Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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noch dort irgendwelchen Anhang haben. In ähnlicher Weise, nur noch in größerm Umfange, findet man unter den jungen Männern eine große Anzahl, die als Avantgarde herübergeschickt worden sind. Jeder Unterstützungsverein weiß, wie viele junge Juden umherwandern, ohne Freunde und Verwandte auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans, von einem Orte zum andern ziehen, hilflos und hoffnungslos, und die Hospitäler und die Heilstätten für Lungenkranke wissen dieselbe Mär zu erzählen. Viele, die zum goldenen Amerika gekommen sind, um hier zu Wohlstand zu gelangen, finden hier Not, Krankheit und oft elenden Tod. Jüngst erschien auf dem Bureau einer der großen atlantischen Schiffsgesellschaften ein alter Mann und erbat" sich Auskunft über seinen starken gesunden Sohn, der vor einem Jahr oder länger ihm in dieses Land vorausgegangen ist. Nachforschungen ergaben, daß der Junge Mann nach fünf Monaten Zeichen von körperlichen Leiden aufwies, daß ihm aufgegeben wurde, auszuwandern, und auf .dem Wege über das Meer stürzte er sich selbst über Bord. Solche Geschichten könnten vervielfacht werden. Auch Organisationen, die die Einwanderung unterstützen, oder Auskünfte an Auswanderungslustige geben, sollten sehr sorgsam vorgehen, wenn sie die Reise junger Männer und xVlädchen zulassen. Die Leiden und Gefahren, denen sie in Amerika ausgesetzt sind, sind groß genug, um uns zu veranlassen, mit der Genehmigung zu zögern. Vom ökonomischen Standpunkte aus mag es schwieriger sein, für eine ganze Familie Existenzmöglichkeiten zu schaffen, als für einen jungen Mann, oder für ein junges Mädchen, aber das moralische und geistige Risiko ist viel größer bei den letztern. Wir sind in eine Zeitperiode eingetreten, wo wir unser Werk nicht nach Dollars und Cents messen können." § ((□□□□□□ z?^^ FEUILLETON ^o^^^js KETTEN Von Regina Goldschlager Müde schlug sie die Augen auf und blickte todestraurig um sich. Sie waren schwarzumrändert, blutunterlaufen und sahen wie große dunkle Löcher aus. Wo war sie nur? Sie blickte umher, rechts und links, aber die feuchten, vor Schmutz starrenden Wände gaben keine Antwort. Sie wollte ihre Arme erheben, aber etwas zog sie bleischwer hinab. Sie wollte sich aufrichten und .dahin gehen, wo Luft und Licht war und eiskaltes, frisches Wasser, um sich die hämmernden Schläfen zu benetzen, und dann wollte sie den häßlichen Schmutz fortspülen und die verzehrende Glut, die ihr in der trockenen Kehle lag und wie glühende Kohlen brannte. Sie gab sich Mühe, ihr letztes bißchen Kraft raffte sie zusammen, da hörte sie den dumpfen Klang von Ketten . . . . . . Und diese Ketten waren um ihre Hände und Füße gelegt und rasselten bei den geringsten Bewegungen dumpf und drohend, anklagend und stöhnend. Das Blut schoß ihr in den Kopf, und ihr Herz klopfte vor Empörung und Zorn. Mein Gott! Wird sie ewig hier in dieser dumpfen Kammer liegen? Nein, nein, lieber nicht leben. Draußen war ein herrlicher, farbenreicher Frühling, mit goldnem Sonnenregen und sie lag in Ketten und schmachtete nach Licht. Luft und Arbeit . . . O, ich will ja nichts als Freiheit und Arbeit. Ich will die Arbeit für jene Armen, Gemarterten fortsetzen, ich will die unsichtbaren Ghettomauern mit kraftvoller Hand zertrümmern und an Stelle dessen Liebe und Güte bauen und Freundlichkeit und wieder Liebe ... Und sie trug Ketten. Ahnt wer, was das heißt, Ketten tragen und sich nach Freiheit sehnen? Jetzt hat sie die Freiheit verloren. Die Freiheit, die sie erkämpfen wollte für alle jene Mißhandelten, die man nicht als Menschen betrachten will, weil sie arme Juden sind, weil sie vor lauter Fußtritten den Kopf nicht mehr aufrichten können. Mit Riesengewicht lasten auf ihr die schweren eisernen Ketten. Und die Ketten rasseln und rasseln und erzählen lange endlose Geschichten von Tränen und Schmerz, von Verzweiflung und Wahnsinn. Still, ohne Schmerzensschrei, ohne Wutausbrüche erzählen sie und erzählen, und werden niemals müde. Und wenn sie fest geschmiedet sind um Hände und Füße, so daß das Blut hervorsickert in kleinen. karminroten Tropfen,- erzählen sie noch besser, und der Gefesselte horcht mit wildem Schmerz. Es wird ihm kalt und kälter, Knochenhände legen sich um seine Brust und gleiten herauf und umfassen die Kehle mit wilder Gier, daß ihm der Atem ausgeht. „Einstmals umschlossen wir zarte Mädchenhandel flüstern die Ketten. „Sie hatte niemand auf Erden, nur ihren alten Vater, den die ,schwarzen Hundert' blendeten, nachdem sie ihre Mutter und ihre Brüder abgeschlachtet. Täglich führte sie ihren Vater in das Beth-Hamidrasch. Auf diesem Wege hatte sie einst das Unglück, einem betreßten Herrn mit goldnen Rockknöpfen zu gefallen. Weil sie rein und keusch war, ließ er sie fesseln. Irgendein Verbrechen war bald formuliert. Sie ängstigte sich vor dem Dunkel und dem Alleinsein und hatte Sehnsucht nach dem blinden Vater, der gewiß die Tefilim nicht finden konnte, der stolpernd sich zum Bethaus tastete. Sie begann zu weinen und weinte, bis der russische Staatsmann sich die Beute abholte. Man warf uns achtlos beiseite, und man zog ihr seidene Kleider an und legte sie auf seidene Kissen. Der ungewohnte Prunk blendete ihre Augen, dann aber fühlte sie die Schmach, und es lastete auf ihr die Sünde. Ein eisiger Reif beklemmte ihre Brust, ihr ekelte vor dem Manne, der ihre Augen, ihre Hände, ihr Haar, nur nicht sie selber liebte.. Es schmerzte sie ihr wundgeküßter, zerschundener Leib, da spie sie ihm ins Gesicht und. zerkratzte seine Hände. Schäumend vor Wut stieß er die Unerfahrene, Befleckte hinaus in das Leben. Und dann kam das alte Ende vom Liede: Toller Rausch, Schwelgen in schmerzvoller Lust . . . Bluthusten, Krankenhaus, Tod ..." „O stille, Ketten, stille, es schmerzt mich mein Ohr.* Aber den nimmermüden Ketten, geht der Atem' nicht aus, sie rasseln weiter: „Es kam ein ungestümes Weib voll strotzender Jugendkraft. Sie war wie du, eine Weltverbesserin mit hohen Idealen und reicher Phantasie. Draußen auf dem sturmbewegten Schlachtfeld des Lebens harrte.ihrer eine unermeßliche Arbeit. Sie hat an uns gerüttelt und gezerrt, bis sie sich das Fleisch vom Leibe riß. Und als ringsum schlammiges, dunkelrotes, kotbeschmutztes Blut war, ergriff sie ein Ekel, und sie hat sich getötet. . . "