüdischen Organisationen zu veranlassen, auf diesem Gebiete eine gemeinsame Tätigkeit zu entfalten. Der Referent war nicht geneigt, die bekannt gewordenen Tatsachen allzu hoch einzuschätzen; immerhin sah er in dem Bestreben auf Schaffung einer allgemeinen Vertretung des jüdischen Volkes und in der Anerkennung'der Bedeutung des Orients für die Lösung der jüdischen Auswandererfrage eine bemerkenswerte Annäherung an die zionistischen Prinzipien.

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